Orthopädin Dr. Claudia Ludwig über die Vorzüge der Vor-Ort-Behandlung für Patienten mit chronischen Wirbelsäulen- Problemen
Ein schöner Rücken schützt vor Hexenschuss nicht, eher schon eine gesunde Lebensweise
Sieben bis acht Millionen Deutsche leiden ständig unter Schmerzen im Nacken und im Rücken. Viele Patienten erhoffen sich Linderung durch eine gezielte Reha-Maßnahme. Sie kann sinnvoll sein, wenn auch der behandeln de Arzt eine Chance auf Besserung sieht oder wenn es zum Beispiel gilt, nach einer Operation wieder mobil zu werden.
Was viele nicht wissen: Seit dem Jahr 2000 gibt es neben stationären Maßnahmen (Klinik) auch die Möglichkeit der ambulanten Behandlung: tagsüber vier bis fünf Stunden in medizinischen Einrichtungen. „Ambulante Angebote sind meist flexibler und können oft individuell auf die spezielle häusliche Situation des Patienten zugeschnitten werden“, sagt dazu Reinhild Waldeyer vom Bundesverband der AOK (Allgemeinen Ortskrankenkassen) in Bonn.
Wir befragten Dr. Claudia Ludwig, Fachärztin für Orthopädie, physikalische und rehabilitative Medizin in Düsseldorf, nach den Besonderheiten der ambulanten Reha-Behandlung. Gemeinsam mit Prof. Peer Eysel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie an der Universitätsklinik Köln, hat Ludwig den Ärztlichen Ratgeber „Schmerzfreier Rücken“ geschrieben.
Welche Voraussetzung braucht ein Patient für eine ambulante Reha?
Dr. Ludwig: Eine ambulante Reha ist nicht von der Diagnose abhängig. Vielmehr muss gewährleistet sein, dass der Patient in dieser Zeit daheim von Angehörigen oder Freunden versorgt werden kann. Er sollte außerdem Stufen steigen oder zumindest überwinden sowie ein Taxi nehmen können. Auch Patienten, die vorübergehend im Rollstuhl sitzen oder Gehhilfen benutzen, können sehr wohl eine ambulante Reha besuchen.
Wer dagegen komplett urin- oder stuhlinkontinent oder aber alleinstehend und immer auf fremde Hilfe angewiesen ist, braucht eine sehr intensive Pflege, die nur stationär in einem Krankenhaus möglich ist.
Für wen ist eine ambulante Reha besonders geeignet?
Dr. Ludwig: Sie kommt solchen Patienten gelegen – meistens älteren –, die ihr gewohntes Umfeld ungern verlassen, weil sie sich in der Fremde nicht wohl fühlen und dort schlecht schlafen. In derartigen Fällen sind ambulante Therapien eine gute Alternative. Soziale Kontakte werden zudem in der gewohnten Umgebung weiterhin gepflegt. Und ein geliebtes Haustier muss nicht für die Zeit der Reha in fremde Hände gegeben werden.
Welche Vorteile bringt eine Reha in Wohnortnähe?
Dr. Ludwig: Was Patienten in einer ambulanten Einrichtung lernen, können sie sofort zu Hause umsetzen, zum Beispiel das richtige Heben von Lasten. Weil auch Übergewicht den Halteapparat schädigen kann, ist ausgewogene Ernährung ein weiterer Baustein. Neue gesunde Rezepte, die Patienten in der Lehrküche ausprobieren, können sie daheim gleich nachkochen. Bei der ambulanten Reha gehen Therapeuten und Ärzte auf Wunsch des Betreffenden mit ihm nach Hause oder besichtigen den Arbeitsplatz. Dort machen sie Vorschläge, um den Alltag in Zukunft zu erleichtern.
Haben Sie Beispiele dafür?
Dr. Ludwig: Wir zeigen, wo sich in der Wohnung Stolperfallen verstecken, und geben Tipps, wie sie zu beseitigen sind. Bestimmte Tricks und Einstiegshilfen machen bei spielsweise das Baden wieder zu einem Vergnügen. Und am Arbeitsplatz mit Computer überprüfen wir die Sitzhaltung des Patienten. Stimmt die Höhe der Arbeitsfläche, passt der Stuhl? Wie kann der Platz rückenfreundlicher gestaltet werden?
Wie sieht der Tag eines Patienten in der Reha aus?
Dr. Ludwig: Jeder erhält seinen persönlichen Stundenplan. Er hängt von der Belastbarkeit des Einzelnen ab. Ein Tagespensum sieht etwa so aus: In der Sporthalle trainiert der Patient eine halbe Stunde lang auf dem Ergometer, also Radfahren. Danach folgen eine halbe Stunde Entspannungs übungen, etwa nach Jacobson. Nun lernt er in der Rückenschule 30 Minuten, wie er sich richtig bewegt, Lasten hebt und trägt. Anschließend stehen Übungen in der Gruppe auf dem Programm, um die Muskeln gezielt zu kräftigen.
Zwischendurch gibt es kurze Pausen, um zum Beispiel etwas zu trinken. Nach Mittagessen und Ruhezeit folgt ein einstündiges
Bewegungsbad. Es ist ein steter Wechsel zwischen Aktivierung, Erholung und Krankheitsbewältigung.
Wie kann der Patient zum Erfolg beitragen?
Dr. Ludwig: Er muss vor allem motiviert sein und seine Lebensführung ändern. Zu Anfang besprechen wir genau, welche
Ziele er hat und wie sie zu erreichen sind: Wie lassen sich etwa Kraft und Beweglichkeit verbessern? Wie die Selbständigkeit
erhöhen? Ambulante Reha ist keine Kur, sondern ein Konzept, bei dem die Eigeninitiative des Patienten für den Erfolg eine
große Rolle spielt.
Apotheken Umschau
Apotheken Umschau;
12.09.2005, aktualisiert am 04.04.2006
W&B/Jörg Steffens
Anzeige