Die Ehe ist nach vielen Jahren auseinander gegangen; der geliebte Partner ist verstorben: Mit steigendem Alter steigt auch der Anteil der Singles. Das langbewährte Urlaubskonzept – im Paarlauf in die Ferne schweifen – passt irgendwann nicht mehr, das Bedürfnis zu reisen aber bleibt.
Dies gilt vor allem für die „Baby Boomers“, jene Geburtsjahrgänge von 1946 bis 1964, von denen die ersten gerade das Rentenalter erreichen. Reisen sei für diese „jungen Alten“ kein Luxus, sondern pure Notwendigkeit, schrieb die amerikanische Reiseexpertin Kim Ross kürzlich in der „New York Times“. Senioren sind überdies die idealen Reisekunden. Sie haben Geld: Das durchschnittliche Netto-Vermögen der über 65-Jährigen liegt in Deutschland bei 120.000 Euro, so eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Und sie haben Zeit: 50 Prozent der über 60-Jährigen reisen zwei bis drei Mal pro Jahr.
Die steigende Zahl von Senioren sorgt seit Jahren für stabile Zuwächse im Reisemarkt. Die „Oldies on Tour“, wie der Berliner Tagesspiegel in Anlehnung an die beliebten „Baby an Bord“-Autoaufkleber titelte, sind im Gegensatz zu früheren Generationen nicht nur rüstiger, finanziell unabhängiger und weltoffener. Sie sind auch selbstbewusster. Wenn es sein muss, reist man eben ohne Partner.
Die Tourismusbranche passt sich an. Mancher Veranstalter verzichtet vorsorglich auf den Einzelzimmerzuschlag, andere bieten Reisen gezielt für Alleinstehende an. „Singles, ob jung oder alt, sind für die Tourismusbranche eine zunehmend wichtige Zielgruppe“, sagt Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbandes e. V. Die Zeiten, als der Single routinemäßig am „Katzentisch“ platziert wurde, mitleidig beäugt von glücklichen Paaren, scheinen weitgehend vorbei zu sein.
Von Senioren gern gebucht wird die Pauschalreise. Für „Silver Singles“ insbesondere der Cluburlaub eine interessante Option. Dieses Konzept stammt schon aus den 50er-Jahren und wurde ursprünglich ersonnen für junge, kontaktsuchende Singles. Doch Cluburlaub mutierte im Laufe der Jahrzehnte vielerorts zur allumfassenden Familien-Bespaßung. Viele Senioren, ob paarweise oder alleinreisend, stören sich an der Herdenverpflegung und empfinden die Animation am Pool als pure Lärmbelästigung. Doch es gibt Gegenkonzepte für ältere Reisende. Ein Anbieter beispielsweise hat Hotelanlagen im Programm, die auf die Generation 60 plus ausgerichtet sind, mit Nordic Walking, Wellness, Tanz, Multimedia-Abend. Im Cluburlaub treffen sich gleichgesinnte Menschen beim Sport oder anderen Aktivitäten. Keiner bleibt allein. Eine ähnliche Wirkung erzielen Kreuzfahrten: Alleinreisende finden schnell Anschluss. Man kann sich einfach nicht aus dem Weg gehen, und man will es auch nicht.
Alleinreisende Senioren berichten
Hartwig Wennemar (69): „Reisen ohne Kompromisse“
Seitdem ich in Frühpension gegangen bin, fahre ich mindestens zweimal im Jahr ohne meine Frau Brigitte in den Urlaub. Dann geht’s mit dem Wohnmobil nach Frankreich, an den Bodensee oder an die Nordsee. Am Alleinereisen finde ich toll, dass ich meinen Hobbys nachgehen kann, ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie zu haben. An der Nordsee gehe ich vormittags in die Sauna – nachmittags beobachte ich mit meinem Fernglas die Vögel im Watt. Bald mache ich einen Vogelkundekurs auf Sylt.
In Friedrichshafen besuche ich hin und wieder das Dornier-Museum. All das interessiert meine Frau nicht so sehr. Derzeit macht sie einen Spanischkurs in Malaga. Es ist doch toll, wenn jeder für einige Wochen des Jahres seinen eigenen Interessen nachgehen kann. So leben wir ein Stück weit unsere Individualität aus. Natürlich gibt es unterwegs Zeiten, in denen mir Brigitte fehlt: in den Abendstunden – dann spielen wir sonst gerne Karten oder Scrabble.
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Adelheid Rost (70): „Meine Art von Abenteuer“
Ich fuhr schon immer gerne Fahrrad. Aber meine Kinder, die ich alleine aufzog, wollten keine Radreise mit mir machen – ich war ihnen zu langsam. Vor 15 Jahren traute ich mich, allein aufzubrechen. Erst unternahm ich kurze Touren nach Frankreich, dann mehrwöchige Touren an den Atlantik. Ich liebe dieses Kribbeln im Bauch, das ich zu Beginn einer Reise habe: Was werde ich erleben, wen treffen, wo übernachten? Meine Touren sind richtig abenteuerlich. Die bislang schönste Route führte mich auf dem Donauradweg ans Schwarze Meer. In Rumänien übernachtete ich bei Einheimischen oder in Klöstern, das alles hat mich tief beeindruckt. Dieses Jahr möchte ich wieder durch Osteuropa fahren, ich lerne deshalb fleißig polnisch.
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Otto Borgmann (75): "Der Jakobsweg war ein Neuanfang"
Vergangenes Jahr pilgerte ich im Rahmen einer organisierten Gruppentour nach Santiago de Compostela. Das tat mir gut. Jeden Morgen haben wir gesungen, danach sind wir losmarschiert, meist zu zweit. Es war wunderbar, in aller Stille über sich nachzudenken. Ich brauchte einen Neuanfang: Nach einem Schlaganfall pflegte ich meine Frau acht Jahre lang. Als sie 2009 starb, war ich alleine, fühlte mich wie in einem Vakuum. Die Idee, die letzte Etappe des Jakobsweges zu gehen, kam von meiner Tochter. Wir wollten die Vergangenheit aufarbeiten. Kurz vor Reisebeginn bekam sie eine schlimme Diagnose. Doch ich bin froh, dass ich die Tour gemacht habe. Ich bekam einen klaren Kopf, wusste, was ich in Angriff nehmen will: mein großes Haus verkaufen und ehrenamtlich Menschen in einem Seniorenheim betreuen. Ende des Jahres werde ich wieder pilgern – vermutlich von Assisi nach Rom.
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Marianne Prinz (84): „Konzertreisen sind mein Lebenselixier“
Gerade komme ich aus Berlin: Die Wiener Philharmoniker spielten Beethovens Sinfonien. Ein absoluter Genuss! Seit mein Mann vor sieben Jahren starb, lebe ich alleine. Aber das Reisen lasse ich mir nicht nehmen. Meine Musikfreunde, alle deutlich jünger als ich, unterstützen mich bei der Planung und Organisation. Im Internet recherchiere ich, wo interessante Veranstaltungen stattfinden. Jetzt geht es bald nach Baden-Baden ins neue Festspielhaus, ein toller Bau. Brahms mit den Münchner Philharmonikern steht auf dem Programm. Vier Musikreisen im Jahr müssen schon sein. Mehr wären mir aber zu anstrengend.
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Gleiches Interesse verbindet, es schafft Kontakt, fördert Geselligkeit. Deshalb gelten insbesondere Studienreisen als eine ideale Reiseform für Alleinstehende auch höheren Alters. Die Kunst- und Kulturinteressierten erobern unter fachkundiger Anleitung gemeinsam historische Städte, ergründen die Wurzeln unserer Zivilisation, erkunden die Traditionen fremder Völker. Ein Münchner Reiseveranstalter beispielsweise hat sich auf die Bedürfnisse der älteren Kundschaft eingestellt und bietet Studienreisen im Schongang an.
Betreute Seniorenreisen wiederum sind insbesondere für jene älteren Menschen gedacht, die sich die Planung und Durchführung einer Reise nicht mehr allein zutrauen oder aus gesundheitlichen Gründen beziehungsweise aufgrund einer Behinderung auf Unterstützung angewiesen sind. Oder die niemanden haben, mit dem sie ihre Urlaubsfreuden vor Ort teilen könnten. Zu den Anbietern betreuter Reisen zählen unter anderem das Deutsche Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt. Abholservice, Hilfe beim Check-in am Flughafen, Ausflüge am Urlaubsort, Gymnastik und Sport sowie Musik und Tanz am Abend und gezielte Betreuung auf der Reise und am Zielort gehören etwa bei den DRK-„Reisen in bester Begleitung“ zum Standard.
Eine ärztliche Begleitung bei Auslandsrundreisen bieten im Übrigen auch die großen Reiseunternehmen an. Ältere Menschen, die an einer Grunderkrankung leiden oder sich einfach sorgen, dass sie auf der Gruppentour durch ferne Länder medizinische Unterstützung benötigen könnten, sollten gezielt nach Angeboten dieser Art fragen.
Für den kontakt- und partnersuchenden Senior werden mittlerweile auch „Single-Reisen“ ausdrücklich angeboten. Der Markt ist allerdings noch recht überschaubar und oft regional organisiert. Bei einem Hamburger Gruppenreise-Anbieter bilden Single-Reisen das Hauptprogramm. Die Altersgrenze liegt bei 65 Jahren, danach hört der Spaß auf. Dafür verspricht der Veranstalter, die Single-Gruppen nach Möglichkeit je zur Hälfte mit Männern und Frauen zu besetzen und auch ausreichend Gelegenheit zum Flirten zu geben. Eine paritätische Gleichverteilung der Geschlechter bei Reisebuchung und -durchführung könne aber nicht garantiert werden, heißt es vorsorglich auf der Homepage des Veranstalters.
Ob Solo, zu Zweit oder in der Gruppe – Senioren auf Reisen erwarten vor allem zwei Dinge: Qualität und Sicherheit, betont Tourismusforscher Dr. Jürgen Kagelmann von der Universität München. Beides beeinflusse unmittelbar die Wahl des Reisezieles. „Wenn Deutschland im Trend liegt, dann eben, weil man als älterer Mensch weiß, dass es keine Probleme mit der Sprache, mit politischen Konflikten, etc. gibt.“
Reisen, das ist Mobilität pur. Senioren möchten beweglich sein – und das gern auf bequeme Art. Ein Reiseveranstalter ermuntert sehr direkt dazu: „Gönnen Sie sich die Erste Klasse. Sonst tun es Ihre Enkel!“
Ingrid Kupczik, Petra Haas / www.senioren-ratgeber.de;
30.05.2011
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