Hilfe bei häufigen Sex-Problemen im Alter

Probleme im Bett sind lösbar: in jedem Alter, bei jedem Handicap. Vier Experten beantworten Fragen aus ihrer Praxis
von Elke Schurr, 21.03.2017

Erfüllte Sexualität: Zusammengehörigkeitsgefühl ist wichtiger als Aussehen

Getty Images/Edvard March

Nach der Hüftoperation meiner Frau habe ich Angst, beim Sex etwas falsch zu machen. Ich habe nun Erektionsprobleme und überlege, Potenzmittel zu nehmen …

Dr. Daniela Wetzel-Richter, Sexualmedizinerin und Psychotherapeutin, Bad Säckingen: Ohne erotische Atmosphäre, ohne zärtliche Stimulation können auch durchblutungsfördernde Potenzmittel nicht wirken. Erst mal ist es wichtig, dass Sie mehr Zärtlichkeiten austauschen, sich mehr auf das Streicheln konzentrieren und den eigentlichen Sexualakt völlig beiseitelassen. Das hilft Männern, nicht so viel Angst vor einem möglichen "Versagen" zu haben. Sie sollten auch Spielzeug wie Vibratoren ausprobieren, alles was Sie beide stimuliert. Auch wenn nicht alles klappt, kann Sex sehr schön sein.

Dr. Christian Leiber, Urologe, Freiburg: Sobald ein Hüftgelenk komplett eingeheilt ist, macht Sex keine Probleme. Sie brauchen also keine Angst zu haben. Dagegen sollten Erektionsprobleme grundsätzlich immer durch einen Spezialisten abgeklärt werden. Vor allem bei älteren Männern können häufig Krankheiten wie Diabetes oder Gefäßverkalkungen dahinterstecken. Suchen Sie deshalb sicherheitshalber einen Urologen auf.

Hildegard Köhler-Bernhardt, Diplompsychologin, Goslar: Haben Sie mit Ihrer Frau schon über Ihre Angst geredet? Viele Paare sprechen nämlich nicht. Nur so können Sie aber gemeinsam auf die Suche nach einer Lösung gehen. Ein Arzt  kann Ihnen auch mögliche neue Stellungen erklären, die auf alle Fälle unbedenklich sind.

Unsere Enkel übernachten häufig bei uns, dann ist für meine Frau Sex tabu. Das finde ich bedauerlich, ja ärgerlich …

Dr. Wetzel-Richter: Dann verlegen Sie den Sex auf die Abende, an denen Sie allein sind. Der Vorteil: Für diese erotischen Stunden können Sie sich regelrecht "verabreden". Bereiten Sie ein "Rendezvous" vor, indem Sie sich eine schöne, anregende  Atmosphäre schaffen. Und dann können Sie sich ja viel Zeit lassen.

Dr. Johann Sievers, Gynäkologe, Hamburg: Auch langsamer und sehr leiser Sex kann außerordentlich reizvoll sein.

Köhler-Bernhardt: Viele Frauen gehen in ihrer Großmutterrolle so auf, dass sie vergessen, dass sie auch noch Ehefrauen sind. Werben Sie ohne Groll und Vorwürfe um Ihre Frau: Zeigen Sie ihr, wie sehr Sie sie begehren.

Meine depressiven Phasen führen dazu, dass ich längere Zeit keine Lust auf Sex habe. Mein Partner hat dafür kein Verständnis. Ich fühle mich unter Druck gesetzt …

Dr. Wetzel-Richter: Viele Betroffene klagen darüber. Nehmen Sie Ihren Mann zu einer Therapiestunde mit. Dann können Sie gemeinsam darüber sprechen, damit er Ihre Krankheit versteht. Vielleicht gibt es für Sie beide aber auch andere Dinge, die zusammen Spaß machen wie Kochen oder Tanzen. So erleben Sie die Zugehörigkeit und den Austausch auf einer anderen Ebene. Vor allem: Ist es für Sie in Ordnung, wenn Ihr Mann masturbiert? Wenn ja, weiß er das auch?

Dr. Sievers: Sprechen Sie sehr offen mit Ihrem Partner über den Druck, den er damit ausübt. Denn dieser Druck kann Ihre Lustlosigkeit noch verstärken. Keine sexuelle Lust mehr zu verspüren, ist oft Ausdruck einer Depression, kann aber auch Nebenwirkung eines Antidepressivums sein. Lassen Sie sich deshalb vom Arzt beraten. Eventuell ist ein anderes Antidepressivum notwendig, eventuell  kann man Ihre Libidostörung auch medikamentös mildern.

Meine Scheide bleibt trocken, meine Schamlippen sind extrem empfindlich. Das Einführen des Penis schmerzt …

Dr. Wetzel-Richter: Wenn Sie Lust auf Sex haben, sollte sich Ihr Mann genügend Zeit für das Vorspiel nehmen. Denn auch im hohen Alter kann die Scheide noch feucht werden – vorausgesetzt, sie wird genügend stimuliert. Gleitgels oder -cremes sind zusätzlich immer hilfreich. Übrigens: Sex heißt nicht nur Geschlechtsverkehr. Sie können sich auch gegenseitig mit Händen und Zunge Lust bereiten. Probieren Sie es aus. 

Dr. Sievers: Der sinkende Östrogenspiegel nach den Wechseljahren verändert den Körper der Frau: Die Scheide wird kleiner, trockener, das Gewebe schrumpft. Scheidentrockenheit gehört zu den häufigsten sexuellen Problemen. Lassen Sie sich von einem Gynäkologen oder Sexualmediziner untersuchen. Es gibt hormonhaltige Medikamente, die die Schleimhaut der Scheide pflegen und gegen Durchblutungsstörungen wirken. Ein Gleitgel, das für mehr Feuchtigkeit sorgt, sollten Sie ohnehin in Ihr Liebesspiel mit einbauen.

Köhler-Bernhardt: Wenn durch medikamentöse Hilfe keine Besserung eintritt, sollten Sie auch eine psychologische Beratung in Anspruch nehmen. Denn manchmal ist das Problem nicht nur organisch, sondern auch seelisch bedingt. Kränkungen oder andere partnerschaftliche Krisen, die vielleicht Jahre zurückliegen, können sich so auswirken.

Nach meinem Herzinfarkt traue ich mir nicht mehr zu, mit meiner Frau zu schlafen. Sie bemerkt das kaum. Das macht mich sehr traurig.

Dr. Wetzel-Richter: Haben Sie schon mal überlegt, ob Ihre Frau Sie vielleicht nur schonen will und sich auch nicht traut? Entscheidend ist, was Sie beide grundsätzlich wollen. Vielleicht können Sie Ihre Frau auch selbst darauf ansprechen, was Ihr Herzinfarkt für Sie bedeutet, und sie fragen, ob sie vielleicht ebenfalls Angst hat. Auch eine Paarberatung ist eine Möglichkeit, um zu klären, was jeder wünscht und welche Möglichkeiten es gibt.

Dr. Leiber: Ein Herzinfarkt ist sicher ein sehr belastendes Ereignis. Es ist nur natürlich, dass Sie danach erst mal Angst haben, sexuell aktiv zu werden. Hier kann ich Sie beide aber beruhigen: Sexuelle Aktivität ist nicht viel anstrengender als mittelschwere Gartenarbeit. Wenn Sie nach Ihrem Herzinfarkt zwei Stockwerke Treppen ohne Pause steigen können und keine Atemnot oder Herzstechen bekommen, können Sie auch Sex haben. Zur Sicherheit sollten Sie diese Frage aber mit Ihrem Kardiologen klären.
Auf jeden Fall müssen Sie das Problem mit Ihrer Frau besprechen. Sie hält
sich wahrscheinlich bewusst zurück.

Köhler-Bernhardt: Denken Sie daran, dass auf Ihrer Stirn kein Spruchband klebt, auf dem Ihre Ängste abzulesen sind. Sie müssen also reden. Ihre Frau wiederum sollte Ihre Ängste nicht als harmlos abtun oder sie gar verniedlichen. Nicht ernst genug genommen zu werden ist ein wunder Punkt, der einen Partner besonders kränken kann.

Ich bin bisher relativ zuverlässig zum Höhepunkt gekommen. Seit einiger Zeit komme ich aber über eine bestimmte Erregungsschwelle nicht hinaus …

Dr. Wetzel-Richter: Belastet Sie das, oder haben Sie so auch eine befriedigende Sexualität? Ungefähr 30 Prozent der Frauen erleben keinen Orgasmus, können aber die Erregung zum Teil lange halten und genießen. "Der Weg ist das Ziel" heißt das schöne Sprichwort. Es kann allerdings auch sein, dass es Ihnen schwerfällt loszulassen, weil Ihre
Lebensumstände sich vielleicht verändert haben. Ein anderer Partner? Mehr Stress? Neue Medikamente? Natürlich können Sie auch schauen, ob eine intensivere Stimulation, etwa durch einen Vibrator, nützt. Ihr Partner sollte wissen, was Sie besonders erregt.

Dr. Sievers: Sie leiden an einer Erregungsstörung, Ärzte sprechen hier von einer sekundären Orgasmusstörung. Das kann vielfältige Ursachen haben. Eine körperliche Untersuchung beim Gynäkologen oder Sexualmediziner könnte die Ursache feststellen. Manchmal ist ein hormoneller Mangel der Grund – das könnte dann medikamentös ausgeglichen werden.

Köhler-Bernhardt: Es gibt eine Reihe von Frauen, die nach den Wechseljahren an ähnlichen Beschwerden leiden. Gerade psychischer Druck kann dazu führen, dass der Orgasmus ausbleibt. Den Druck machen sich viele Frauen selbst. Es  bildet sich schnell ein Teufelskreis, den Sie aber durchbrechen können: Sprechen Sie Klartext mit Ihrem Partner. Sagen Sie ihm, was Sie fühlen, was Sie möchten.

Ich fühle mich zunehmend unwohl in meinem Körper und schäme mich, was sich negativ auf meine Lust auswirkt …

Dr. Wetzel-Richter: Ja, das ist ein sehr bekanntes Problem der reiferen Frau. Wie geht denn Ihr Partner damit um? Mag er Sie so, wie Sie sind? Dann sollte er das auch signalisieren oder Ihnen sagen. Wie geht es Ihren Freundinnen mit ihrem Körper? Können Sie sich da austauschen? Vielleicht sollten Sie etwas für ein besseres Körpergefühl tun. Unternehmen Sie Dinge, die Ihnen guttun. Machen Sie Sport, gehen Sie tanzen.

Köhler-Bernhardt: Eventuell steckt dahinter auch ein langjähriges Problem, das nun im Alter nicht mehr zu "übersehen" ist. Denn den eigenen, älter werdenden Körper zu akzeptieren, ist oft für beide Geschlechter nicht einfach. Bilder der Werbung setzen immer wieder strenge Maßstäbe, unter denen Menschen gerade beim Sex leiden. Dazu kommen noch jene Bewertungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens, auch schon im Kindes- und Jugendalter, über seinen Körper erfahren hat. Deshalb, und das gilt für  Mann wie Frau: Lernen Sie, Ihren Körper anzunehmen, wie er ist. Das Gefühl, zusammenzugehören, ist beim Sex wichtiger als das Aussehen.

Unsere Experten

Dr. Daniela Wetzel-Richter, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Sexualmedizin, Bad Säckingen


Dr. Johannes Sievers, Gynäkologe und Sexualtherapeut, Hamburg


Hildegard Köhler-Bernhardt, Diplompsychologin und Sexualberaterin, pro familia, Goslar


Dr. Christian Leiber, Urologe, Freiburg



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