Einem Schwindel auf die Spur zu kommen ist knifflig und gleicht mitunter wahrer Detektivarbeit. Das schlimme Dreh- und Taumelgefühl ist keine eigenständige Krankheit, sondern nur ein Hinweis auf viele mögliche Verursacher. Im neu eröffneten „Integrierten Behandlungs- und Forschungszentrum“ für Schwindel, Gleichgewichts- und Augenbewegungsstörungen der Uniklinik Großhadern in München stehen dafür gleich mehrere „Detektive“ bereit: Integriert heißt, dass sich Neurologen, Kardiologen, HNO- und Augenärzte sowie Psychiater gemeinsam „unter einem Dach“ auf die Suche begeben. Und sie werden meist auch fündig. Die Warteliste für das Zentrum ist entsprechend lang.
„Wir können die Odyssee vieler Patienten hier beenden, weil wir nicht nur mit verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen das Problem besser finden, sondern im Team mit Psychologen und Physiotherapeuten auch besser lösen können“, sagt Dr. Klaus Jahn, einer der beiden Leiter der Münchener Schwindelambulanz. Ein Ansatz, von dem sich auch das deutsche Forschungsministerium Erfolg verspricht: Die Arbeit des Münchener Zentrums wird in den nächsten Jahren finanziell gefördert.
Denn Schwindel ist ein Volksleiden. Jeder dritte über 65-Jährige kennt das Problem. Wenn etwa das bloße Aufrichten im Bett oder ein Blick in den Himmel genügt, dass die Welt sich dreht und es einem übel wird. Neben Kopfschmerz gehört Schwindel zu den häufigsten Leiden in deutschen Arztpraxen. Und wird dort oft erfolgreich behandelt, wenn etwa niedriger oder hoher Blutdruck hinter den Beschwerden stecken.
Doch manchen bleibt Hilfe versagt, weil sich weder beim Allgemein- noch beim Facharzt der Grund für das rätselhafte Leiden finden lässt. „Patienten, die zu uns kommen, haben oft schon fünf, sechs verschiedene Ärzte besucht, mit entsprechend vielen Verdachtsdiagnosen“, weiß Jahn und fährt fort: „Bei vielen Krankheiten kommt Schwindel als Hauptsymptom vor. Zehn Diagnosen reichen aber aus, um 90 Prozent der Patienten richtig einzuordnen.“ So können Viren das Gleichgewichtsorgan im Innern eines Ohrs ausschalten, den Gleichgewichtsnerv entzünden oder im Innenohr zu viel Flüssigkeit verursachen. Manchmal sorgen Ohrsteinchen am falschen Platz für jähe Attacken. Eine Migräne kann sich als Schwindel ausdrücken. Auch Ängste können ein Benommenheitsgefühl begründen und es verstärken. Oder Durchblutungsstörungen schädigen exakt jene Region im Gehirn, die die Signale des Gleichgewichtssinns verarbeitet. Dass von all diesen Ursachen die meisten erfolgreich behandelt werden können, führen die Münchener Experten vor allem auf den fachübergreifenden Ansatz zurück. 90 Prozent der Patienten, so ihre optimistische Einschätzung, geht es nach der Behandlung besser.
Ein Schwindelgefühl allein sagt erst einmal nichts darüber aus, ob es krankhaft ist – denn auch ein Wetterwechsel, Flüssigkeitsmangel oder Nebenwirkungen von Tabletten können benommen machen. Wer in die Münchener Spezialambulanz kommt, muss deshalb mit Fragen rechnen, die dem diffusen Leiden mehr Kontur verleihen: „Werden Ihre
Attacken bei Kopfbewegungen ausgelöst? Oder etwa im Dunkeln? Haben Sie dabei auch Ohrgeräusche oder Probleme beim Sehen? Dreht sich Ihr Kopf wie ein Karussell, oder schwankt der Boden? Begleitet Sie der Schwindel ständig, oder gibt es auch Zeiten ohne Beschwerden? Der erste Diagnoseschritt in der Ambulanz ist das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Es stellt die Weichen für gezieltere Untersuchungen.
Ein Test steht jedoch bei allen Patienten am Anfang, um zunächst zu prüfen, ob das Gleichgewichtsorgan im Innenohr beschädigt ist. Der Patient sitzt dabei vor einem halbkugelförmigen Bildschirm, in dem Kreise wie Sterne übers Firmament sausen. In der Mitte befindet sich ein schräg stehendes Streichholz, das er nun per Drehknopf in die Senkrechte bringen soll. Gesunde schaffen das. Arbeitet das Gleichgewichtsorgan jedoch nicht mehr reibungslos, steht das Streichholz nicht so senkrecht, wie es das eigentlich sollte.
Um die Balance-Organe in beiden Ohren unabhängig voneinander zu überprüfen, greifen die Schwindelspezialisten auch zum Elementaren: Nach einem kalten und warmen Wasserguss in den Gehörgang messen sie über Elektroden die reflexartigen Augenbewegungen, die die beiden Temperaturen auslösen. Das Auge und seine Zuckungen spielen eine zentrale Rolle, um Störungen des Gleichgewichtsorgans, aber auch die der Hirnzentrale zu erfassen. Mini-Kameras und Videoapparaturen an speziell angepassten Brillen oder Masken helfen dabei.
Viele moderne Hightech-Geräte unterstützen die Experten bei ihrer Detektivarbeit. Dazu gehört auch eine Schaumgummiplattform, die jede leiseste Körperbewegung elektronisch registriert. Sie kommt zum Einsatz, wenn viel dafür spricht, dass Ängste einen Schwankschwindel auslösen. Wenn keine Wackelsignale messbar sind, ist zumindest organisch alles in Ordnung. Bei Verdacht auf Parkinson oder Demenz wird der Patient mit offenen oder geschlossenen Augen über eine spezielle Bodenmatte geschickt, die mit Sensoren gespickt ist, und soll dabei Rechenaufgaben lösen. Allein wie er über die Matte geht, gibt Aufschluss über mögliche Hirnstörungen.
So entsteht Gleichgewicht
Im Innenohr sitzt das Balanceorgan mit 3 Bogengängen, Flüssigkeit und Sinneshärchen. Der Gleichgewichtsnerv sendet Signale zum Gehirn.
1/4
Das Auge und seine Bewegungen stabilisieren das Gleichgewicht. Gesteuert werden sie u.a. vom Innenohrorgan.
2/4
Messfühler in Muskeln und Gelenken liefern dem Gehirn Daten zur Position und Bewegung des Körpers im Raum.
3/4
Das Gehirn verarbeitet alle Signale. Es setzt die Infos der Sinnesorgane zu einem Gesamtbild zusammen.
4/4
Bis eine Therapie Erfolg zeigt, dauert es in der Regel Wochen oder Monate. Das hängt von der Ursache ab. Gutartiger Lagerungsschwindel jedoch lässt sich oft in Minuten lindern, wenn der Arzt ein bewährtes Rüttelmanöver beherrscht. Bei diesem heftigen Krankheitsbild, das im Alter gehäuft auftritt, bewegen sich Kalksteinchen an einer Stelle im Innenohr, wo sie nicht hingehören. Die Kristalle lassen sich aus den winzigen Bogengängen wieder herausschleudern, indem der Arzt den Patienten in festgelegten Winkeln nach rechts und links wirft. Sobald die Steinchen den falschen Ort verlassen haben, lässt der Schwindel nach.
Schwieriger gestaltet sich die Lösung, wenn Ältere mit einem Dauerschwindel in die Ambulanz kommen: Bei ihnen steckt oft „ein ganzes Ursachenbündel“ dahinter, so Jahn: Arteriosklerose, Sehprobleme, ein nachlassendes Gleichgewichtsorgan, schwindende Sensibilität an Armen und Beinen und Angst kommen oft zusammen. „Wir gehen die Komponenten einzeln an. Das verspricht mehr Erfolg und ist für den Patienten verständlicher als die Diagnose ‚Altersschwindel‘. Denn damit ist ihm nicht geholfen.“
Eine Schwindeltablette für alle wird es nicht geben. Doch individuelle Medikamente, Physio- und Psychotherapie sorgen dafür, dass die Welt wieder ins Lot kommt.
Elke Schurr / Senioren Ratgeber;
08.08.2011
Bildnachweis: W&B/Ulrike Möhle, F1 online/sodapix
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Diabetes Ratgeber mit Informationen zu Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung