"Ich führte ein Doppelleben"

Im Interview erzählt Schauspieler Hardy Krüger von seinen Erlebnissen in der NS-Zeit – und verrät, warum er zum Mond ein besonderes Verhältnis hat
von Thomas Röbke, 21.07.2017

Hardy Krüger mit Ehefrau Anita und Sohn Hardy junior

dpa Picture-Alliance GmbH/Jens Kalaene

Eigentlich heißen Sie Eberhard – wie kamen Sie zu dem Vornamen "Hardy"?

Das war die Idee eines britischen Personaloffiziers, als ich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Jugendfunk des Militärsenders in Hamburg anfing. Er wusste, dass ich vorher an der Adolf-Hitler-Schule auf der Ordensburg Sonthofen zu Führungsaufgaben in der Partei herangebildet werden sollte. Und dass mich das immer wieder einholen würde. Er meinte: "Warum machen Sie es sich nicht ein bisschen leichter? So wie aus dem Wilhelm der Willy wird, machen wir aus dem Eberhard den Hardy." Es kam mir vor, als hätte ich einen neuen Menschen erfunden.

Warum waren Sie auf dieser Nazi-Kaderschmiede?

Ich war ausgesucht worden, mit 13 Jahren. Meine Eltern waren sehr stolz darauf. Sie glaubten an die Nazi-Ideologie, das ging bis zur Hitler-Büste auf dem Klavier. In Sonthofen wiederum wurde ich als Darsteller für den NS-Film "Junge Adler" ausgewählt. Bei den Dreharbeiten lernte ich Hans Söhnker und Albert Florath kennen – diese beiden Schauspieler öffneten mir die Augen. Sie erzählten mir von Bergen-Belsen und Dachau und zeigten mir Filme jüdischer Regisseure. Es war mir unbegreiflich, wie man Menschen verfolgen konnte, die solche großartigen Werke geschaffen hatten.

Das war doch hochgefährlich. Wie konnte Hans Söhnker sicher sein, Ihnen vertrauen zu können?

Mut und Menschenkenntnis. Albert Florath beobachtete mich im Studio, stellte mir Fangfragen und ergründete meinen Charakter, bis er fand: "Der Junge ist sauber." Und für Söhnker war ich dann der Sohn, den er nie hatte. Er hat mir alles übers Angeln beigebracht – und alles über die Mädchen … Und ich war ihnen nützlich mit meiner Uniform, um unauffällig Nachrichten an Widerständler zu überbringen.

Als Sie um die Wahrheit wussten, muss doch Ihr komplettes Weltbild zerbrochen sein.

Es war ja nicht so, dass Söhnker am Dienstag mit mir gesprochen hätte und am Mittwoch war ich ein Anti-Nazi. Das war schon ein langer Prozess.

Wie haben Sie sich Ihren Eltern gegenüber verhalten?

Ich führte ein Doppelleben. Ich konnte ihnen ja nicht sagen, dass ich einen Mann kenne, der sagt: "Hitler ist ein Verbrecher." Mein Vater hätte ihn womöglich verpfiffen.

Und nach dem Krieg?

Als ich meine Mutter in Berlin wiederfand, erzählte sie mir, dass mein Vater von den Sowjets verhaftet worden war. Dass sie einen Selbstmord versucht hatte. Dass mein abergläubischer Vater geglaubt hatte, ich sei tot, als mein Bild über seinem Schreibtisch von der Wand fiel … Ich brachte es nicht fertig, meiner Mutter einen Vorwurf zu machen. Sie fühlte sich schuldig, sie verstand, dass sie mich falsch erzogen hatten.

Sie warnen seit Jahrzehnten vor den Gefahren des Rechtsextremismus …

Das fing 1957 an, als wieder die ersten Hakenkreuze an der Synagoge von Köln auftauchten. Ich war der erste deutsche Schauspieler, der nach dem Krieg ins Ausland ging. Die Engländer kannten nur zwei Deutsche: Adenauer und mich – durch den Sensationserfolg von "Einer kam durch". Ich fühlte mich verantwortlich als Deutscher, den die Engländer mochten, ihnen zu sagen: Wir sind ein anderes, ein demokratisches Deutschland heute. Und meinen eigenen Leuten sage ich seitdem: Seid nicht politikverdrossen, ihr seid mitverantwortlich! Wenn ihr zur Wahl aufgerufen werdet, müsst ihr hingehen. Und ihr müsst den Politikern auf die Finger schauen.

