Die Gynäkologin Vivian Pramataroff-Hamburger darüber, wie ältere Frauen über Sex sprechen und was sie dabei empfinden
Auch im Alter kann Sexualität erfüllend sein
Frau Dr. Pramataroff-Hamburger, im Jahr 2000 haben Sie sich als Psychotherapeutin ausbilden lassen. Hat Ihnen Ihre langjährige Erfahrung als Frauenärztin nicht gereicht?
Ich bin gerne Gynäkologin. Früher habe ich öfter Patientinnen wegen sexueller oder psychosomatischer Störungen an Psychologen überwiesen. Ich wollte aber den Frauen gern selbst weiterhelfen und herausfinden: Was steckt dahinter?
Können Sie ein Beispiel geben?
Wenn eine Frau mit Unterbauchbeschwerden in die Praxis kommt und ich keine organische Ursache feststellen kann, versuche ich den Grund dafür im Gespräch herauszufinden. Häufig neigen Frauen dazu, sich zu viel zuzumuten. Oft so lange, bis ihnen der Körper sagt: Du musst entspannen. Wer nicht Nein sagen kann, wird krank. Ich helfe, diese Konflikte zu erkennen und zu lösen.
Dr. Vivian Pramataroff-Hamburger arbeitet als niedergelassene Gynäkologin im Zentrum von München. Die Frauenärztin ist zudem ausgebildete Psychotherapeutin.
Wie sprechen ältere Frauen über Sex?
Oft sehr scheu. Manche Leute glauben, dass ältere Patientinnen aufgrund ihrer Lebenserfahrung locker damit umgehen können. Aber ich beobachte oft eine große Unsicherheit.
Wie erleben ältere Frauen ihren Körper und ihre Sexualität?
Die Einstellung zur Sexualität ändert sich nicht, nur weil man alt wird. Sie wird in jungen Jahren geprägt. Weibliche Sexualität ist für mich weibliche Identität. Konflikte treten auf, wenn jemand früher schlechte Erfahrungen gemacht hat, etwa Misshandlungen oder eine prüde Erziehung. Wer aber als junge Frau eine offene und selbstbewusste Einstellung zu seinem Körper und zu seiner Geschlechtlichkeit entwickelt hat, lebt diese Gefühle auch noch mit 70 oder 80. Auch wenn das nicht bedeuten muss, dass es mit dem Sex immer so weitergehen muss wie in der Jugend.
Wird das denn erwartet?
Ich weiß: Werbung und Medien vermitteln andere Bilder. Überall hängen jetzt Plakate für potenzsteigernde Medikamente. Ich bin nicht prinzipiell dagegen. Wenn man sexuelle Lust empfindet, ist das wunderschön. Aber ich bin gegen den Druck, bis ins hohe Alter Geschlechtsverkehr haben zu müssen. Ich erlebe Frauen, die für sich mit diesem Thema abgeschlossen haben und damit sehr zufrieden sind. Außerdem lässt sich eine erfüllte Sexualität auf vielfältige Weise erleben.
Wie zum Beispiel?
Stimmt die Beziehung, passt es auch auf körperlicher Ebene. Wichtig ist der zärtliche Umgang miteinander – zum Beispiel morgens gemeinsam nebeneinander aufzuwachen.
Aber die Haut ist faltiger und die Figur nicht mehr die einer jungen Frau. Das beeinflusst doch das Körpergefühl?
Der alternde Körper ist für viele Frauen in der Tat ein Problem. Sie schämen sich und fragen sich: Wie sehe ich nackt aus? Besonders dann, wenn sie sich neu verlieben. Frauen, die so an sich zweifeln, ermutige ich: Jeder Körper hat in der Sexualität seine eigene Sprache, und diese bleibt erhalten – auch wenn sich der Körper äußerlich verändert. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, diese Entwicklung zu akzeptieren. Frauen sollten sich zudem sagen: Auch die Männer sehen im Alter anders aus.
Wie gehen Sie als Therapeutin vor, wenn sich eine ältere Patientin nicht mehr begehrenswert fühlt.
Ich frage in solchen Fällen immer, warum eine Frau das glaubt. Viele Patientinnen beziehen ihre Ängste auf einen bestimmten Körperteil, etwa einen vermeintlich schlaffen Busen. Ich lasse sie dann erzählen, welche Gefühle und Erfahrungen sie mit ihrem Busen verbindet. Es zeigt sich meist im Gespräch, dass die Ängste viel tiefer sitzen und eng mit dem Selbstwertgefühl als Frau zusammenhängen. Und daran arbeiten wir.
Aber viele Männer verlassen ihre Frau wegen einer attraktiveren Partnerin?
Stimmt. Männer haben auch Angst vorm Altern. Die neue Frau vermittelt ihnen Jugendlichkeit. Aber es gibt immer mehr Frauen mit einem jüngeren Partner.
Was sind typische sexuelle Probleme Ihrer älteren Patientinnen?
Viele Patientinnen klagen über Scheidentrockenheit. Das lässt sich mit bestimmten Mitteln gut beheben. Andere kommen zu mir und haben Angst, dass sie krank sind, weil sie angeblich Orgasmusprobleme haben. Diese Furcht kann ich ihnen meist nehmen. Mit dem Alter verändert sich der Höhepunkt, er ist nicht mehr so intensiv und häufig. Das ist normal, Körperreize lassen mit dem Alter nach.
Gilt das auch für das Lustempfinden?
Über Lustlosigkeit klagen ältere Frauen viel. Dann kläre ich als Erstes, ob es dafür eine organische Ursache gibt, zum Beispiel eine hormonelle Störung. Meiner Erfahrung nach stecken hinter mangelnder Lust häufig Beziehunsprobleme. Wenn ich die Frauen anspreche und sie frage: „Wie geht es Ihnen mit Ihrem Mann?“, stellt sich heraus, dass beide viel streiten oder nicht miteinander reden.
Kommen auch ältere Paare zu Ihnen?
Oft klagen zwar die Frauen: „Ach, das wird mein Mann nicht verstehen. Der wird nie kommen.“ Doch da unterschätzen sie manchmal ihren Partner.
Bieten Sie dann eine Paartherapie an?
Ja, das mache ich auch. Aber es kommt auch vor, dass ein Mann seine Frau in die gynäkologische Sprechstunde begleitet. Gleich wie, es ist für mich auf jeden Fall immer schön zu erleben, wenn beide Partner bei mir offen über ihre Sexualität, ihre Probleme und Wünsche reden können. Manchmal sind es auch kleine Gesten, die viel zeigen: Er streicht ihr über den Arm oder lächelt sie an.
Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber;
14.10.2009, aktualisiert am 15.10.2009
W&B/Markus Dlouhy, Fotolia/Yuri Arcurs/2009
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