Wie Sie Einsamkeit überwinden

Jeder zehnte Mensch fühlt sich im Alter einsam. Worin die Ursachen liegen und was Betroffene gegen Einsamkeit tun können

von Dagmar Fritz, aktualisiert am 23.11.2016

Einsamkeit kann belasten: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die dann helfen

Shotshop/DC2

Sich in manchen Phasen einsam zu fühlen, gehört zum Leben dazu. Dabei darf man Einsamkeit nicht mit Alleinsein oder Alleinleben verwechseln. "Es gibt viele Menschen, die es genießen, alleine Zeit zu verbringen", erklärt Psychologe Professor Clemens Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin. "Problematisch wird es, wenn man nicht mit anderen in Kontakt kommen kann und niemanden findet, der mit einem das Leben teilt, obwohl man das gerne möchte."

Furcht vor Zurückweisung führt in einen Teufelskreis

Einsamkeit kann viele unterschiedliche Facetten haben: "Menschen, die kaum Freunde oder Bekannte haben, sind sozial einsam", so Tesch-Römer. "Wer keine vertraute Person hat, mit der er seine Sorgen und Nöte besprechen kann, fühlt sich emotional einsam."


Schüchterne Personen und Menschen mit wenig Selbstvertrauen leiden häufiger unter Einsamkeit. "Die Furcht vor Zurückweisung führt dazu, dass sich Menschen zurückziehen und fremden Personen gegenüber verschlossen bleiben", erklärt Psychologe Dr. Oliver Huxhold, der zu diesem Thema am Zentrum für Altersfragen forscht. Hinzu kommt, dass Menschen, die lange unter Einsamkeit gelitten haben, ihre Umgebung häufiger als feindselig und zurückweisend wahrnehmen. "Einsamkeit ist deshalb ein sich selbst verstärkender Prozess", so der Psychologe.

Einsamkeit nimmt im Hochalter zu

Anders als man vermuten möchte, leiden ältere Menschen nicht stärker unter Einsamkeit als junge. Dies ist das Ergebnis des Deutschen Alterssurvey, einer repräsentativen Studie, die das Deutsche Zentrum für  Altersfragen erarbeitet hat. Die Umfrage, die seit zwanzig Jahren regelmäßig Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte untersucht, ergab, dass zehn Prozent aller Menschen im Alter zwischen 40 und 85 Jahren stark unter Einsamkeit leiden. Erst im hohen Alter wird die Gruppe der sehr einsamen Menschen größer. "Dies hat häufig mit dem Verlust des Partners oder anderer, geliebter Menschen zu tun", erklärt Tesch-Römer. 

Gründe sind altersabhängig

Warum Menschen einsam sind, kann sehr unterschiedliche Ursachen haben – und die hängen sehr wohl mit dem Alter zusammen. Seelische oder körperliche Erkrankungen können genauso zu Einsamkeit führen wie Schicksalsschläge. "Schwierige Lebenssituationen erhöhen das Einsamkeitsrisiko über den gesamten Lebensverlauf hinweg", sagt Altersforscher Tesch-Römer.

Einsamkeit kann dann zum Thema werden, wenn sich die Lebenssituation verändert und soziale Verluste eintreten: Wenn man in den Ruhestand geht, wenn die Kinder ausziehen oder selbst ein Umzug ansteht, wenn Freunde erkranken oder die Partnerschaft durch den Tod getrennt wird – jedes Mal geht ein Stück Nähe verloren.

Ein erhöhtes Risiko tragen Menschen, die pflegebedürftig sind und alleine leben. Laut einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) lebt in Deutschland die Hälfte aller Menschen mit Pflegebedarf und ambulanter Versorgung alleine. "Wenn man aufgrund gesundheitlicher Beschwerden nicht mehr an sozialen Aktivitäten teilnehmen kann, stellt sich im Alter häufig Einsamkeit ein", sagt Psychologe Tesch-Römer.

Einsamkeit kann krank machen

Weil Einsamkeit starke psychologische Stressreaktionen im Körper auslöst, kann das Gefühl der Gesundheit schaden: "Lang anhaltende Einsamkeit ist so gesundheitsschädlich wie Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck", weiß Psychologe Huxhold. Eine amerikanische Studie hat ergeben: Einsame Menschen haben gegenüber nicht einsamen durchschnittlich einen höheren Blutdruck. Einsame Menschen fühlen sich öfter antriebslos, leiden unter Schlaflosigkeit, Depressionen und tragen ein stärkeres Demenzrisiko.

Auch das Immunsystem wird geschwächt, weshalb einsame Menschen häufiger Infekte und entzündliche Erkrankungen haben. Depressionen und die Flucht in Alkohol und Medikamente können ebenfalls Folgen sein.

Persönliche Kontakte aufbauen

Menschen sind soziale Wesen – sich mit anderen verbunden fühlen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wer nicht länger alleine sein will, muss sich deshalb auf den Weg machen, um neue, persönliche Kontakte zu knüpfen. Denn sie vertreiben Einsamkeit am wirkungsvollsten.

Damit man möglichst Menschen kennenlernt, die zu einem passen, sollte man sich darüber klar sein: Was interessiert mich? Woran habe ich Freude? Wo treffe ich Menschen mit ähnlichen Interessen? Und was sind realistische Erwartungen an neue Bekannte? Wer diese Fragen für sich beantworten kann, hat gute Chancen im Sportverein, im Schachclub, im Literaturkreis, auf Reisen, beim Wandern, im Chor oder bei kulturellen Veranstaltungen Menschen kennenzulernen, mit denen man gemeinsame Interessen teilt.

Wer Schwierigkeiten hat, andere Menschen persönlich anzusprechen, kann sich auch im Internet austauschen. Dort gibt es für alle Hobbys und Interessen Plattformen, auf denen man sich in Chat-Foren unterhalten kann. Und natürlich kann man im Internet auch auf Datingplattformen gezielt nach einem neuen Partner Ausschau halten.


glückliches Seniorenpaar auf der Wiese

Online einen neuen Partner finden »

Viele alte Menschen in Deutschland sind Single und möchten das ändern. Deshalb sehen sie sich online um. Mit diesen Tipps umgehen sie Fallstricke bei der Partnersuche im Internet »

Selbst aktiv werden

Die Einsamkeit bekämpfen kann aber auch bedeuten, sich nach den eigenen Möglichkeiten wieder mehr zu bewegen. Regelmäßig Spazierengehen, wandern oder zum Schwimmen gehen ist nicht nur gut für den Körper, sondern hilft auch der Seele über trübe Stunden hinweg.

In Kontakt mit anderen zu kommen, kann auch heißen, sich für andere einzusetzen: Ehrenamtliche Helfer werden in Vereinen und im sozialen Bereich immer gesucht. Ob als Lesepaten in der Grundschule, als Gesellschafter im Altenheim oder in der Flüchtlingshilfe – die Möglichkeiten, sich aktiv mit anderen für andere zu engagieren sind vielfältig.

Seniorenberatungsstellen sind ein guter Anlaufpunkt. Dort kann man sich einen Überblick über regionale Angebote verschaffen, die einen wieder unter Leute bringen. Doch für Betroffene, die bereits längere Zeit unter starker Einsamkeit leiden, ist dies nur selten erfolgversprechend: "Wer unter starker Einsamkeit leidet, findet aus diesem Zustand meist nicht so einfach heraus", erklärt Psychologe Tesch-Römer, "In schwerwiegenden Fällen, in denen auch die soziale Wahrnehmung stark beeinträchtigt ist, ist es ratsam, Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen."



Lesen Sie auch:

Seniorin mit Gleitsichtbrille

Was im Alter glücklich macht »

Die meisten über 60-Jährigen sind laut Umfragen mit ihrem Leben zufrieden. Forscher gehen der Frage nach, welche Faktoren zu einer gelungenen Lebensbilanz beitragen »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Fastenzeit: Üben Sie sich in Verzicht?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages