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Sexualität in der Pflege: "Das ist doch etwas Natürliches"

Auch wer auf Hilfe angewiesen ist, hat erotische Wünsche – nur kümmert sich kaum jemand darum. Welche Lösungen es gibt, erklärt die Berliner Pflegeexpertin Manuela Kästner im Interview


Sexualität gehört zum Leben – in jedem Alter

Frau Kästner, in einer Studie berichten 30 Prozent der über 80-jährigen Frauen, dass sie nachts erotische Träume haben. Sexualität, so scheint es, spielt auch für betagte Menschen eine große Rolle. Ist die Altenpflege darauf eingestellt?

Ehrliche Antwort: nein.

Sie haben sich in Ihrer Diplomarbeit mit Sexualität im Pflegeheim beschäftigt. Was gab den Anlass?

Ich war mit einem Studienkollegen einen Kaffee trinken, wir sprachen über Themen für die Diplomarbeit. Neben dem Café sah ich einen Sexshop. Da fiel mir eine Episode ein, die ich vor einigen Jahren bei einem Praktikum in einem Pflegeheim erlebt hatte.


Was passierte damals?

Ein Bewohner befriedigte sich selbst. Das war für das Personal erschreckend. Keiner konnte so richtig damit umgehen, es wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen.

Sexualität im Alter war in den vergangenen Jahren durchaus ein Medienthema ...

... Ja, es gibt mittlerweile auch schöne Filme, „Wolke 9“ zum Beispiel.

Aber Sexualität in der Pflege ist immer noch ein Tabu?

So ist es. Das Thema ist mit Scham und vielen Ängsten belegt, vor allem bei den Pflegekräften und den Angehörigen. Weniger bei den Bewohnern, die sind da meist locker, sie reden ganz offen darüber. Und man muss sagen, für die Heime gibt es wichtigere Themen. Sie wollen erst einmal die gesetzlichen Qualitätsauflagen erfüllen: Sie müssen das Wundliegen von Bewohnern verhüten, sie müssen Stürze verhindern, sie müssen die Pflege penibel dokumentieren. Da bleibt wenig Zeit, beispielsweise eine Fortbildung zum Umgang mit Sexualität zu organisieren. Es fehlt aber auch der Mut dazu. Ich bekomme oft zu hören: „Ja, das ist ein wichtiges Thema.“ Aber dabei bleibt es dann auch.

Sie arbeiten als Qualitätsbeauftragte in einem Pflegeheim. Was heißt für Sie Qualität in Sachen Sexualität?

Dass Fortbildungen dazu stattfinden. Dass man im Team über das Thema spricht und gemeinsam Umgangsformen erarbeitet, so wie wir sie auch für die Betreuung sterbender Menschen haben. Auf welche Zeichen achten wir in der Pflege? Welche Rituale sollte es geben? Welche Grenzen gibt es für uns?

Sollte es verbindliche Qualitätsstandards für das Personal geben?

Das finde ich schwierig. Es ist nicht so wie beim Thema Sturzgefahr: Wir achten darauf, dass der Bewohner festes Schuhwerk trägt und der Gang gut beleuchtet ist. Wie wollen Sie das beim Thema Sexualität machen? Etwa: "Zwischen 20 und 21 Uhr werden die Zimmer nicht betreten"? Das wäre ja noch schöner! Man kann nur Möglichkeiten aufzeigen.

Ist Intimität im Heim nicht generell schwierig? Es gibt noch Zweibettzimmer, es gibt nächtliche Rundgänge des Personals, die Tür ist nicht abgeschlossen ...

... nur der Schrank ist abschließbar, stimmt. Schön wäre es, wenn man einen Bewohner direkt beim Einzug danach fragen könnte: „Möchten Sie, dass wir Ihr Zimmer zu bestimmten Zeiten nicht betreten? Brauchen Sie vielleicht Hilfsmittel?“ Aber machen Sie das mal bei einem Menschen, den Sie kaum kennen!

Wird denn das Thema Sexualität beim Einzug eines neuen Bewohners überhaupt berücksichtigt?

Man erstellt eine Pflegeanamnese, einen Fragebogen, und hier gibt es einen Punkt: "Sich als Mann oder Frau fühlen". Aber da geht es meist mehr darum, ob eine Bewohnerin damit einverstanden ist, dass sie von einem Mann gepflegt wird. Oder ob es noch einen Partner gibt. Eventuell lotet man aus, ob eine Frau im zweiten Weltkrieg vielleicht sexuelle Gewalt erlebt hat. Aber das ist auch so ein Punkt, wo keiner so recht weiß, was er schreiben soll. Im Allgemeinen ist es so, dass man erst einmal abwartet, ob sich der Bewohner von selbst äußert.

Tut er das denn?

Typischerweise ist es so, dass das Personal irgendwann mitbekommt, dass er oder sie masturbiert.

In Ihrer Einrichtung leben rund 200 Bewohner. Wie sieht hier die Situation aus?

Ich versuche schon, das Personal für das Thema zu sensibilisieren. Leute, klopft an! Und wartet dann ein paar Sekunden auf Antwort. Bei uns wohnt ein Mann, der schaut sich seine 
Filme an. Das ist auch bekannt, und deshalb betritt der Nachtdienst das Zimmer nicht. Wir haben auch eine Bewohnerin, die befriedigt sich selbst vor den anderen. Da hat jetzt ein Pfleger gesagt: „Okay, dann besorge ich mal Vibratoren.“ Das fand ich schön. Aber er fügte gleich hinzu: „Frau Kästner, Sie sprechen dann mit den Angehörigen.“

Wie reagieren die Angehörigen?

Die sind erst mal schockiert, vor allem die Kinder. Nach dem Motto „Meine Mutter oder mein Vater macht so etwas  nicht“. Aber was wissen Kinder schon über das Sexualleben ihrer Eltern? Man muss dann die Situation erklären.

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Masturbation bei den Bewohnern noch mit Schuldgefühlen behaftet ist?

Also bei den Männern hier nicht. Mit denen kann ich auch drüber sprechen. Die Frauen behalten das für sich. Und das ist ja auch okay so.

In den Niederlanden gibt es Heime, die den Bewohnern Prostituierte vermitteln. Wie finden Sie diese Idee?

Man muss abwägen. Wenn das für den Betroffenen und sein Umfeld in Ordnung ist, halte ich es für eine gute Idee. Aber es muss ja auch bezahlt werden, das übernimmt ja keine Krankenkasse.

Würden Sie sich das wünschen?

Ja. Denn ich bin sicher, das würde viele Medikamente überflüssig machen. Sexuelle Befriedigung hebt die Stimmung und macht ausgeglichener. Menschen mit Demenz werden ruhiger. Man sollte dazu mal eine Studie durchführen!

Wenn man mit Heimleitern spricht, hört man schon mal: "Ich bin für den Einsatz von Prostituierten in meiner Einrichtung. Aber ich würde das nie öffentlich äußern." Können Sie das verstehen?

Ja. Vor allem Heime in kirchlicher Trägerschaft tun sich da schwer. Man muss auch sehen: Die Angehörigen haben sich ja meist ganz bewusst für ein bestimmtes Heim mit einer bestimmten Ausrichtung entschieden. Die wären dann natürlich sehr verstört, wenn sich der Heimleiter so äußern würde.

Viele Bewohner eines Pflegeheims sind demenzkrank. Wie verändert die Krankheit die Sexualität eines Menschen?

Was der Patient früher gemacht hat, lebt er jetzt doppelt aus, und das gilt besonders für den Bereich Sexualität. Man muss ja auch keine Rücksicht mehr nehmen. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Dass sich jemand früher wenig aus Sex gemacht hat, weil er aus einem konservativen Elternhaus kam, und jetzt, mit der Demenz, bricht das aus. Die Menschen werden dann auch mit ihren Ausdrücken sehr deutlich. Da steht man dann da und sagt: „Oh là là, Frau XY!“

Die meisten Demenzkranken leben daheim. Wie können pflegende Angehörige mit solchen Situationen umgehen?

Nicht anders als Pflegekräfte im Heim: Schauen Sie, ob Sie mit Hilfsmitteln wie Vibratoren oder mit Filmen etwas für den anderen erreichen können.

