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Warum lässt sich Liebe nicht erklären, Mary Roos?

Die Sängerin Mary Roos über Disziplin, ihre Einstellung zur Liebe und zum Leben und warum sie einen Fallschirmsprung gemacht hat


Schlagerstar Mary Roos blickt auf eine lange Karriere zurück

Beschleicht Sie Wehmut, wenn Sie frühe Auftritte von sich im Fernsehen sehen?

Nein, keine Wehmut. Ich bleibe da ganz gelassen. Ich habe es nicht so mit dem Gestern. Ich denke auch nicht an morgen, lebe lieber das Heute. Man muss Platz machen für Neues.

Ihr Auftritt 1972 beim europäischen Schlagerfestival wird besonders gerne gezeigt. Sie strahlten so eine Begeisterung und Lebensfreude aus …

Ich hatte die Startnummer eins und dachte: Du hast nichts zu verlieren, lauf einfach raus auf die Bühne. Ich denke, das ist die richtige Lebenseinstellung: sich nicht so viele Gedanken machen über das, was kommt, auch wenn man davor ein wenig Angst hat. Man setzt sich sonst nur selbst unter Druck. Und oft wird es viel leichter, als man denkt. Beispielsweise habe ich einmal die Hauptrolle in einem Musical in Frankreich gespielt und konnte überhaupt kein Französisch.

Das war wirklich gewagt …

Oh ja, und ich habe viele Dinge gemacht, die sehr gewagt waren. Aber es zahlt sich auch aus. Neugierde zahlt sich immer aus. Wenn man von Anfang an sagt: Das kann ich nicht, dann blockiert man sich ja auch.



Mary Roos in den 1970er Jahren

War das immer schon Ihre Einstellung?

Nein, die kam erst später, nachdem ich schon ein bisschen gelebt hatte. Leider – ich hätte das mit 30 Jahren gut gebrauchen können.

Ist das die Weisheit des Älterwerdens?

Ja, das ist sie wirklich. Älter zu werden hat auch sehr viel Positives. Als junge Frau war ich sehr schüchtern und habe mich nie so richtig durchgesetzt, weil ich von allen geliebt werden wollte. Bis man merkt, dass das gar nicht geht, vergeht eine gewisse Zeit.

Hat das Alter noch mehr Vorteile?

Das kommt auf die Tagesform an. Es gibt Tage, da fühle ich mich völlig in Ordnung, und es gibt Tage, da bleibe ich lieber im Bett und habe keine Lust, irgendwohin zu fahren. Ich habe aber auch festgestellt, dass der Spaß meist bei der Arbeit kommt. Wenn ich anfangs so gar keine Lust hatte, wurde es meist sogar am besten.

Also nicht jammern, sondern die Zähne zusammenbeißen? Warum ist Disziplin so wichtig?

Bei jungen Leuten ist das Wort ja sehr verpönt. Dabei ist Disziplin etwas ganz Wertvolles: Sie hilft, leichter mit Dingen umzugehen, sich ihnen zu stellen. Es ist doch einfacher, wenn man Unangenehmes schnell angeht, umso leichter hat man es von der
Backe. Ohne Disziplin geht es nicht in meinem Beruf. Auch wenn man sich nicht gut fühlt, fährt man los.

Haben Sie bei der Erziehung Ihres Sohnes auch sehr auf Disziplin geachtet?

Ich glaube, ich habe sie ihm einfach vorgelebt. Auf Disziplin gedrillt habe ich ihn nicht, sondern ihm eine ganz humane Erziehung angedeihen lassen. Ich habe ihn so erzogen, wie ich auch erzogen wurde: mit sehr viel Liebe und sehr viel Vertrauen.

Ihre Eltern waren Gastronomen. Wie kamen Sie und Ihre Schwester Tina York zum Showgeschäft?

Tina war zur Hochzeit meines damaligen Produzenten mitgekommen. Er fragte sie, ob sie auch singen kann, sie sagte sofort: Na klar! Und so ist sie da reingerutscht.

Und Sie tanzten im elterlichen Lokal auf dem Tisch – der Klassiker?

Es war der Fünfuhrtee im Wohnzimmer … Meine Mutter sagte später, ich hätte mit vier Jahren gesagt: Ich werde „Theaterin“. Ich habe einfach gemacht, mir nichts dabei gedacht.

Zwei Schwestern, ein Beruf. Gibt es da Konkurrenzdenken, Eifersucht?

Es gab nur Sticheleien von außen. Wenn etwas heil ist, findet sich immer jemand, der unbedingt etwas Nega­tives hineintragen will. Zwischen uns war das nie ein Problem. Mal war die eine populärer, mal die andere. „Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“ etwa war ein Riesenhit von Tina.

Welcher Titel ist für Sie der wichtigste?

Da habe ich zwei: „So leb’ dein Leben“ und „Aufrecht geh’n“. Diese beiden haben nicht nur mir, sondern auch vielen anderen geholfen. Weil sehr viel Lebensweisheit darin steckt. Es gibt große Hits, die monatelang auf Nummer eins sind und dann verschwinden. Aber diese Lieder werden bleiben. So etwas ist wie ein Sechser im Lotto.

Sie haben kürzlich Ihren ersten Fallschirmsprung gemacht. Ein alter Traum?

Ja, seit mindestens 15 Jahren. Fliegen ist doch der Urtraum des Menschen. Es war fast eine Minute freier Fall, das ist schon fantastisch. Ich würde das sofort wieder machen. Leider darf man erst nach etlichen Tandemsprüngen, also huckepack, alleine springen.

Hatten Sie keine Angst?

Parallel springt immer ein Kameramann mit. Er sagte, er hätte noch nie jemanden so selig lächelnd aus dem Flugzeug springen sehen. Ich hatte überhaupt keine Angst, ich habe mich einfach gefreut. Darüber, dass der Schirm nicht aufgehen könnte, habe ich gar nicht nachgedacht.

Was steht noch auf Ihrer Wunschliste?

Noch einiges: Ich möchte meinen Segelschein machen, mit einem Kleinbus durch die USA, auf eine Hallig – ein Mensch ohne Träume stirbt.

Aber so kompliziert ist es doch nicht, auf eine Hallig zu fahren ...

Das Hinfahren ist nicht das Thema. Aber länger dort zu bleiben, mich selber auszuhalten. Meine Entscheidungen zu überdenken und neue Weichen zu stellen, ohne von Telefon und Fernseher abgelenkt zu werden. Eigentlich kann ich gut mit mir allein sein. Ich könnte eine Woche zu Hause bleiben, ohne dass mir etwas fehlen würde.

Würden Sie das denn wollen?

Wenn man etwas erleben will, muss man natürlich raus. Jeder muss sich doch fragen: Was kann ich tun, damit ich ein neugieriges Leben behalte?

Sie waren zweimal verheiratet. Was sagen Sie: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“, oder „Gegensätze ziehen sich an“?

Dass zumindest einige Interessen übereinstimmen, ist schon wichtig. Aber ich glaube, die Liebe kann man nicht erklären.

Trotz der vielen Lieder über die Liebe, die Sie gesungen haben?

Trotz der vielen Lieder. Ich gehe den Dingen gerne auf den Grund. Bei der Liebe habe ich das aufgegeben, sie ist einfach zu kompliziert.


Zur Person:

Mary Roos, geboren am 9. Januar 1949 als Rosemarie Schwab in Bingen. Sie hat 50 Jahre Bühnenerfahrung. Ihre erste Schallplatte veröffentlichte sie mit neun Jahren. Seitdem ist sie eine der erfolgreichsten deutschen Sänge­rinnen. Daneben spielte sie Theater und moderierte TV-Shows. Kulthits: „Nur die Liebe lässt uns leben“, „Einmal um die Welt“, „Aufrecht geh’n“. Von 1969 bis 1977 war sie verheiratet mit dem Franzosen Pierre Scardin, von 1982 bis 1989 mit Werner Böhm, Künstlername Gottlieb Wendehals. Mit ihm hat sie den Sohn Julian (*1986). Roos wohnt in Hamburg.




Bildnachweis: Keystone Pressedienst GmbH & Co.KG/Röhnert, DIZ München GmbH/teutopress GmbH

Thomas Röbke / Senioren Ratgeber; 27.06.2012
Bildnachweis: Keystone Pressedienst GmbH & Co.KG/Röhnert, DIZ München GmbH/teutopress GmbH

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