"Literatur kann uns helfen"

Hält Lesen gesund? Bibliotherapeut Alexander Wilhelm weiß, welche heilenden Kräfte zwischen zwei Buchumschlägen stecken können
von Elke Schurr, 02.03.2017

Lesefreude: Bücher geben Kraft für den Alltag

F1online/Radius Images

Bücherleser leben länger, berichteten Forscher kürzlich. Zeitungs- und Magazinleser profitierten dagegen kaum. Warum eigentlich?

Nun ja, der therapeutische Nutzen gelingt am besten mit Literatur, also mit fiktiven Geschichten. Texte dagegen, die mich dazu bringen zu sagen: "Das erlebe ich hier doch jeden Tag", haben nicht den gewünschten Effekt.

Alexander Wilhelm ist Pädagoge, Sprach- und Bibliotherapeut in Dortmund

W&B/Markus Feger

Wieso? Was passiert denn idealerweise beim Lesen?

Ganz viel. Als Erstes: Eine Geschichte schafft eine Distanz zum Alltag des Lesers. Sie trennt diesen von den Belastungen und Problemen seiner realen Welt. Sie kann mich aus der Grübelei herausholen. Darin liegt eine ganz wesentliche Wirkung der Literatur. Und das klappt hervorragend mit spannender Literatur. Ich kenne eine Frau, die sich durch Krimilektüre die belastende Pflege ihres Mannes erträglich macht. Sie schöpft dadurch Kraft. Also Entspannung durch Spannung, wenn Sie so wollen. 

Aber Literatur kann ja durchaus noch mehr sein als Ablenkung?

Natürlich. Wir lesen Literatur nicht  zum Selbstzweck, sondern immer  als Mittel zum Zweck. Der Leser wird dabei nicht nur in eine andere Welt entführt. Literatur erweitert auch sein Wissen, gibt ihm neue Einsichten. Einer meiner Patienten litt beispielsweise unter einem Konflikt mit seinem Sohn. In einem Buch stieß er auf eine Lösungsmöglichkeit, auf die er selbst gar nicht gekommen wäre. Auch die Empathie, also die Fähigkeit mitzufühlen, wird durchs Lesen gestärkt. Sie leben und leiden mit Ihrer Identifikationsfigur. Dadurch können Sie sich besser in andere Menschen hineinversetzen. Im Idealfall werden Sie toleranter.

Schaffe ich das besser mit Schiller oder eher mit Rosamunde Pilcher?  Welchen Stoff raten Sie wem?

Man kann zwar Bücher nicht wie Pillen empfehlen. Denn welche Geschichten jemandem etwas bringen, hängt sehr von den Vorlieben ab, von persönlichen Leseerfahrungen, auch von der momentanen Verfassung. Der eine mag es kompliziert, der andere braucht humorvolle Texte. Ein Punkt allerdings ist durchaus relevant und fast schon Bedingung: Wenn es Ihnen nicht gutgeht, wenn Sie in Problemen stecken, ist es für den therapeutischen Effekt des Lesens wichtig, dass die Geschichte gut ausgeht. Denn wenn mein Problem mit der Literatur größer oder komplizierter wird, lege ich den Text unbefriedigt weg. Wir suchen uns beim Lesen deshalb oft Bücher aus, die uns von innen stärken, die uns gute innere Bilder geben können. Also Stoffe, die uns Kraft geben, um aus einer schlimmen Situation auch positiv herauskommen zu können.

Eine Wirkung, die auch über die Kraft der Sprache funktionieren kann?

Durchaus. Ein Gedicht, ja ein einziger Satz kann den Menschen treffen und glücklich machen. "Und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort", schrieb Eichendorff. In dem Moment, wo ich die Zeile lese, vor allem auch laut lese, und sie mich berührt, öffnet sich auch meine Welt. Sie spiegelt meine Erfahrung wider. Ich fühle mich plötzlich verstanden. Es ist eine Erfahrung der Solidarität. 

Sind es genau diese Dinge, die Sie in Ihrer Bibliotherapie nutzen?

Ja. Die Literatur kann uns helfen, unser Leben im Hier und Jetzt zu bewältigen. Und noch mehr: Sie kann uns auch mit dem Unabänderlichen versöhnen. Sie kann uns dazu bewegen, das Traurige nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen anzunehmen.


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