Wie Sie richtig mit Demenzpatienten reden

Kommunikation kann mit einem Menschen, der unter Demenz leidet, sehr schwierig sein. Experten geben Tipps

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 29.01.2016

Reden mit Demenzkranken: Blickkontakt suchen, einfache Sätze verwenden

Strandperle/Makot

Seit Jahren kümmert die Ehefrau sich aufopferungsvoll um ihren Gatten, der an einer Demenz erkrankt ist. Doch als sie nur kurz Zeit für sich haben möchte und ihre Nachbarin zu einem kleinen Plausch einlädt, wird er aggressiv und beginnt den Gast zu beschimpfen. Auch mit Beschwichtigungen lässt er sich nicht beruhigen.

Dieses Szenario dürfte pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz bekannt vorkommen. "Viele verstehen nicht, dass ihr Partner sich wegen der Krankheit so benimmt. Und dass er sich nicht absichtlich boshaft verhält", sagt Sabine Engel. Sie ist Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn und Mitglied der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie schult Angehörige im richtigen Umgang mit Demenzpatienten. Reagiert ein Demenzerkrankter in einer Situation oder einem Gespräch auf einmal aggressiv, sollte das Gegenüber dessen Verhalten nach Möglichkeit nicht als persönlichen Angriff auffassen.


Kommunikation: Welche Schwierigkeiten bei Demenz auftreten

Überhaupt müssen Angehörige bei der Kommunikation mit Demenzpatienten in vielen Bereichen umdenken. "Wir gehen in einem Gespräch in der Regel davon aus, dass andere wissen, was wir meinen", sagt Helga Schneider-Schelte, Leiterin des Beratungstelefons der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin. Das ist schon bei der Kommunikation zwischen zwei gesunden Menschen häufig ein Trugschluss. Bei Demenz kommt erschwerend hinzu, dass Betroffene zunehmend in ihrer eigenen Welt leben. Für den Gesunden selbstverständlich, dass das Paar sich gerade zu Hause befindet – der Demenzkranke hat es möglicherweise vergessen und will heimgehen.

"Angehöriger und Demenzkranker gehen oft von verschiedenen Voraussetzungen aus", sagt Engel. Das kann zu Streit führen, zumal ein Mensch mit Demenz sich seines Gedächtnisverlusts in der Regel nicht bewusst ist.

Deshalb sind vor allem die Angehörigen gefragt, das Gespräch zu steuern und konfliktfrei zu gestalten. Dazu müssen sie sich zum einen über die Krankheit informieren, erklärt Demenzforscherin Engel. So können sie besser einschätzen, warum ihr Gegenüber sich in einer bestimmten Weise verhält.

Angehörige müssen umdenken

Außerdem müssen sie akzeptieren, dass eine Diskussion über Sachfragen – wann ist was passiert? – wenig Sinn ergibt. In der Welt des Demenzkranken gab es eben tatsächlich noch kein Mittagessen – daran ändern auch gegenteilige Versicherungen seiner Ehefrau nichts. Doch bei der Kommunikation tauschen wir nicht nur solche Sachinhalte aus. Jede Botschaft vermittelt auch etwas über die Beziehung zwischen den Beteiligten und ihre Bedürfnisse. Diese sollten beim Reden mit Demenzpatienten im Mittelpunkt stehen.

"Bei der Kommunikation mit Demenzkranken ist das vorrangige Ziel, eine gute Beziehung aufrecht zu erhalten", sagt Engel. Der Angehörige kann seinem Partner mit Demenz zeigen, dass er für ihn da ist, ihm das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben – und so für beide ein menschenwürdigeres Leben ermöglichen.

