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"Ich bin krank, aber keiner glaubt mir"

Finden Ärzte keine organische Ursache für Beschwerden wie Fatigue-Syndrom, Reizdarm oder Fibromyalgie, verstärkt sich oft das Leiden der Patienten. Wie Sie dagegen ankommen

Patientengespräch

Sagt der Arzt "Ihnen fehlt nichts", beginnt für chronisch Kranke oft eine schlimme Zeit

An den Tagen, wo sie zwischen Haarewaschen und Föhnen eine halbe Stunde Pause einschieben muss, merkt Rosemarie Hauten, dass das Leben an ihr vorbeigeht.


Die 72-jährige Berlinerin quält sich. So wie am ersten Tag, und wann der war, weiß sie noch genau: Pfingsten 1966. „Ich habe mich auf dem Dach gesonnt und  Teergeruch eingeatmet. Danach fühlte ich mich total erschöpft und krank.“ Was die gelernte Buchhändlerin damals nicht ahnte: Die Kraftlosigkeit blieb. Sie kroch für immer in ihre Glieder und Gedanken, trieb sie in Einsamkeit, Angstzustände, Frühverrentung – und in unzählige Arztpraxen. Etliche verschiedene Antidepressiva hat die Berlinerin in den vergangenen 40 Jahren verschrieben bekommen. „Erst seit 2005 weiß ich, dass ich unter dem Fatigue-Syndrom leide“, erzählt sie.


Dieses Schicksal teilen in Deutschland viele chronisch Kranke: Schätzungsweise bis zu 300.000 Patienten leiden wie Rosemarie Hauten unter chronischer Erschöpfung, die Mediziner nicht organisch erklären können. Keine Krebsgeschwulst, keine Entzündung, kein kranker Herzmuskel. Ebenso ergeht es Patienten mit Reizdarmbeschwerden, die mit zu den häufigsten in der Hausarztpraxis zählen. Weder Blutprobe noch Darmspiegelung oder Röntgenbild zeigen, warum sich Betroffene ständig mit Bauchweh, Durchfall oder Verstopfung quälen. Ein anderes Beispiel: das Fibromyalgie-Syndrom (FMS).

 

Etwa drei Prozent der deutschen Bevölkerung leiden unter chronischen Schmerzen , die sich keinen eindeutigen körperlichen Ursachen zuordnen lassen. Die Kranken stehen unter hohem Rechtfertigungsdruck. Bis zu fünf Jahre vergehen im Schnitt, bis etwa die Diagnose „Fibromyalgie-Syndrom“ feststeht. Jeder Arztbesuch endet mit den Worten: „Ich finde nichts!“ Das tröstet die Kranken aber nicht, weiß Professor Wilfried Jäckel, Ärztlicher Direktor der Rehaklinik in Bad Säckingen. „Bei dem Patienten kommt an: ‚Der glaubt mir nicht.‘ Dann wechselt er den Arzt und schildert die Beschwerden dramatischer, als sie sind, damit dieser sie ihm auch glaubt.“ Eine Arzt-Odyssee beginnt, deren Folgen Jäckel behandeln muss: „Die Anspannung nimmt zu, und das verstärkt den Schmerz.“


Marlies Schmitz aus Trier hat ebenfalls in diesem Teufelskreis gesteckt. Schon als Kind beschimpften andere die heute 64-Jährige wegen ihrer Schmerzen als wehleidig. Später, als junge Frau, kam zur Demütigung die Angst. Immer Schmerzen, nie eine Diagnose. „Ich habe Krebs, aber die Ärzte sagen es nicht“, fürchtete Marlies Schmitz. Irgendwann riet ihr ein Arzt, sich einige Wirbel versteifen zu lassen. Erst 1998 erklärte ihr ein Orthopäde, warum ihr alles wehtat: „Sie haben ein Fibromyalgie Syndrom“ (FMS), lautete seine Diagnose. Schmitz hat damals gespürt, welche Last von ihr abfiel. „Da hatte ich endlich einen Nachweis für meine Beschwerden in der Hand. Heute lebe ich ruhiger.“


Bekommen Leiden einen Namen, fühlen sich Patienten weniger zu eingebildeten Kranken abgestempelt. „Das sind sie auch nicht“, betont Dr. Winfried Häuser, Facharzt für Psychosomatik und Leiter des Zentrums für Schmerztherapie im Klinikum Saarbrücken. Zwar würden einige Ärzte meinen, dass es Fibromyalgie als Krankheit gar nicht gebe. Doch „diese Behauptung ist falsch“, heißt es in der Patientenversion der Leitlinien (Empfehlungen), die Häuser zusammen mit anderen Experten zum Fibromyalgie-Syndrom erarbeitet hat. Ob der meistens plötzliche Beginn, die Dauer der Beschwerden oder Begleiterkrankungen: „Fibromyalgie-, Fatigue-oder Reizdarm-Syndrom sind durch typische Beschwerdemuster charakterisiert“, erläutert der Saarbrücker Experte.


Aber was steckt dahinter? Fachleute machen mehrere Gründe verantwortlich: „Es gibt biologische, genetische und psychosoziale Faktoren. Sie stehen oft in Wechselwirkungen miteinander“, erklärt Häuser. Doch Marlies Schmitz aus Trier hat schmerzlich erfahren, dass es sich Ärzte wie Angehörige oft zu einfach machen. „Sie behaupten, Fibromyalgie sei nur psychisch bedingt. Aber ich bin nicht psychisch krank. Kein Schmerz macht fröhlich“, wehrt sie sich.


Die Angst, als „verrückt“ zu gelten, ist groß. Viele chronisch Kranke reagieren gekränkt, wenn die Sprache auf seelische Probleme kommt. Rheumatologe Jäckel kann das verstehen. „Die Psyche kann bei der Entstehung einer Krankheit die Hauptrolle spielen, muss es aber nicht“, betont er. Er fragt Patienten, was sie für die Ursache halten: „Ich muss als Erstes das Krankheitskonzept des Kranken herausfinden. Die meisten glauben an körperlich bedingte Schmerzen. Wenn diese Patienten ohne weitere Erklärung zum Psychotherapeuten geschickt werden, fühlen sie sich nicht ernst genommen.Dann bringt die Behandlung nichts“, sagt Jäckel.

 

Physiotherapie und Gymnastik sind hier zunächst Mittel der Wahl. Vom Psychologen angeleitete Entspannungsverfahren entlasten, lindern den Schmerz. Positive Erfahrungen machen offen für neue Erklärungen: „Fibromyalgie ist immer eine Endstrecke von chronischem psychosozialem und körperlichem Stress“, betont Jäckel.



Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber; 17.02.2010
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