Ruhestand – und jetzt?

Endlich in Rente! Zur Freude mischen sich bei vielen allerdings auch Wehmut, Unsicherheit, Leere. Wie geht es jetzt weiter? Eine Sinnsuch-Hilfe

von Sandra Schmid, 04.03.2016

Endlich entspannen und die Rente genießen? Einfacher gesagt als getan

Jupiter Images GmbH/Bananastock LTD

Kennen Sie den Film „Pappa ante portas“? Loriot spielt darin den Mittsechziger Heinrich Lohse, der von seiner Firma in den Ruhestand geschickt wird. Zwanghaft will er sich nun zu Hause nützlich machen und die Leere seiner freien Tage füllen – zum Leidwesen seiner Frau Renate. Der rüstige Rentner versucht sich als pragmatischer Einkäufer im Supermarkt („Guten Tag, mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“), lernt seinen Sohn Dieter neu kennen („Mein Sohn ist 16. Er sitzt und spricht.“) und geht mit seinem blinden Aktionismus und seiner bloßen Anwesenheit allen furchtbar auf die Nerven.

Rentenbeginn: Freizeit statt Beruf

Natürlich ist die Rentensituation in der Komödie sehr überspitzt dargestellt. Doch so ganz falsch liegt Loriot mit seinen Beobachtungen nicht. Denn in der Tat: Viele Menschen, vorzugsweise Männer, fallen nach dem Arbeitsleben in ein emotionales Loch. „Der Beruf füllt Männer oftmals voll aus“, erklärt der Altersforscher und Autor Professor Eckart Hammer. „Vor allem für Männer in Führungspostionen ist der Beruf oft nicht nur das halbe, sondern das ganze Leben.“ Auf den plötzlichen Wegfall dieser gesellschaftlichen Säule sind viele Männer nicht besonders gut vorbereitet. Keine Meetings mehr, keine wichtigen Telefonate, keine Anerkennung. „Es gibt zunächst einmal nichts, was ihrem Ruhestand Sinn gibt und ihren Tag ausfüllt.“


Frauen haben es da oft leichter. Sie drohen seltener nach Ende des Arbeitslebens in ein Loch zu fallen. „Frauen stehen schon früh auf mehreren Beinen“, sagt auch Hammer. Sie leben nicht nur für den Beruf, sondern kümmern sich meist mehr um den Haushalt, die Kinder und pflegen ihre sozialen Kontakte. Die Kontinuität in diesen Bereichen macht ihnen den Wechsel ins Ruhestandleben einfacher. Außerdem haben Frauen vielleicht schon früher Brüche dieser Art erlebt. Zum Beispiel kennen sie durch die Elternzeit oft bereits die Situation, für eine gewisse Zeit vom Berufsleben Abschied zu nehmen.

Bereiten Sie sich rechtzeitig auf den Ruhestand vor!

Es ist also gerade für Männer wichtig, sich schon vorher mit dem Thema Rente auseinanderzusetzen. „Arbeiten Sie nicht bis zum letzten Tag voll durch“, rät Sozialgerontologe Hammer. Die Umstellung von hundert auf null macht die Veränderung noch schwerer. Die Arbeitszeit frühzeitig verringern, also in Altersteilzeit gehen, ist eine gute Möglichkeit, sich auf den Ruhestand vorzubereiten. „Außerdem sollten Sie sich klarmachen, dass Kollegen keine Freunde sind“, so Hammer. Suchen Sie also schon frühzeitig Beschäftigungen und Kontakte außerhalb des Arbeitsplatzes.

Rentner stehen das erste Mal in der Geschichte der Menschheit vor einem „dritten Lebensalter“, wie es die Forschung bezeichnet. Heute sind Senioren im Alter von 60 bis 80 Jahren noch weitgehend körperlich und geistig gesund. „Das sind 20 Jahre, die gestaltet werden wollen,“ sagt Hammer. „Das kannten unsere Großeltern nicht. Die haben gearbeitet, bis sie nicht mehr konnten. Danach gab es nur noch eine kurze Zeit, bis sie gestorben sind.“

Kontakt zu anderen halten

Um diese Jahre aktiv zu strukturieren, sollten Sie Hobbys pflegen, sich Freizeitbeschäftigungen zulegen oder regelmäßig Sport treiben. „Sinnvoll kann es vor allem für Männer sein, eine Tätigkeit zu finden, bei der sie Bedeutung für andere haben“, so Hammer. Bleiben Sie im Kontakt mit anderen Menschen und suchen Sie nach einer Beschäftigung, in der Sie Ihre Fähigkeiten auf eine andere Art einbringen können. Das kann gemeinnützige Arbeit oder ein Ehrenamt sein. „Nur Briefmarken sortieren oder den Garten in Ordnung bringen genügt nicht. Der Lebenssinn entsteht in der Regel durch Begegnung mit anderen Menschen.“Der Kontakt mit anderen schützt nicht nur vor Alterseinsamkeit, sondern hält auch das Gehirn fit.

Mehr Zeit mit dem Partner: Chance und Risiko

Apropos Begegnung mit anderen Menschen: Dem Ehepartner werden Sie im Ruhestand nun deutlich häufiger begegnen. „Das kann sehr schön sein für beide, weil man nun endlich die Zeit hat, die Sachen zu tun, die man schon immer gemeinsam machen wollte“, so Hammer. Gemeinsame Reisen, gemütliches Frühstücken, schöne Wandertouren unter der Woche.

Gleichzeitig ist dieses Mehr an Zeit natürlich auch eine große Herausforderung. „Für viele Paare ist das eine Premiere“, so Hammer. Gerade noch waren die Ehepartner eingespannt im stressigen Alltag mit Beruf, Kindern und Haushalt. Und nun diese völlig entpflichtete Zeit. „Da lernen sich einige Partner noch einmal völlig neu kennen", so der Experte. "Und leider auch manchmal hassen.“

In der Tat: Der Ruhestand kann zu einer Beziehungskrise führen. „Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Ehen im Alter eher schlechter werden. Die Scheidungsrate bei Senioren ist in den letzten Jahrzehnten drastisch gestiegen.“ Hammer empfiehlt in solchen Krisen die Hilfe von Fachleuten, die Senioren in Paargesprächen und Seminaren durch diese schwierige Zeit helfen. „Auch wenn die Hemmschwelle hoch ist, sollten sich die Senioren vor Augen halten, dass man mit 60 vielleicht noch 30 Jahre vor sich hat, die man zusammen verbringt.“ Und das sollten doch auf jeden Fall gute, entspannte Jahre werden.

Notfalls hilft auch eine gesunde Portion Humor. Halten Sie es mit Loriot. Sollte Ihr Partner irgendwann vollkommen entnervt von Ihrer Anwesenheit sein, gestehen Sie ihm: „Das ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch.“



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Bananastock LTD

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