Meinen Sie nicht, dass die Angehörigen damit überfordert sind?

Vielleicht. Aber man muss da über seinen eigenen Schatten springen und sich die Frage stellen: Was würde ich mir in dieser Situation wünschen? Es wäre gut, wenn wir Beratungsstellen für Sexualität im Alter hätten.

Würden Sie raten, dass man seinen demenzkranken Angehörigen direkt auf sexuelle Wünsche anspricht?

Ja. Denn die verstehen das. Man geht immer davon aus, die Betroffenen könnten sich nicht mehr selbst äußern, sobald die Diagnose Demenz steht. Aber das ist ein Irrtum.

Nehmen wir an, jemand pflegt seinen demenzkranken Vater, und beim Waschen bekommt der eine Erektion ...

Natürlich ist das erst mal unangenehm. Aber ist es denn etwas Böses? Mich stört, dass über sexuelle Regungen nur negativ gedacht wird. Warum sagen wir nicht: Schön, dass mein Vater diese Gefühle noch hat? Das ist doch etwas Natürliches.

Pflegende Angehörige berichten oft, dass Humor ein gutes Mittel ist, um schwierige Situationen zu entspannen. Gilt das auch hier?

Das glaube ich nicht. Denn es besteht die Gefahr, dass man sich als Angehöriger über den anderen lustig macht. Und man bügelt die Situation damit weg, man geht nicht auf sie ein.

In Ihrer Diplomarbeit sagt eine Pflegerin: „Sexualität ist das letzte Geheimnis, das einem pflegebedürftigen Menschen bleibt. Wir wissen ja sonst alles über ihn.“ Hat sie da nicht recht?

Ja. Aber man sollte die Scheuklappen ablegen. Es gibt Menschen, die wollen über Sex reden, und sie wollen ihn auch erleben. Man braucht den Mumm, darüber zu reden. Das ist der wichtigste Schritt.

Noch tut sich das Personal aber damit schwer. Wie sieht es in der Ausbildung der künftigen Pflegekräfte aus?

Unsere Auszubildenden erzählen mir, dass Sexualität im Alter schon ein Thema im Lehrplan ist. Aber keiner von ihnen hatte es bisher im Unterricht, dabei sind alle schon im zweiten oder sogar dritten Lehrjahr.

Es scheint doch auch aus anderen Gründen wichtig, dass die Pflegenden auf das Thema vorbereitet sind. Sie haben in Ihrer Diplomarbeit festgestellt, dass Bewohner manchmal zudringlich werden.

Der Griff in den Schritt der Pflegerin ist häufig, ja. Da muss man ganz klar sagen: Stopp! Und auch mit der Gestik klar machen, dass das zu weit geht. Das wirkt, das bekommt auch ein leicht demenziell erkrankter Mensch mit. Mir ist wichtig, dass es beiden Seiten gut geht. Was aber nicht sein darf, ist die Finger weg klatschen oder ähnliches.

Wir haben jetzt viel über die Situation im Heim gesprochen. Welche Rolle spielt Sexualität im Bereich der ambulanten Pflegedienste?

Da habe ich keine Erfahrung. Aber ich fürchte, eine noch geringere Rolle als hier. Denn die Pflegekräfte sprechen dort viel weniger miteinander als im Heim.

Sie haben für Ihre Diplomarbeit nur mit Pflegekräften gesprochen. Reizt es sie nicht, die Bewohner zu fragen?

Das hatte ich ursprünglich auch vor. Aber es ließ sich in der knappen Bearbeitungszeit nicht realisieren. Mich kribbelt es schon, die Forschung fortzusetzen. Wir wissen noch so wenig über die sexuellen Wünsche pflegebedürftiger älterer Menschen.

Zur Person


Manuela Kästner

Die Diplom-Pflegewirtin arbeitet als Qualitätsbeauftragte in einem Berliner Pflegeheim




Bildnachweis: W&B/Michael Hughes, Corbis/Douglas Kirkland

Kai Klindt / Senioren Ratgeber; 01.03.2012, aktualisiert am 06.03.2012
Bildnachweis: W&B/Michael Hughes, Corbis/Douglas Kirkland

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