In den Patienten hineinversetzen

Gerade wenn ein Mensch mit Demenzerkrankung sich aggressiv verhält – wie im anfangs beschriebenen Beispiel mit der Nachbarin –, lohnt es sich, nicht so sehr auf den sachlichen Gehalt der Aussage zu achten, sondern auf den Bedürfnis- und Beziehungsaspekt: Warum wird er wütend? Was will er damit ausdrücken? Vielleicht fühlte der Ehemann sich im oben beschriebenen Szenario ausgeschlossen, als seine Frau sich mit der Nachbarin unterhalten hat. Eine Lösung könnte darin bestehen, dass die beiden Frauen den dementen Menschen immer wieder an ihrem Gespräch teilhaben lassen.

"Aggressivität bei Demenz hat meist einen Auslöser", sagt Schneider-Schelte von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Sie kann verschiedene Ursachen haben – möglicherweise hat der Betroffene Schmerzen. Häufig verhält sich ein Mensch mit Demenz aber einfach deshalb aggressiv, weil er sich überfordert fühlt oder weil er nicht versteht, wovon sein Gegenüber redet. Einige einfache Tipps können Angehörigen dabei helfen, solche Situationen zu vermeiden, Sicherheit zu vermitteln und sich so auszudrücken, dass ein dementer Mensch sie versteht:

  • Orientierung geben: Auf die Aufforderung "Zieh bitte deine Jacke an" reagiert ein Mensch mit Demenz unter Umständen mit Unverständnis. Ihm ist vielleicht nicht bewusst, dass gerade Winter ist. Es hilft, wenn Angehörige zusätzliche Informationen zur Verfügung stellen. "Zieh bitte deine Jacke an, weil es draußen kalt ist."
  • Konkret werden: Die Aufforderung "Decke den Tisch" beinhaltet viele unausgesprochene Handlungsanweisungen. Besser sind klare Anweisungen: "Nimm die Teller und stelle sie auf den Tisch." Das Gleiche gilt bei Fragen. Statt "Was willst du machen?" besser "Möchtest du lieber fernsehen oder Radio hören?" Anstatt "wir" empfiehlt sich, "ich und du" zu verwenden.
  • Einfach formulieren: Komplizierte Sätze sind für Menschen mit Demenz oft schwer verständlich. Deshalb möglichst einfache Wörter verwenden und schwierigen Satzbau vermeiden.
  • Hilfestellung geben: Wer über einen Gegenstand in der Nähe redet, zeigt am besten darauf. Beim Ansprechen nach Möglichkeit den Blickkontakt suchen. So weiß der Betroffene, dass er gemeint ist.
  • Zeit lassen: Menschen mit Demenz ringen oft mit dem richtigen Wort. Nicht einfach reinreden, sondern ihnen Zeit geben, um den passenden Ausdruck zu finden.
  • Informationen wiederholen: Steht etwa Besuch an, in regelmäßigen Abständen immer wieder darauf hinweisen.

Missverständnisse und Streit entstehen zum Teil deshalb, weil der pflegende Angehörige selbst gestresst und gereizt ist. "Manchmal ist es besser, aus dem Zimmer zu gehen, tief durchzuatmen und nach einigen Minuten wiederzukommen. Wenn man sich beruhigt hat, entspannt sich häufig die Situation", rät Schneider-Schelte. Angehörige sollten nicht nur auf den Demenzkranken gut aufpassen, sondern auch auf sich selbst. Auszeiten von der Pflege, Hobbys und Freunde helfen, neue Kraft zu schöpfen. Im Bedarfsfall sollten sie sich nicht scheuen, sich Unterstützung zu holen – etwa, indem sie eine Schulung für Angehörige von Demenzkranken besuchen oder sich in Selbsthilfegruppen austauschen.

Einen Menschen mit Demenz zu pflegen, heißt auch, die eigenen Ansprüche immer wieder anzupassen. Ein längeres Gespräch auf Augenhöhe ist ab einem bestimmten Fortschreiten der Krankheit nicht mehr möglich. Aber mit einem fürsorglichen Satz, einer kurzen Berührung dem Anderen zeigen, dass man da ist – "Das ist in jedem Zustand möglich", versichert Expertin Engel.



Bildnachweis: Strandperle/Makot

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