Die prominente Journalistin erklärt, warum auch heute noch Menschen immer die gleichen Fragen zum Thema stellen und ob es Liebe im Alter tatsächlich gibt
Früher moderierte Erika Berger die Sendung "Eine Chance für die Liebe" auf RTL
Als Sie vor 21 Jahren mit Ihrem Erotik-Ratgeber „Eine Chance für die Liebe“ auf Sendung gingen, war das eine kleine Revolution ...
... und eine große Sauerei: Über solche Themen spricht man nicht, das ist privat, hieß es. Ich habe viele Briefe bekommen, in denen ich sehr beschimpft wurde.
Wäre die Sendung auch heute ein Quotenerfolg?
Man müsste sie modernisieren, mit Einspielfilmen und Studiogästen, aber es würde funktionieren. Gesprächsbedarf gibt es nach wie vor.
Und die Fragen sind die gleichen?
Ja, genau. Die Leute wachsen ja nach. Ich kriege auch heute Probleme zu hören wie: Ich bekomme keinen Orgasmus, er ist nicht zärtlich, er macht einen Seitensprung, er tauscht mich gegen eine neue Frau aus ...
Warum fällt es uns so schwer, über Sex zu reden? Wir sind doch viel freier als früher, toleranter, aufgeklärter ...
Es ist ein Unterschied, ob man über Sex im Fernsehen spricht, was man von Nachbarn und Freunden gehört hat – oder über seine eigenen Probleme. Daran hapert es immer noch, da hat sich wenig getan. Man traut sich nicht, den anderen zu kritisieren, fürchtet seine Retourkutsche. Man weiß nicht, wie man es sagen soll, wann man es sagen soll – das ist ein ganz großes Problem.
Als eins der letzten Tabus bezeichnen Sie ausgerechnet die Wechseljahre ...
Früher hat mich das nicht interessiert. Aber nachdem ich diese Zeit selbst durchlaufen habe, sehe ich das anders. Es ist ein Tabuthema, weil es mit dem Altwerden zusammenhängt. Man hängt an einem vergangenen Schönheitsideal und ist traurig: die Frau, weil sie sich nicht mehr so attraktiv fühlt und Angst hat, dass ihr Mann sie nicht mehr anschaut. Und der Mann, weil er nicht versteht, dass sie Probleme beim Verkehr hat und nicht mehr so wild auf Sex ist.
Wurde in Ihrem Elternhaus offen über diese Themen gesprochen?
Über Sexualität sprach man nicht, von Aufklärung ganz zu schweigen. Ausgerechnet an dem Abend, als man mir erzählte „Wenn zwei Menschen sich lieben, dann küssen sie sich, und dann kriegen sie ein Kind“, bekam ich meinen ersten Kuss. Da war ich 16. Der Abend war natürlich gelaufen. Ich lief tränenüberströmt nach Hause, und meine Mutter sagte nur: „Stell dich nicht so blöd an, davon kriegt man kein Kind.“ Das war alles. Wenn ich was wissen wollte, sagte sie immer: „Dafür bist du noch zu jung.“ Und plötzlich war ich schwanger – aber immer noch jung ...
Männer können Liebe und Sex trennen, Frauen aber nicht, heißt es ...
Weil Frauen mehr Gefühl drangeben. Frauen brauchen länger, bis sie auf Touren kommen, Männer wollen oft nur ihre Lust abreagieren. Frauen brauchen Zärtlichkeit und Sicherheit dabei, Vertrauen zu dem Mann, dem sie sich hingeben.
Gibt es die ewige Liebe?
Ich glaube schon. Ich war 33 Jahre verheiratet, bis mein Mann vor zwei Jahren plötzlich starb. Da ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Wenn man so lange verheiratet ist, ist die Liebe nicht mehr so prickelnd und frisch wie am Anfang. Aber du hast jemanden, der etwas mit dir aufbaut, der dich in den Arm nimmt, dir das Gefühl gibt, geliebt zu werden.
Wie haben Sie es geschafft, aus dem tiefen Loch nach dem Tod Ihres Mannes wieder herauszukommen?
Das war sehr schwer. Ich habe meinen Schmerz betäubt, indem ich eine Woche nach der Beerdigung die Firma übernommen, den Verlust einfach mit Arbeit überbrückt habe. Ich schrieb mein vorletztes Buch fertig, trat im Fernsehen auf. Und gute Freunde haben mir sehr geholfen. Ich konnte reden – und lachen, wenn wir über früher gesprochen haben. Es macht keinen Sinn, wenn man sich in tiefe Trauer stürzt. Das heißt nicht, dass ich meinen Mann nicht vermisse.
Witwen und Witwer, die sich neu verlieben, bekommen oft Ärger mit ihren Kindern – was raten Sie da?
Ich würde knallhart sagen: Pass auf, ich bin längst erwachsen und kann mit meinem Leben tun, was ich will. Ich habe einen neuen Partner – und fertig.
Sie behaupten, dass viele Männer nicht „Ich liebe dich!“ sagen können ...
Ja, weil sie sich blöd anstellen. Weil sie Angst haben, etwas von sich preiszugeben. Weil sie glauben, „Ich liebe dich!“ sei eine Verpflichtung. Aber das ist es nicht. Man hört es nur gerne. Aber es soll natürlich nicht überstrapaziert werden.
Was, wenn eine Frau diese drei Worte vermisst? Sollte sie ihren Mann dahin stupsen oder sich sagen: Der ist einfach so?
Man kann ja mal versuchen, ihn dahin zu stupsen. Aber bevor er das dröge herunterplappert, lieber sagen: Vergiss es.
Was unterscheidet die Liebe im Alter und die Liebe in der Jugend?
Nicht die Liebe verändert sich, sondern die Menschen. Wir lernen im Lauf der Jahre viel dazu. Wir sind enttäuscht und gedemütigt worden, wir haben auch wunderschöne Zeiten erlebt. Und deswegen verändern wir uns und empfinden die Liebe anders. Die Liebe an sich ist ein wundervolles Gefühl, der Motor des Lebens. Ob du 16 bist oder 60, das ist egal. Das Verliebtsein verläuft genauso. Mit der Zeit ist man aber aufmerksamer und vorsichtiger, weil man nicht noch mal verletzt werden will.
Altersunterschiede bei neuen Lieben von Prominenten sorgen immer wieder für Schlagzeilen – zu Recht?
Jeder, wie er meint. Macht macht sexy, das ist einfach so. Und eine ältere Frau kann sich auch einen jüngeren Mann nehmen. Genauso selbstverständlich, wie sich ein älterer Mann ein junges Mädchen halten kann.
Das klingt nicht sehr zukunftsträchtig ...
Ist es oft auch nicht. Männer, die glauben, sie könnten sich mit einer jungen Frau ein Stück Jugend zurückkaufen, irren und machen sich ein bisschen lächerlich. Junge Frauen bewundern einen Mann noch. Das machen ältere nicht mehr, die durchschauen die Männer bereits.
Was sind Ihre Pflegetipps für die Liebe?
Man darf nicht immer aufeinanderhocken. Und muss respektieren, dass jeder Mensch eine Intimsphäre braucht, bei allen Gemeinsamkeiten. Es braucht jeder seinen eigenen Freundeskreis. Man muss viel miteinander sprechen, und zwar nicht nur über Erledigungen im Alltag. In Sachen Sex muss man sich klarmachen, dass mit den Jahren die Leistungsfähigkeit nachlässt, aber dass man jetzt alle Zeit der Welt hat, es wieder zu versuchen.
Thomas Röbke / Senioren Ratgeber;
03.11.2009
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