„Ärzte brauchen Antennen für spirituelle Bedürfnisse“

Mediziner sollten mit Patienten mehr über Krankheit und Leid sprechen, fordert Eckhard Frick, Professor für Spiritual Care an der Hochschule für Philosophie in München. Ein Gespräch

von Juliane Gutmann, aktualisiert am 29.12.2015

Eckhard Frick ist Psychoanalytiker, Arzt und katholischer Priester

W&B/ Bernhard Huber

Herr Professor Frick, bis vor Kurzem hatten Sie die europaweit erste Professur für Spiritual Care inne. Worum geht es da eigentlich?

Dieser wissenschaftliche Teilbereich der Palliativmedizin befasst sich mit der umfassenden, vor allem psychischen Unterstützung kranker Menschen. Es geht um Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem, was die Grenzen des Machbaren und Feststellbaren überschreitet. Hier setzt Spiritual Care­ an.

Schrecken bei „Spiritualität“ nicht viele zurück?

Was den Begriff der Spiritualität angeht, so ist dieser in einem weiten Sinn gemeint. Nicht nur die Religion kann am Ende des Lebens eine Kraftquelle sein, sondern auch eine persönliche Weltanschauung oder eine philosophische Überzeugung. Für viele Menschen gehört die Verbundenheit mit der Natur zu ihrer Spiritualität. Bei anderen wiederum vereinen sich spirituelle und religiöse Ansichten wie bei einem bunten Fleckerlteppich.


Was bedeutet das für den Umgang mit dem einzelnen Patienten?

Als Arzt sollte ich ein Gespür dafür entwickeln und gezielt nachfragen, was meinem Patienten, abgesehen von der medizinischen Therapie, hilft und ihm Kraft gibt. Nur wenn ich das weiß, kann ich auch dafür sorgen, dass ein Patient möglichst das bekommt, was er braucht. Musik etwa spielt für viele eine große Rolle.

Persönliche Kraftquellen zählen nicht nur am Lebensende ...

Besonders dringlich wird die Aus­einandersetzung mit der eigenen Endlichkeit im letzten Lebensabschnitt. Krisen und Krankheiten wie Krebs können aber in jedem Alter über einen hereinbrechen und existenzielle Fragen aufwerfen.

Wie gut schaffen es Ärzte, ein derart sensibles Thema bei ihren Patienten anzusprechen?

In der Praxis werden Leid und Leiden oft tabuisiert, und zwar nicht nur im Zusammenhang mit dem Tod. Vielen Medizinern fehlt die angemessene Sprache, um solche Themen anzuschneiden. Dabei sollten sie den ersten Schritt tun. Wenn der behandelnde Arzt im Gespräch signalisiert, dass Spiritualität bei der Krankheitsbewältigung helfen kann, trauen sich auch schwer kranke Patienten, sich zu öffnen und darüber zu sprechen.

Sie plädieren dafür, allen helfenden Berufen spirituelles Know-how zu vermitteln.

Alle Gesundheitsberufe brauchen eine Antenne, um spirituelle Bedürfnisse von Patienten wahrnehmen zu können. Pflegekräfte sind im Hinblick auf spirituelle Fürsorge besser ausgebildet als Mediziner. Hier besteht Nachholbedarf. Was ist der Tod? Gibt es ein Leben danach? Was bedeutet das für mich? Wie rede ich mit todkranken Patienten darüber? Nicht nur Seelsorger, auch Ärzte und Pflegende sollten sich solche Fragen stellen, um kranke Menschen authentisch und sensibel zu begleiten. 

Wird Spiritual Care in Zeiten von Hightech-Medizin sogar zunehmend wichtiger?

Psychosoziale Fragen werden bei der Behandlung und Pflege von Patienten immer wichtiger. Daher sollte Spiritual Care in meinen Augen weiter gefördert werden. Die Hochschule für Philosophie sieht das genauso: Im Herbst startete dort der Modulstudiengang Spiritual Care.



Bildnachweis: W&B/ Bernhard Huber

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