War das auch der Antrieb für Ihr neuestes Buch?

Klar Stellung zu beziehen, ja. Gerade von der jungen Generation erwarte ich, dass sie sich gegen die rechte Gewalt anstemmt und sie unmöglich macht. Mein Buch "Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich" ist mein politisches Testament. Keine Autobiografie, sondern eine Aneinanderreihung von Szenen, die mir passiert sind. In einer Autobiografie muss man ja über Ehefrauen reden, die man fälschlicherweise geheiratet hat, und all diesen Klatsch und Tratsch, das mache ich nicht.

Auch an Schulen berichten Sie von Ihren Erfahrungen … 

Ja, wir wollen im nächsten Jahr eine Ausgabe des Buches speziell für den Einsatz an Schulen herausbringen.

Warum haben Sie nie gemeinsam mit Ihrem Sohn gespielt?

Mich haben schon öfter Produzenten angesprochen: "Wir machen mal einen Film mit Ihnen und Ihrem Sohn." Und wenn ich dann frage: "Mit was für einer Geschichte?", kommt nichts. Offenbar könnten wir auch das Telefonbuch vorlesen oder auf einem weißen Elefanten reiten. Dafür habe ich mich nicht mein ganzes Leben um Qualität bemüht.

Sie haben so viele Länder bereist – sind Sie heute "reisesatt"?

Ich werde nie aufhören, neugierig zu sein. Wie ein Kind frage ich immer noch: "Warum?" Das Reisen wird mir auch jetzt nicht langweilig. Bei meinen Reisen habe ich gemerkt, dass Menschen, ganz egal an welche Götter sie glauben, unglaublich liebenswert sind.

Mit Ihrer Ehefrau leben Sie teils in Kalifornien, teils in Hamburg. 

Wir sind mal hier, mal da, wie es gerade sinnvoller ist.

Zum Mond pflegen Sie ein besonderes Verhältnis …

Das fing an, als ich als kleiner Junge von einem Kindergeburtstag nach Hause ging und der Mond voll am Himmel stand. Als ich losgegangen bin, ist er mit mir losgegangen. Wenn ich stehen geblieben bin, ist er auch stehen geblieben … Er hat mich bis nach Hause begleitet, und ich habe mich in der Haustür von ihm verabschiedet. Diese Beziehung zum Mond habe ich mir erhalten. Wenn ich in anderen Ländern war und ganz besonders, wenn ich mit Anita in der Südsee war. Dann haben wir immer Guten Abend zum Mond gesagt, der war immer da für uns beide. Ganz egal, wohin man kommt, der Mond ist immer schon da – das ist doch wunderbar!   

dpa Picture-Alliance GmbH/Felix Kästle

Zur Person:

  • Hardy Krüger wurde am 12. April 1928 in Berlin geboren.
  • Weltenbummler: Nach Kriegsende machte Krüger international Filmkarriere und stand u.a. mit John Wayne und James Stewart vor der Kamera. Zweitkarriere als Schriftsteller. Von 1987 bis 1995 in der TV-Reportagereihe "Weltenbummler".
  • Zuhause: Aus erster Ehe stammt Tochter Christiane Krüger. Mit der Malerin Francesca Marazzi bekam er die Kinder Malaika und Hardy. Seit 1978 lebt er mit seiner dritten Ehefrau Anita abwechselnd in Kalifornien und in Hamburg. Mit anderen Prominenten engagiert er sich in der Initiative "Gemeinsam gegen rechte Gewalt".

Lesen Sie auch:

Senioren mit Diabetes: Lachen ist gesund

Prominente im Porträt  »

Hier können Sie die Interviews aus der beliebten Serie im Senioren Ratgeber nachlesen »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Soll man alles verzeihen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages