Ehrliche Antwort: nein.
Ich war mit einem Studienkollegen einen Kaffee trinken, wir sprachen über Themen für die Diplomarbeit. Neben dem Café sah ich einen Sexshop. Da fiel mir eine Episode ein, die ich vor einigen Jahren bei einem Praktikum in einem Pflegeheim erlebt hatte.
Ein Bewohner befriedigte sich selbst. Das war für das Personal erschreckend. Keiner konnte so richtig damit umgehen, es wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen.
... Ja, es gibt mittlerweile auch schöne Filme, „Wolke 9“ zum Beispiel.
So ist es. Das Thema ist mit Scham und vielen Ängsten belegt, vor allem bei den Pflegekräften und den Angehörigen. Weniger bei den Bewohnern, die sind da meist locker, sie reden ganz offen darüber. Und man muss sagen, für die Heime gibt es wichtigere Themen. Sie wollen erst einmal die gesetzlichen Qualitätsauflagen erfüllen: Sie müssen das Wundliegen von Bewohnern verhüten, sie müssen Stürze verhindern, sie müssen die Pflege penibel dokumentieren. Da bleibt wenig Zeit, beispielsweise eine Fortbildung zum Umgang mit Sexualität zu organisieren. Es fehlt aber auch der Mut dazu. Ich bekomme oft zu hören: „Ja, das ist ein wichtiges Thema.“ Aber dabei bleibt es dann auch.
Dass Fortbildungen dazu stattfinden. Dass man im Team über das Thema spricht und gemeinsam Umgangsformen erarbeitet, so wie wir sie auch für die Betreuung sterbender Menschen haben. Auf welche Zeichen achten wir in der Pflege? Welche Rituale sollte es geben? Welche Grenzen gibt es für uns?
Das finde ich schwierig. Es ist nicht so wie beim Thema Sturzgefahr: Wir achten darauf, dass der Bewohner festes Schuhwerk trägt und der Gang gut beleuchtet ist. Wie wollen Sie das beim Thema Sexualität machen? Etwa: "Zwischen 20 und 21 Uhr werden die Zimmer nicht betreten"? Das wäre ja noch schöner! Man kann nur Möglichkeiten aufzeigen.
... nur der Schrank ist abschließbar, stimmt. Schön wäre es, wenn man einen Bewohner direkt beim Einzug danach fragen könnte: „Möchten Sie, dass wir Ihr Zimmer zu bestimmten Zeiten nicht betreten? Brauchen Sie vielleicht Hilfsmittel?“ Aber machen Sie das mal bei einem Menschen, den Sie kaum kennen!
Man erstellt eine Pflegeanamnese, einen Fragebogen, und hier gibt es einen Punkt: "Sich als Mann oder Frau fühlen". Aber da geht es meist mehr darum, ob eine Bewohnerin damit einverstanden ist, dass sie von einem Mann gepflegt wird. Oder ob es noch einen Partner gibt. Eventuell lotet man aus, ob eine Frau im zweiten Weltkrieg vielleicht sexuelle Gewalt erlebt hat. Aber das ist auch so ein Punkt, wo keiner so recht weiß, was er schreiben soll. Im Allgemeinen ist es so, dass man erst einmal abwartet, ob sich der Bewohner von selbst äußert.
Typischerweise ist es so, dass das Personal irgendwann mitbekommt, dass er oder sie masturbiert.
Ich versuche schon, das Personal für das Thema zu sensibilisieren. Leute, klopft an! Und wartet dann ein paar Sekunden auf Antwort. Bei uns wohnt ein Mann, der schaut sich seine Filme an. Das ist auch bekannt, und deshalb betritt der Nachtdienst das Zimmer nicht. Wir haben auch eine Bewohnerin, die befriedigt sich selbst vor den anderen. Da hat jetzt ein Pfleger gesagt: „Okay, dann besorge ich mal Vibratoren.“ Das fand ich schön. Aber er fügte gleich hinzu: „Frau Kästner, Sie sprechen dann mit den Angehörigen.“
Die sind erst mal schockiert, vor allem die Kinder. Nach dem Motto „Meine Mutter oder mein Vater macht so etwas nicht“. Aber was wissen Kinder schon über das Sexualleben ihrer Eltern? Man muss dann die Situation erklären.
Also bei den Männern hier nicht. Mit denen kann ich auch drüber sprechen. Die Frauen behalten das für sich. Und das ist ja auch okay so.
Man muss abwägen. Wenn das für den Betroffenen und sein Umfeld in Ordnung ist, halte ich es für eine gute Idee. Aber es muss ja auch bezahlt werden, das übernimmt ja keine Krankenkasse.
Ja. Denn ich bin sicher, das würde viele Medikamente überflüssig machen. Sexuelle Befriedigung hebt die Stimmung und macht ausgeglichener. Menschen mit Demenz werden ruhiger. Man sollte dazu mal eine Studie durchführen!
Ja. Vor allem Heime in kirchlicher Trägerschaft tun sich da schwer. Man muss auch sehen: Die Angehörigen haben sich ja meist ganz bewusst für ein bestimmtes Heim mit einer bestimmten Ausrichtung entschieden. Die wären dann natürlich sehr verstört, wenn sich der Heimleiter so äußern würde.
Was der Patient früher gemacht hat, lebt er jetzt doppelt aus, und das gilt besonders für den Bereich Sexualität. Man muss ja auch keine Rücksicht mehr nehmen. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Dass sich jemand früher wenig aus Sex gemacht hat, weil er aus einem konservativen Elternhaus kam, und jetzt, mit der Demenz, bricht das aus. Die Menschen werden dann auch mit ihren Ausdrücken sehr deutlich. Da steht man dann da und sagt: „Oh là là, Frau XY!“
Nicht anders als Pflegekräfte im Heim: Schauen Sie, ob Sie mit Hilfsmitteln wie Vibratoren oder mit Filmen etwas für den anderen erreichen können.
Vielleicht. Aber man muss da über seinen eigenen Schatten springen und sich die Frage stellen: Was würde ich mir in dieser Situation wünschen? Es wäre gut, wenn wir Beratungsstellen für Sexualität im Alter hätten.
Ja. Denn die verstehen das. Man geht immer davon aus, die Betroffenen könnten sich nicht mehr selbst äußern, sobald die Diagnose Demenz steht. Aber das ist ein Irrtum.
Natürlich ist das erst mal unangenehm. Aber ist es denn etwas Böses? Mich stört, dass über sexuelle Regungen nur negativ gedacht wird. Warum sagen wir nicht: Schön, dass mein Vater diese Gefühle noch hat? Das ist doch etwas Natürliches.
Das glaube ich nicht. Denn es besteht die Gefahr, dass man sich als Angehöriger über den anderen lustig macht. Und man bügelt die Situation damit weg, man geht nicht auf sie ein.
Ja. Aber man sollte die Scheuklappen ablegen. Es gibt Menschen, die wollen über Sex reden, und sie wollen ihn auch erleben. Man braucht den Mumm, darüber zu reden. Das ist der wichtigste Schritt.
Unsere Auszubildenden erzählen mir, dass Sexualität im Alter schon ein Thema im Lehrplan ist. Aber keiner von ihnen hatte es bisher im Unterricht, dabei sind alle schon im zweiten oder sogar dritten Lehrjahr.
Der Griff in den Schritt der Pflegerin ist häufig, ja. Da muss man ganz klar sagen: Stopp! Und auch mit der Gestik klar machen, dass das zu weit geht. Das wirkt, das bekommt auch ein leicht demenziell erkrankter Mensch mit. Mir ist wichtig, dass es beiden Seiten gut geht. Was aber nicht sein darf, ist die Finger weg klatschen oder ähnliches.
Da habe ich keine Erfahrung. Aber ich fürchte, eine noch geringere Rolle als hier. Denn die Pflegekräfte sprechen dort viel weniger miteinander als im Heim.
Das hatte ich ursprünglich auch vor. Aber es ließ sich in der knappen Bearbeitungszeit nicht realisieren. Mich kribbelt es schon, die Forschung fortzusetzen. Wir wissen noch so wenig über die sexuellen Wünsche pflegebedürftiger älterer Menschen.
Die Diplom-Pflegewirtin arbeitet als Qualitätsbeauftragte in einem Berliner Pflegeheim
Kai Klindt / Senioren Ratgeber;
01.03.2012, aktualisiert am 06.03.2012
Bildnachweis: W&B/Michael Hughes, Corbis/Douglas Kirkland
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