Wie sich die Trauerkultur verändert

Menschen trauern heute anders als früher. Kultur- und Kunsthistorikerin Dr. Barbara Leisner erläutert, wie sich der Umgang mit dem Tod gewandelt hat

von Thomas Röbke, aktualisiert am 05.01.2016

Grablicht und Blumen – traditionelle Symbole für Trauer und Gedenken

Thinkstock/istock

Frau Dr. Leisner, wie hat sich der Umgang mit dem Tod im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Bis in die 1950erJahre gehörte der Tod zum Alltag. Meine Schwiegermutter und meine Mutter gingen noch selbstverständlich davon aus, dass ein Verstorbener in der Kirche oder zu Hause aufgebahrt wurde. Sie wussten von früher Kindheit an, wie ein Toter aussieht.

Welche Rolle spielen dabei die beiden Weltkriege?

Nach diesem Übermaß an Tod wollten die Menschen alles, was damit zu tun hatte, nur noch wegschieben. Bestattungsunternehmen räumten Särge und Urnen aus ihren Schaufenstern. Tod war bis in die 90er etwas, über das man nicht sprach.


Welche Folgen hatte das?

Uns fehlen die Worte, und es gibt keine allgemeingültigen Rituale und Verhaltensweisen mehr. Viele wissen nicht, wie sie mit jemandem, der in Trauer ist, umgehen sollen. Wie man kondoliert, wie man einen Brief schreibt, auf jemanden zugeht – all das ist verloren gegangen.

Sie sagen aber, dass der Tod kein Tabuthema mehr ist.

Das liegt zum einen am Erfolg des Hospizgedankens. Dass man gemerkt hat: Man braucht Orte, an denen menschlich mit Sterbenden umgegangen wird. Und an Aids. Auf einmal starben viele junge Menschen, und ihre Freundeskreise waren konfrontiert mit den traditionellen Bestattungen, die sie aber schrecklich fanden. Sie entwickelten ihre eigenen Formen. Wenn heute am Grab ein Luftballon steigen gelassen wird, dann stammt das aus dieser Zeit. Hinzu kommt: Die Kinder der Generation, die über den Tod nicht mehr reden wollte, denen nichts vermittelt wurde, sind gezwungen, neu darüber nachzudenken.

Wohin geht der Trend?

Immer mehr Menschen wollen es nicht mehr so haben, wie Kirche oder andere Institutionen es vorgeben, es soll individueller sein, persönlich auf den Menschen ausgerichtet. Es geht nicht mehr um das Jenseits oder den Glauben, sondern um das, was vor dem Tod war, das Leben des Einzelnen steht im Mittelpunkt.

Wie reagieren Friedhöfe darauf?

Die klassischen Grabfelder lösen sich auf. Grabanlagen als gärtnerisch gestaltete Quartiere sind der Trend. Auch Kolumbarien, Räume oder Gebäude mit vielen kleinen Kammern für jeweils eine Urne, werden immer beliebter. Die Friedhöfe versuchen wegzukommen von den Steinwüsten und deren Reglementierung. Vorher Undenkbares ist plötzlich möglich: In Essen gibt es einen Urnenfriedhof, auf dem Verstorbene und ihre Haustiere zusammen bestattet werden können.

Verlieren Friedhöfe als Anlaufstellen für Trauernde an Bedeutung?

Ja, schon durch die gestiegene Mobilität: Angehörige ziehen berufsbedingt an andere Orte. Darum werden auch Friedwälder und anonyme Urnenfelder immer beliebter. Aber auch im Internet entstehen neue Trauerorte, etwa in sozialen Netzwerken wie Facebook. Die Internet-Seite eines Verstorbenen wird zur Anlaufstelle für Freunde, Verwandte, Geschäftspartner, die dort aufeinandertreffen und sich austauschen.

In Bremen dürfen Trauernde seit Kurzem die Urne eines Verstorbenen nach Hause nehmen.

Wenn Sie in sehr schwerer Trauer sind, mag es eine Zeit lang vielleicht gut sein, die Urne vor Augen zu haben. Aber um sich von der Trauer lösen zu können, muss man die Urne dorthin geben, wo sie einen richtigen Platz hat. Das sind immer noch unsere Friedhöfe.



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