Deniz Cesur wirkt äußerlich wie ein gewöhnlicher junger Mann, der auf der Höhe der Zeit ist. Der 20-Jährige trägt einen grünen Kapuzenpullover und eine modische Brille mit breiten Rändern. Sein Händedruck bei der Begrüßung ist fest.
Dennoch ist Deniz ein Auslaufmodell. Er ist Zivildienstleistender beim Hans-Sieber-Haus, einem Seniorenheim im Münchner Stadtteil Allach-Untermenzing. Er wird der letzte sein, denn mit der jüngsten Bundeswehrreform wurde nicht nur die Wehrpflicht ausgesetzt, sondern auch der Zivildienst. Bis einschließlich 31. Dezember 2011 verrichten die letzten Zivis, wie die Zivildienstleistenden seit Jahrzehnten genannt werden, noch Dienst in Altenheimen, Kindergärten und Krankenhäusern. Danach ist Schluss.
Der Arbeitstag beginnt für Deniz heute um acht Uhr morgens. Es ist ein warmer Frühsommertag in München. Deniz tauscht seine Alltagskleidung gegen den weißen Arbeitsdress ein. Was er zu tun hat, erfährt er in der Regel am Morgen, oft aber auch erst im Lauf des Tages.
Zivis sind Allrounder
Die Aufgaben reichen von Wäsche einsammeln, Essen ausgeben, Feiern organisieren bis zu externen Fahrten. Was in der Hauswirtschaft eines Seniorenheims eben so anfällt. „Ich bin der Mann für alles“, sagt Deniz nicht ohne Stolz. Heute soll er als Erstes den Getränkevorrat der Cafeteria auffüllen. Keine sonderlich anspruchsvolle Arbeit, aber irgendjemand muss sie machen. In der Cafeteria sitzen an einem der Tische bereits zwei ältere Damen. „Guten Morgen“, grüßt Deniz höflich. „Guten Morgen“, grüßen die Frauen zurück. Zu den meisten Bewohnern des Heims hat er einen guten Draht, das merkt man schnell. Fast alle duzen ihn.
Plötzlich klingelt ein Telefon. Deniz hat ein eigenes Stationshandy, damit seine Vorgesetzten ihn während der Arbeit erreichen können. Sonst wäre er oft nur schwer auffindbar, wenn er kreuz und quer im ganzen Haus unterwegs ist. Der Anruf ist ein Arbeitsauftrag. Im ersten Stock warten die Überreste einer privaten Feier auf Deniz. Aufräumen und abspülen? Für einen jungen Mann sicherlich keine Lieblingsbeschäftigungen, aber Deniz scheint es wenig auszumachen. Er scherzt viel mit der Kollegin, während er die benutzten Gläser in die Spülmaschine stellt. Seinen Zivildienst hat er schon nach kurzer Zeit freiwillig um drei Monate verlängert, erzählt er. Auch danach wird er dem Haus eine Zeit lang als Aushilfe erhalten bleiben, bevor im Herbst 2012 seine Ausbildung zum Erzieher beginnt. Ursprünglich hat Deniz Steuerfachangestellter gelernt. Doch in den vergangenen Monaten hat er gemerkt, dass ihm ein sozialer Beruf mehr liegt als ein langweiliger Bürojob. Ohne Zivildienst hätte er diese Seite an sich vielleicht gar nicht entdeckt.
Fußball verbindet
Vor dem Mittagessen steht für Deniz ein Besuch bei Annemarie Primas an. Die beiden verstehen sich gut. „Wir sind beide 1860er-Fans. Das verbindet“, sagt Primas und lacht. Siege ihres Lieblingsvereins feiern die beiden mit einem Handschlag. Die frühere Lehrerin wirkt trotz ihres Alters sehr agil. „Frau Primas ist echt cool“, meint Deniz. Die Seniorin besitzt auf der Dachterrasse des Heims einen kleinen Blumengarten, um den sie sich kümmert. Deniz hilft ihr manchmal dabei, auch heute wieder. Frau Primas deutet auf eine ihrer Rosen: „Die Blüte fällt bald ab. Wir müssen sie abschneiden.“ Deniz macht sich mit der Gartenschere ans Werk. Früher hatte er mit Blumen nichts am Hut. „Bei uns ist er ein echter Allrounder geworden“, freut sich Primas.
Um 11.30 Uhr gibt es Mittagessen für die Bewohner. Maultaschen und Spießbraten stehen zur Auswahl. Deniz bringt einigen Bewohnern ihr Essen nach oben in ihre Apartments. Bei aller Hektik bleibt er immer höflich. „Manche Bewohner meckern einen schon einmal grundlos an“, erzählt er. „Das macht mir nichts aus, da stehe ich darüber.“ Einstecken können ist ebenfalls eine Fähigkeit, die man als Zivildienstleistender erwirbt.
Inzwischen ist auch Annemarie Primas mit ihrer Freundin Anneruth Horn zum Essen in die Cafeteria gekommen. „Die jungen Leute haben es mit den Alten oft nicht leicht“, meint sie. Die meisten Zivis waren sehr höflich und geduldig, finden die zwei Frauen übereinstimmend. „Auch die Senioren haben viel von den Zivis profitiert“, meint Primas. „Im Alter tut es gut, wenn junge Leute um einen herum sind. Mit dem professionellen Pflegepersonal ist es nicht das Gleiche.“ Seit Juli 2011 ersetzt der Bundesfreiwilligendienst den Zivildienst. Ob es genug Freiwillige geben wird? Die beiden Frauen bezweifeln das.
Eine Erfahrung fürs Leben
Die Bewohner haben fertig gegessen. Jetzt hat auch Deniz Zeit für eine Pause. Er setzt sich zu Bastian Högl, einem gelernten Koch, an den Tisch. Der Mittzwanziger kam vor sechs Jahren als Zivildienstleistender zum Hans-Sieber-Haus und arbeitet seitdem dort in der Hauswirtschaft. „Für viele war der Zivildienst wichtig, um sich zu orientieren, was man später einmal im Leben machen möchte“, sagt Högl. Deniz nickt. „Diese Erfahrung sollte jeder einmal gemacht haben“, meint er.
Nachmittags stehen vor allem Routinearbeiten an. Die Gardinen einer Bewohnerin müssen aufgehängt werden. „Aber schön sorgfältig, bitte“, mahnt diese. Ordnung ist der Dame wichtig. Deniz weiß das mittlerweile. