Tapfer sein wie ein Indianer. Stark sein. Den Schmerz ertragen. Menschen, die solche hohen Ansprüche an sich stellen, begegnet Dr. Peter Zaar häufig. „Gerade über 60-Jährige meinen, sie müssten Rückenschmerzen um jeden Preis aushalten“, bedauert der Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin an den Kliniken Sindelfingen. „Doch nur wer etwas gegen Schmerzen tut, bleibt mobil.“
Viele machen sich das nicht bewusst. Sie nehmen es schicksalsergeben hin, dass sie ihr Kreuz im Alter immer stärker spüren. Drückt die Last der Jahre auf die Wirbelsäule, zeigt diese häufig Verschleißerscheinungen und ist dadurch anfällig für schmerzhafte Malaisen. Nicht die einzige Gefahr, die dem Rücken im Alter droht: Hinter starken Beschwerden kann auch Osteoporose stecken, die die Wirbel angreift und brüchig werden lässt.
Zieht und zerrt es oberhalb des Gesäßes, kann das viele Gründe haben. Häufig macht die Lendenwirbelsäule Probleme. „Auf ihren Wirbeln lastet enormer Druck“, sagt Zaar. Ständig beansprucht, können die Bandscheiben im Alter an Elastizität verlieren und die Wirbel immer weniger gegeneinander abpuffern. Verschieben sie sich als Folge krankhaft, sprechen Experten von Wirbelgleiten. Der Körper versucht das Manko auszugleichen und baut um sie herum neue Knochenmasse, es entstehen Zacken. „Sie können den Wirbelkanal einengen und Nerven reizen“, sagt der Anästhesist. Mitunter erinnert dann jeder Schritt schmerzhaft an die knöchernen Auswüchse im Rücken.
Der Zahn der Zeit nagt auch an den kleinen Zwischenwirbelgelenken, die zur Beweglichkeit der Wirbelsäule beitragen, sozusagen flexibles Verschieben der Wirbelkörper ermöglichen. Bei vielen Menschen nutzt sich im Lauf der Zeit der Knorpel dieser kleinen Gelenke ab und entzündet sich. Das Risiko für eine Arthrose steigt mit zunehmendem Alter.
Je stärker der Verschleiß, umso größer die Last mit dem Kreuz: Diese Vermutung liegt nahe. „Erstaunlicherweise zeigt die Wirbelsäule bei manchen Patienten im Röntgenbild starke Abnutzungszeichen, sie haben aber keine Schmerzen“, sagt Zaar. Bei anderen strahlt der Schmerz bis ins Bein, obwohl sich kaum Anzeichen von Verschleiß feststellen lassen.
Baustelle Rücken: Zement für den Wirbel
Unter Röntgenkontrolle richtet der Chirurg das gebrochene Knochenstück wieder auf:
Der Operateur führt eine Kanüle in den eingebrochenen Wirbelkörper ein.
1/4
Durch die Kanüle führt er einen Ballon ein, bläst ihn auf, der Wirbel richtet sich auf.
2/4
Anschließend spritzt der Arzt Knochenzement in den Ballon.
3/4
Ist der Ballon entfernt, stabilisiert der harte Zement den Wirbel.
4/4
Das Muskelkorsett kräftigen
Wichtig ist, die qualvollen Attacken frühzeitig zu stoppen. Bei leichten, vorübergehenden Beschwerden helfen rezeptfreie Präparate aus der Apotheke, etwa die entzündungshemmenden Wirkstoffe Ibuprofen oder Diclofenac. Lindernd wirken auch die Inhaltsstoffe des Beinwells und des Cayennepfeffers. Bei starken chronischen Beschwerden ist aber eine Therapie unter ärztlicher Aufsicht ein Muss. „Der Schmerz darf sich nicht zu einer eigenen Krankheit entwickeln“, betont Zaar. Ganz oben auf der Liste der verschreibungspflichtigen Arzneien stehen Entzündungshemmer und Mittel gegen schmerzhafte Muskelverspannungen.
Kurzfristig unterstützen bei starker Pein Injektionen direkt an die gereizten Nerven oder in die kleinen Wirbelgelenke. Bei chronischen, kaum erträglichen Schmerzen sind aber Opiate das Mittel der Wahl, „sie helfen dem Patienten langfristig und effektiv“, urteilt der Anästhesist aus Sindelfingen.
Machen abgenutzte Gelenke und Wirbel jede Bewegung zur Qual, schonen sich die Gepiesackten gerne. Bloß keinen Schritt zu viel. „Doch sich aufs Sofa zu legen hilft nicht weiter“, betont Sportwissenschaftler Martin Gatscher. „Bewegung ist das A und O bei verschleißbedingten Rückenschmerzen.“ Der Leiter des Sindelfinger Therapiezentrums wird nicht müde, Leidtragende davon zu überzeugen, dass sich jede Bahn im Schwimmbecken lohnt. Sie schmiert die Gelenke und kräftigt das Muskelkorsett der Wirbelsäule. „Das entlastet die Bandscheiben und beugt weiterem Verschleiß vor“, erklärt Gatscher.
