Ehrenamt im Alter: Für andere da sein

Immer mehr Senioren engagieren sich. Von ihrer ehrenamtlichen Arbeit profitieren alle Beteiligten

von Barbara Erbe, aktualisiert am 27.02.2015

Etwas Sinnvolles tun. Unter Menschen sein. Neues ausprobieren. Es gibt viele gute Gründe, ein Ehrenamt zu übernehmen. Doch für Senioren kommt ein besonderes Motiv hinzu, berichtet Dr. Sonja Ehret, Wissenschaftlerin am Institut für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. "Wer auf ein langes Leben zurückblickt, fühlt oft ein starkes Bedürfnis, etwas von dem, was er in der Welt erfahren hat, an Jüngere weiterzugeben und damit die Nachwelt zu bereichern." Nach mir die Sintflut? Im Gegenteil!

Jeder dritte Senior ist ehrenamtlich aktiv

Ob in der Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder, als Computerlehrer im Altenheim oder bei der Essensausgabe für obdachlose Menschen: Ehrenamtliche sind aus vielen sozialen Bereichen nicht mehr wegzudenken – "und Senioren sind oft ganz vorn mit dabei", betont Gabriella­ Hinn, Geschäftsführerin der Bundes­arbeitsgemeinschaft Seniorenbüros.­ Neben dem Engagement in Kultur, Umweltschutz und Sportverein gehört der Einsatz für jene, die im Schatten stehen, zu den wichtigsten Anliegen der Generation 60 plus.


Gut jeder dritte Bundesbürger leistet ehrenamtlichen Einsatz, weiß Dr. Julia­ Simonson, Leiterin der Forschungsabteilung des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA).

Freiwillig aktiv: 15 Stunden pro Woche – und mehr

Die Soziologin erstellt für das Bundesfamilienministerium den "Freiwilligensurvey" – eine Statistik des Ehrenamts. "Noch sind Jüngere etwas öfter engagiert als Ältere, Männer öfter als Frauen – aber hier scheint sich gerade etwas zu ändern." So sind heute knapp ein Drittel aller Senioren ab 60 ehrenamtlich aktiv, "vor zehn Jahren war es nur gut ein Viertel". Dazu kommt, dass Ältere für die gute Sache meist viel mehr Zeit investieren als Jüngere – "teilweise mehr als 15 Stunden wöchentlich".

"Auffällig ist, dass viele Ältere, die sich ehrenamtlich engagieren, dies auch schon früher getan haben", berichtet Forschungsleiterin Julia Simonson.­ "Sie haben das in guter Erinnerung und kommen gern wieder darauf zurück, sobald sie im Alter mehr Freizeit haben."

Nicht nur mit ihrer Zeit, auch mit ihrem Können gehen die Senioren großzügig um. Jüngeren geht es mehr darum, sich mithilfe des Ehrenamts weiter zu qualifizieren und gesellschaftlichen Einfluss zu nehmen, hat Simonson in Analysen herausgefunden. "Ältere wollen dagegen eher die Gesellschaft an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lassen und schätzen besonders die Kontakte zu anderen Menschen."

Nachbarschaftshilfe, Kinder unterstützen: Viele Möglichkeiten

Auch einige derjenigen, die keiner ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen, wären laut Umfragen prinzipiell gern dazu bereit, erläutert Gabriella Hinn von der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros. "Sie haben nur noch keine gute Sache gefunden, die sie anspricht." Bei der Suche helfen die rund 500 Freiwilligenagenturen und etwa 350 Seniorenbüros in Deutschland.

Andererseits braucht nicht jeder, der sich um andere kümmert, den Stempel Ehrenamt. Für eine kranke Bekannte einkaufen oder bei Bedarf auf die Kinder der Nachbarfamilie aufpassen: "Das ist kein offizielles Ehrenamt, aber es ist bürgerschaftliches Engagement im besten Sinn", stellt Gabriella Hinn klar. Rechnet man diesen nachbarschaftlichen Einsatz hinzu, kommt man bei den Senioren sogar auf eine Engagementquote von 45 Prozent, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2013.

Außerdem sind viele Ältere eine wichtige Stütze im Alltag ihrer Kinder – sei es, dass sie sich um die (Ur-)Enkel kümmern, mal in Haushalt und Garten aushelfen oder den Jüngeren wenn nötig mit einem guten Rat beiseitestehen. "Die Mehrheit der Senioren setzt sich auf verschiedenste Weise für das Gemeinwohl ein – und das wird weiter zunehmen", ist Hinn überzeugt.

Warum Sich-Kümmern im Trend liegt

Hinter der Entwicklung stecken mehrere Ursachen. "Zum einen ist die heutige Rentnergeneration im Durchschnitt gesünder, mobiler und auch besser ausgebildet als alle Generationen vor ihr", erläutert Sozialforscherin Simonson. Zum anderen sind viele ältere Menschen heute weniger in Familienstrukturen eingebunden. "Längst nicht immer sind Enkel oder Urenkel vorhanden, und wenn doch, dann leben sie oft weit weg. Da widmen viele ihre Fürsorge anderen Menschen und Projekten."

Dass bürgerschaftliches Engagement schon seit einiger Zeit in Politik und Medien Thema ist, spielt ebenfalls eine Rolle. "Die Wertschätzung ehrenamtlicher Tätigkeit ist – zu Recht – gestiegen, und auch das motiviert viele, selbst aktiv zu werden."

Gesünder im Alter dank Ehrenamt

Zumal ein Ehrenamt viel zurückgibt. "Soziales Engagement trägt eindeutig zum Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit im hohen und sehr hohen Alter bei", sagt Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg. "Engagierte stehen ja in einem anregenden Austausch mit ihrer Umwelt." Zudem kann die Überzeugung, von anderen Menschen gebraucht zu werden und die Gesellschaft mitgestalten zu können, die Lebenszufriedenheit steigern.

"Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass Menschen, die sich sozial engagieren, im Schnitt eine höhere Lebenserwartung haben als jene, die das kaum oder gar nicht tun", weiß der Alternsforscher. Mehr noch: Von einem Freiwilligenjob profitieren offenbar gerade chronisch kranke Senioren, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Studie aus Kanada. Nach der Analyse der Wissenschaftler sind Ehrenamtliche auch mehr auf den Beinen – ein weiterer Pluspunkt für die Gesundheit.

Engagement ist an kein Alter gebunden

Dafür gibt es keine Altersgrenze. Bei einer Untersuchung an über 85-Jährigen beobachteten die Heidelberger Gerontologen: Wer sich engagiert, fühlt sich durch Krankheiten und sonstige Widrigkeiten des Alters weniger beeinträchtigt als andere in ähnlicher Verfassung. "Das Gefühl der Eingebundenheit in ein großes Ganzes verleiht engagierten Menschen mehr Kraft und innere Stabilität", erklärt Sonja Ehret dazu. Das sei auch bei Menschen so, die sich im hohen Alter erstmals bürgerschaftlich engagieren. Wie etwa die 80-Jährige, die erlebt hat, wie einsam sich ihr Bruder oft im Pflegeheim fühlte, und die seitdem regelmäßig dort vorbeikommt, um einige Bewohner zu besuchen.

Ein Ehrenamt bringt häufig Alte und Junge zusammen. Das fördert nicht nur den Zusammenhalt der Gesellschaft. Es befeuert auch die Kreativität und Produktivität aller, bemerkt Andreas Kruse. "Jüngere schätzen das Wissen der Älteren, Ältere freuen sich an der Spontaneität und am Ideenreichtum der Jüngeren."

Ehrenamt: Gewinn für alle

Ein Beispiel von vielen sind Patenschaften von Senioren für Schüler und Lehrlinge, wie es sie mittlerweile­ an mehreren Orten in Deutschland gibt. "Alle Beteiligten erleben solche Projekte als positiv", weiß Kruse. Der Erfolg ist sichtbar: Die schulischen Leistungen der Jugendlichen verbessern sich, die Auszubildenden fassen leichter im Beruf Fuß. "Der Gewinn für unsere Gesellschaft durch das Ehrenamt alter Menschen ist mit Händen zu greifen."

So sendet der Einsatz der Oldies auch in diesem Punkt ein wichtiges Signal. "Senioren sind keinesfalls nur die Empfangenden", meint Alternsforscherin Sonja Ehret, "sondern in mindestens vergleichbarem Ausmaß auch die Gebenden."


In zehn Schritten zum Ehrenamt

1. Entschluss: Ich will mich engagieren

2. Hand aufs Herz: Wie belastbar sind Sie – körperlich und psychisch?

3. Überlegen Sie, wie viel Zeit Sie investieren können und möchten

4. Welche Organisation kommt für Sie infrage? Erkundigen Sie sich bei der örtlichen Freiwilligenagentur oder dem Seniorenbüro

5. Interessantes Angebot gefunden? Achten Sie auf einen festen Ansprechpartner und eine klar umrissene Aufgabe – sonst ist Unzufriedenheit vorprogrammiert

6. Fragen Sie nach: Welche Mitsprache haben Sie? Können Sie an Teamsitzungen teilnehmen?

7. Gibt es Fortbildungen? Seminare zum Beispiel zu Kommunikation sind oft sehr hilfreich

8. Klären Sie: Bekommen Sie Fahrkosten erstattet? Sind Sie haftpflicht- und unfallversichert?

9. Vereinbaren Sie Schnupperbesuche. Seien Sie dabei ehrlich. Passt es – auch menschlich?

10. Sie haben Ihr Ehrenamt gefunden



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