Was im Alter glücklich macht

Die meisten über 60-Jährigen sind laut Umfragen mit ihrem Leben zufrieden. Forscher gehen der Frage nach, welche Faktoren zu einer gelungenen Lebensbilanz beitragen
von Stephan Soutschek , 31.05.2017

Das Alter macht gelassener

Shotshop/Danstar

Die große Mehrheit der 65- bis 85-Jährigen sind mit ihrem Leben zufrieden oder sehr zufrieden, ergab die Befragung eines deutschen Versicherungskonzerns aus dem Jahr 2013. Und in einer Studie der Universität Michigan waren die älteren Befragten im Durchschnitt sogar glücklicher als jüngere Jahrgänge.

Die Umfragen scheinen dem gängigen Bild der Medien zu widersprechen, die das Alter als eine Zeit der Schwäche oder des Leids zeichnen. Ist es stattdessen eine Oase der Zufriedenheit? "Tatsächlich gibt es eine große Vielfalt im Alter", sagt Professor Frieder Lang. Der Psychogerontologe von der Universität Erlangen-Nürnberg forscht unter anderem zu den Themen Zufriedenheit und Lebensqualität im Alter.


Zufriedenheit sinkt oft erst in den letzten Lebensjahren

Wie zufrieden sind ältere Menschen mit ihrem Leben? Die Antwort auf diese Frage hängt auch davon ab, wie man "Alter" definiert. Kaum einer würde sich mit 60 Jahren wirklich als "alt" bezeichnen. Zu Recht: Denn heutige Senioren sind körperlich und geistig jünger als ihre Vorgängergenerationen – dem medizinischen Fortschritt und gestiegenem Gesundheitsbewusstsein sei dank.

Das "echte" Alter fängt erst mit 70, 80 Jahren an. Tatsächlich sinkt erst in diesen letzten Lebensjahren die Zufriedenheit leicht ab, weiß Lang. Das lässt sich mit einem schlechteren Gesundheitszustand und abnehmender Selbstständigkeit erklären. Allerdings sind auch im Hochalter nach wie vor viele glücklich mit ihrem Leben.

Zufriedenheit bleibt oft ein Leben lang konstant

Ändert sich die Zufriedenheit mit den Lebensjahren? Die erforschen nur wenige Studien. "Dabei stellen wir fest, dass die Lebenszufriedenheit im Laufe des Lebens recht stabil bleibt", erklärt Lang. Wer schon mit 30 Jahren ein glücklicher Mensch war, wird das wahrscheinlich auch mit 70 Jahren noch sein. Selbst schwere Krisen können dem wenig anhaben: Zwar fällt die Zufriedenheit nach einem Verlust in aller Regel deutlich ab, doch erreichen die meisten Betroffenen nach einiger Zeit wieder ihr vorheriges Niveau.

Neben dieser persönlichen Glücks-Konstante beeinflussen aber noch andere Faktoren, wie zufrieden oder unzufrieden jemand seinen Lebensabend erlebt. Dabei kommt es neben körperlicher und geistiger Gesundheit vor allem darauf an, die eigenen Lebensumstände anzunehmen und sein Leben selbstbestimmt zu führen.

Selbstbestimmt leben: Entscheidungen selbst treffen

Selbstbestimmtheit bedeutet, dass ein Mensch eigenständig die für ihn relevanten Entscheidungen treffen kann. Diese Fähigkeit ist sehr wichtig für die innere Zufriedenheit, weiß Psychogerontologe Lang. Oft ist sie das letzte, was bleibt.

Im Alter scheint die Selbstbestimmtheit aber zunehmend bedroht zu sein. Schwere Krankheiten oder Pflegebedürftigkeit können sie einschränken. Schon diese Furcht vor diesem Verlust kann zu Unzufriedenheit führen. Allerdings: Völlig verloren geht die Fähigkeit zu eigenen Entscheidungen im Grunde nie. Auch Bettlägerige haben noch Möglichkeiten, ihren Willen durchzusetzen.


Gelassenheit: Die eigenen Erwartungen anpassen

Eine weitere wichtige Eigenschaft ist eine gewisse Gelassenheit, die das Alter oft mit sich bringt. "Während Jüngere eine produktive Unzufriedenheit antreibt, haben Ältere gelernt, was sich ändern lässt und was nicht", sagt Lang. Diese Akzeptanz führt dazu, dass es besser gelingt, Ansprüche und Möglichkeiten in Übereinstimmung zu bringen – und damit letzten Endes mehr Zufriedenheit zu erlangen.

Wie vorteilhaft es bisweilen ist, die eigene Erwartungshaltung herunterzuschrauben, konnte Altersforscher Lang selbst in einer Studie feststellen, die März 2013 veröffentlicht wurde. Dieser zufolge blicken ältere Erwachsene über 60 Jahren nicht nur weniger optimistisch in ihre Zukunft als jüngere. Überraschenderweise waren diejenigen unter den Alten, die pessimistischere Erwartungen für ihre Zukunft hatten, sogar länger gesund. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen: Wer erwartet, dass sich seine persönliche Situation zukünftig verschlechtern könnte, trifft entsprechende Vorsichtsmaßnahmen – und trägt somit dazu bei, dass die eigenen Befürchtungen nicht eintreffen.

Rückblick: Mit dem Leben im Reinen

Ist ein vorsichtiger Blick in die Zukunft oft von Vorteil, scheint ein positiver Rückblick auf das bisherige Leben ebenfalls wichtig für die individuelle Zufriedenheit. Wahrscheinlich jeder kennt Situationen in seinem Lebenslauf, bei denen er sich heute anders entscheiden würde. Wichtig ist, dennoch unter dem Strich eine positive Bilanz zu ziehen und nicht verpassten Gelegenheiten nachzutrauern. Das bedeutet aber nicht, unangenehme Erlebnisse zu verdrängen. Wer sich mit belastenden Erfahrungen plagt, sollte diese am besten aktiv angehen. In schweren Fällen hilft eine Psychotherapie.

Gut altern lässt sich zum Teil erlernen

Wie gelassen jemand sein Leben und die eigenen Umstände akzeptiert, ist vor allem eine Charakterfrage. Einige bringen diese Einstellung von sich aus mit, andere nicht. Und nicht jeder, der diese Eigenschaften nicht besitzt, wird sie sich vollständig aneignen können. Es lohnt sich aber, daran zu arbeiten: "Ein gutes Leben im Alter geschieht nicht einfach von allein. Das ist eine Leistung, die uns etwas abverlangt", sagt Lang.



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