Besonderes Augenmerk legt der Therapeut auf die Bauch- und Rumpfmuskeln: Wie die Verstrebungen bei einem Schiffsmast stützen sie das Rückgrat. „Nur wenn sie im richtigen Kräfteverhältnis zueinander stehen, sind sie stark genug, die täglichen Belastungen der Wirbelsäule abzufedern.“ Ein Schwachpunkt bei vielen Patienten, weiß Gatscher: „Mithilfe von Testgeräten lässt sich herausfinden, welche Muskelgruppen gezielt durch Krafttraining oder Wirbelsäulengymnastik unterstützt werden müssen.“ Mit einem einmaligen Kraftakt im Fitnessstudio ist es dabei nicht getan. Nur wer sich regelmäßig bewegt, hat dauerhaft weniger Schmerzen. Für Sportmuffel eine Herausforderung, ihnen rät Gatscher, sich einer Gruppe anzuschließen, um den inneren Schweinehund zu überwinden.
Wer dafür fachlichen Rat einholt, vermeidet, dass sich falsche Bewegungsmuster einschleichen. „Viele Patienten gewöhnen sich eine Schonhaltung an“, erklärt der Leiter des Sportzentrums. Als Folge verspannen die Muskeln. Sie tun dann noch mehr weh, was die Patienten zu meiden versuchen, indem sie weiter anspannen. „Hier ist es wichtig, Patienten Übungen zu zeigen, mit denen sie schon bei leichten Beschwerden reagieren und den Teufelskreis von Schmerz und Verspannung durchbrechen können.“
Wirbel wieder aufrichten
Äußerst selten, in weniger als einem Prozent der Fälle, werden Patienten mit verschleißbedingten Rückenschmerzen operiert. Etwa dann, wenn sich Schmerzen medikamentös nicht behandeln lassen, Lähmungserscheinungen auftreten oder wegen lädierter Nerven eine Schließmuskelschwäche der Blase oder des Darms auftritt. „Dann versteifen oder verschrauben wir die betroffenen Wirbel oder entfernen überschießende Knochenstücke“, erläutert Professor Axel Prokop vom Zentrum für Alterstraumatologie in Sindelfingen. Der leitende Unfallchirurg operiert viele über 60-Jährige, die ein anderes Altersproblem quält: Osteoporose. „Acht Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen“, warnt Prokop.
Der Knochenschwund schwächt auch das Rückgrat, die Wirbel können brechen. In vielen Fällen bereiten die angeknacksten Knochen starke Schmerzen. Und: Sacken die Wirbel in sich zusammen, geraten dadurch die angrenzenden noch stärker unter Druck – die Gefahr, dass sie ebenfalls brechen, steigt. Es kann Patienten buchstäblich die Luft nehmen: Je mehr gebrochene Wirbel, umso stärker krümmt sich die Wirbelsäule und behindert die Lunge.
Beeinträchtigt die Osteoporose derart die Lebensqualität, wägen die Ärzte individuell ab, ob sie operieren. Sie entscheiden sich meist dafür, wenn der Wirbel frisch gebrochen ist, der Patient über längere Zeit trotz verordneter Arznei heftige Schmerzen hat und sich die Wirbelsäule stark krümmt. Auch muss ausgeschlossen sein, dass hinter Schmerzen nicht doch der Verschleiß der Wirbelsäule steckt. Es gibt verschiedene Verfahren, das Rückgrat zu stabilisieren. Eines davon ist die Kyphoplastie (siehe Grafik im nächsten Kapitel). „Bei diesem Eingriff richten wir die zusammengebrochenen Wirbel mit Zement wieder auf“, erläutert Prokop.
Unter Vollnarkose
Der etwa 20-minütige Eingriff erfolgt meist unter Vollnarkose. „Die Betroffenen können nach dem Eingriff sofort wieder aufstehen, und zwar schmerzfrei“, verspricht Prokop aus seiner Erfahrung heraus. Komplikationen wie der Austritt von Zement in den Rückenmarkskanal treten selten auf. Langzeiterfahrungen mit dem Verfahren liegen allerdings nicht vor. Aber es ist ein Weg aus der Schmerzfalle. So wie die Gymnastik oder die Tablette. Keiner muss Schmerzen einfach still erdulden.
Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber;
17.11.2010, aktualisiert am 08.11.2011
Bildnachweis: W&B/Bernhard Huber, W&B/Martina Ibelherr, Szczesny, W&B/Szczesny, Imago stock & people GmbH
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Diabetes Ratgeber mit Informationen zu Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung