"Eine Frage der Biografie"

Wie prägt die Geschichte unseren Umgang mit Gesundheit und Alter? Fragen an den Historiker und Altersforscher Franz Pröfener
von Kai Klindt, 07.07.2017

Franz Pröfener von der Hamburger Pflegegesellschaft

W&B/Ronald Frommann

Herr Pröfener, als er 85 war, veröffentlichte der Schauspieler Joachim Fuchsberger, Jahrgang 1927, ein Buch mit dem Titel "Altwerden ist nichts für Feiglinge". Ist diese Haltung typisch für seine Generation?

Das würde ich sagen. Die um 1930 Geborenen, die ich intensiv beforscht habe, gehen häufig sehr nüchtern, geradezu abgeklärt und erstaunlich souverän mit den Herausforderungen des Alters um – wobei das Alter auch dieser Tugend Grenzen setzt.

Woran liegt das? Diese Generation war doch nicht auf Rosen gebettet.

Ich sehe darin einen Teil der Erklärung. Diese Menschen mussten oft schwierige Dinge bewältigen, früh Verantwortung übernehmen und viel improvisieren. Das hat offenbar eine gewisse Haltung befördert, die ihnen jetzt im hohen Alter zugutekommt.

Was verrät Ihnen das Geburts­datum eines Seniors über seinen Umgang mit der Gesundheit?

Zugespitzt könnte man anhand unserer Beobachtungen sagen: Die Generation der 1920er ist noch eher schicksalsergeben – man ist halt irgendwann alt geworden. Die heute 80-, 85-Jährigen haben gelernt, dass man etwas für ein gesundes Alter tun kann – aber das macht der Arzt. Die Senioren, die in den 1940ern geboren wurden, begreifen Gesundheitsvorsorge immer stärker als persönliche Aufgabe – das gilt vor allem für die Frauen.

Man war früher bei Krankheiten nicht gerade zimperlich. Da hieß es: "Beiß die Zähne zusammen."

Das könnte sicher dazu beigetragen haben, dass ältere Menschen mit Schmerzen nicht gerne herausrücken. Bei den jüngeren Senioren beginnt sich das nach meinem Eindruck schon deutlich zu ändern.

Viele haben knappe Zeiten erlebt. Wirkt sich das auf die Ernährungsgewohnheiten aus?

Was ich wirklich als generations­typisch ansehen würde, ist ein sorgsamerer Umgang mit Lebensmitteln. Man wirft nichts weg! Andererseits zeigen uns Studien, dass man Dinge, an denen es in der Kindheit mangelte, in späteren Jahren nicht automatisch mehr schätzt. Auch dass Senioren etwa Steckrüben meiden würden, weil es mal ein Notgericht war, stimmt so nicht. Man darf die Rolle der Geschichte nicht unterbewerten, aber auch nicht überschätzen.

Wo sehen Sie die Grenzen?

Man neigt dazu, alles auf Kindheit und Jugend zurückzuführen. Wir wissen aber, dass auch die Erwachsenenzeit, etwa das Erwerbsleben, darüber entscheidet, wie wir unser Alter erleben. Es ist stets auch eine Frage der individuellen Biografie.

Sie haben Senioren danach gefragt, welche Ereignisse im Rückblick für sie wichtig waren.

Die große Geschichte mit Kriegen und Katastrophen spielt zwar eine Rolle. Es dominieren aber private Erfahrungen. Oft positive, aber auch schwierige: Wie man seinen Partner kennengelernt hat und wie man ihn vielleicht auch hergeben musste.

Sollte ein Arzt die Biografie seiner älteren Patienten kennen?

Ich würde mir zumindest ein Minimum an Orientierung wünschen. In der Pflege nutzt man die Biografie schon, etwa um die Essensvorlieben eines Kranken zu erkunden. Ich denke, dass jeder Ältere aus seiner Geschichte Kraft ziehen kann: Man hat es doch geschafft!


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