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Hilfe bei Sex-Problemen

Senioren wollen nicht aufs Liebesleben verzichten. Doch Probleme wie Libidomangel, Inkontinenz oder Erektionsstörungen machen ihnen manchmal zu schaffen. Was Sie dagegen tun können


Liebe kennt kennt keine Altersgrenze – Sexualität auch nicht!

Wenn junge Menschen an Senioren jenseits der 70 denken, kommen ihnen womöglich Kaffeekränzchen, Rentnernachmittage und dritte Zähne in den Sinn. Als letztes aber denkt der Mittdreißiger an eine lebendige Sexualität zwischen älteren Damen und Herren.

Dabei ist Lust nicht unbedingt eine Frage des Alters. Dennoch kann es mit den Jahren zu Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr kommen. Professor Rolf Hirsch, Chefarzt an der Gerontopsychiatrie der LVR Klinik in Bonn, beschäftigt sich seit langem mit dem Thema Sexualität im Alter. Er kennt die Probleme älterer Menschen und weiß auch, wie man sie in den Griff bekommt.


 

PROBLEME DER FRAU

Trockene Scheide

„Bei älteren Frauen kommt es häufig zu Erregungsstörungen“, erklärt Hirsch. Diese können unter anderem durch die hormon- und altersbedingte Reduzierung von Körperflüssigkeiten und Sekreten hervorgerufen werden. „Die Vulva wird deutlich trockener.“ Und eine trockene Scheide beim Geschlechtsverkehr bedeutet: brennen, schmerzen, bluten.

Tipps:
Hilfreich können vom Arzt verschriebene Zäpfchen oder Salben mit dem Wirkstoff Estriol (Östrogen) sein. Sie halten die Vagina feucht. Inzwischen gibt es für die örtliche Therapie auch spezielle Vaginalringe, die Östrogen freisetzen. Der Arzt kontrolliert die Patientinnen nach drei Monaten. Zur Fortsetzung der Behandlung wechselt er den Ring aus. Obwohl diese lokalen Hormontherapien in der Scheide als gut verträglich gelten, gibt es Frauen, die auf Hormone verzichten möchten. Der Rat vom Gerontopsychiater: „Es gibt wirksame Gleitcremes ohne Hormone, die man rezeptfrei in der Apotheke erhält.“

Inkontinenz

Viele ältere Frauen haben mit Blasenschwäche zu kämpfen. Manche schämen sich und ziehen sich sexuell zurück.

Tipp:
Nicht heimlich leiden, sondern das Problem beim Arzt ansprechen. Bei Inkontinenz gibt es durchaus Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel Beckenbodentraining. Der Beckenboden lässt sich durch gezielte Übungen kräftigen. Diese lassen sich auch im fortgeschrittenen Alter noch sehr gut ausüben. Ratsam ist es, sich diese Übungen zunächst von einer Physiotherapeutin zeigen zu lassen. Ein regelmäßig durchgeführtes Training stärkt und strafft die Muskulatur. Eine medikamentöse Therapie oder eine Operation kann ebenfalls gegen die Inkontinenz helfen.

Orgasmusschwierigkeiten

Ein weiteres Problem bei Frauen ist, dass sie nicht mehr so einfach einen Orgasmus bekommen oder sogar gar keinen mehr haben. Hirsch hat viele Patientinnen, die sich einreden, dass ihre Libido im Alter weniger ausgeprägt ist. „Und das stimmt natürlich nicht. Es gibt Frauen, die mit 70 Jahren erst ihren ersten Orgasmus erlebt haben.“

Tipps: Wenn Seniorinnen im Alter nicht mehr so leicht zum Höhepunkt gelangen, können regelmäßige Beckenbodenübungen helfen. Studien belegen, dass sich ein gut trainierter Beckenboden positiv auf die Orgasmusfähigkeit der Frau auswirkt. Wenn der Beckenboden bereits trainiert ist, können Frauen auch mit Liebeskugeln oder Scheidengewichten (sogenannte Feminakonen) arbeiten. Diese sehen aus wie Tampons und werden in die Scheide eingeführt. Um diese dort zu halten, zieht sich die Muskulatur reflexartig zusammen und wird dadurch ebenfalls trainiert. Eine Steigerung des sexuellen Empfindens soll damit einhergehen.

Libidomangel

Experte Hirsch weiß auch, dass bei vielen Frauen die Lust auf Sex leidet, wenn sie mit Krankheiten zu kämpfen haben. Diabetes, Polyneuropathie, Rheuma, Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten oder lokale bakterielle Infektionen in der Scheide können das Sexualleben im Alter erheblich beeinflussen. Oft wirken die Medikamente auch negativ auf die Libido der Frauen. Beispielsweise können Psychopharmaka oder blutdrucksenkende Mittel das sexuelle Verlangen beeinträchtigen.

Tipp: Sie sollten sich nicht scheuen mit Ihrem Arzt darüber zu sprechen. Diskutieren Sie, ob nicht alternative Medikamente oder Behandlungen in Frage kommen können. Vorsicht: Setzen Sie verordnete Medikamente nicht einfach eigenmächtig ab, sondern fragen Sie vorher Ihren Arzt!

Psychische Ursachen

Eines der größten Probleme sei allerdings auf der Ebene der Psyche zu suchen, so der Experte. Gerade ältere Frauen haben beim Sex mit vielen Ängsten zu kämpfen. Sie fürchten sich vor Schmerz, Ungeduld, fehlendem Einfühlungsvermögen des Mannes und ziehen sich sexuell zurück, erklärt Hirsch. Manche Frauen lassen sich auch einreden, dass sie nach den Wechseljahren ihre Weiblichkeit verloren hätten. Scham und Unsicherheit, was den veränderten Körper angeht, löst bei ihnen oft eine Abneigung gegenüber sexuellen Aktivitäten aus.

Tipp: Ein gesundes Selbstbewusstsein und eine Versöhnung mit dem sich verändernden Körper kann man nicht von heute auf morgen erlangen. Oftmals tut es gut, mit einem Therapeuten über die Probleme zu reden. Außerdem: Sich regelmäßig berühren und verwöhnen, sich zum Beispiel von Kopf bis Fuß einzucremen, hilft, wieder ein positives Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln.

 

PROBLEME DES MANNES

Erektile Dysfunktion


Bei Männern können der altersbedingte Rückgang des Testosteronspiegels oder Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck Erektionsprobleme mit sich bringen. Auch eine Prostata-Vergrößerung oder Folgen der OP können zu Funktionsstörungen führen, weiß Hirsch. Durch die Einnahme von Medikamenten kann es außerdem zu einer Verengung der Blutgefäße im Penis kommen, was die Erektionsfähigkeit ebenfalls beeinflussen kann.

Tipps: Es gibt einige Behandlungsmethoden, wenn organische Ursachen der Grund für die Erektionsstörungen sind:

  • PDE-5-Hemmer (Phosphodiesterase-5-Hemmer): Diese Tabletten – zum Beispiel mit den Wirkstoffen Sildenafil oder Tadalafil – sind verschreibungspflichtige Medikamente, mit denen Männer Erektionsstörungen bekämpfen können. Durch die Arzneien wird die Durchblutung im Penis gesteigert, nicht die Lust. Sie wirken je nach Substanz vier bis 36 Stunden. Achtung: Die Medikamente sollten bei bestimmten Erkrankungen nicht eingenommen werden. Und eine ausführliche Vorinformation beim Arzt über die Anwendung ist unbedingt notwendig! Der Einnahme von Potenzmitteln steht der Gerontopsychiater generell eher skeptisch gegenüber, denn sie können Nebenwirkungen haben. Ob sie im individuellen Fall tatsächlich angebracht sind, sollten sich Männer daher gut überlegen – am besten nach ausführlicher Beratung durch ihren Arzt.
  • Intrakavernöse Injektionstherapie oder Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT): Dabei setzt der Mann sich unmittelbar vor dem Sex eine Spritze in den Schwellkörper des Penis. Das darin enthaltene Medikament bewirkt, dass das Blut in den Penis einströmt. Etwa zehn Minuten später ensteht eine Erektion. Sie hält – die richtige Dosierung vorausgesetzt – etwa eine Stunde an.
  • Vakuumpumpen: Mit Unterdruck zur gewünschten Erektion? Dabei wird der Penis in einen Glas- oder Plastikzylinder eingeführt und durch manuelles Pumpen ein Vakuum erzeugt. Das führt dann zu einem erhöhten Blutzufluss und damit zu einer Erektion. Mithilfe eines Gummirings, der an der Peniswurzel befestigt wird, kann der Blutrückfluss verhindert werden. Nach dem Geschlechtsverkehr muss der Gummiring allerdings umgehend wieder entfernt werden.
  • Implantat/Penisprothese: Diese Maßnahme kommt nur für die Männer in Frage, bei denen alle anderen Methoden nicht helfen. Diese aus Silikon hergestellten Implantate werden bei einer Operation in den Penis eingesetzt. Eine der Funktionsweisen ist beispielsweise die hydraulische: Hierbei wird eine Art Pumpe in den Hodensack implantiert, welche so viel Flüssigkeit in die Penisprothese eindringen lässt bis, die gewünschte Erektion erreicht ist.

Inkontinenz

Auch bei vielen Männern ist Inkontinenz ein Problem. Der Experte: „Frauen äußern häufig ihren Widerwillen gegen Geschlechtsverkehr, wenn der männliche Partner unter Inkontinenz leidet.“ Aber auch die betroffenen Männer selbst erleben einen großen Leidensdruck: Beschämt und peinlich berührt ziehen sie sich lieber in ein sexloses Leben zurück. Dabei muss das nicht sein, erklärt Hirsch.

Tipps: Diese Schwierigkeiten können durch Medikamente oder Operationen oftmals gut und komplikationslos behoben werden. Ein gezieltes Beckenbodentraining ist auch bei  Männern häufig von Vorteil. Nach Prostatakrebsoperationen leiden beispielsweise viele Männer unter einer Harninkontinenz. Durch Beckenbodentraining lässt sich die Schwäche oft unter Kontrolle bringen.

Psychische Ursachen


Die Psyche spielt auch bei Männern eine bedeutende Rolle. Die Betroffenen stört allerdings weniger ihr älter werdender Körper, sondern sie haben meist Versagensängste, befürchten also, keine Erektion zu bekommen. Diese Angst treibt Männer oft in die Verzweiflung und lässt sie auch unüberlegt auf die unterschiedlichen Potenzmittel zurückgreifen.

Tipps: Die Männer sollten sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihnen hilft auch, regelmäßig zu masturbieren.

Sex ist mehr


Für den Experten Hirsch steht jedoch außer Frage: „Bevor man zu irgendwelchen Mittelchen greift, sollte man mit Entspannungstraining arbeiten.“ Der richtige partnerschaftliche Umgang mit Problemsituationen ist außerdem immens wichtig. „Wenn man in der Beziehung gut damit umgeht und den Partner auffängt, wenn dieser zum Beispiel keine Erektion bekommt“, so Hirsch, „nimmt das den psychischen Druck und kann sich sehr positiv auf das Sexualleben auswirken.“

Um diesen Druck zu vermeiden, ist es gerade für Menschen im hohen Alter wichtig, sich klar zu machen, dass Sexualität mehr ist als nur der reine Geschlechtsakt. Das bestätigt auch Hirsch: „Die Art der Sexualität ändert sich im Alter. Zärtlichkeit, alle Petting-Formen und das intime Miteinander, aber auch Masturbation spielen im Alter oft eine viel größere Rolle.“

Wichtig ist dem Gerontopsychiater zu vermitteln: „Sexueller Kontakt und erotische Bedürfnisse können bis ins höchste Lebensalter gehen.“ Denn, so sagt Hirsch: „Sexualität ist ein Grundbedürfnis bis zum letzten Atemzug.“




Bildnachweis: Thinkstock/Goodshot

Sandra Schmid / www.senioren-ratgeber.de; 29.07.2011, aktualisiert am 29.07.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Goodshot

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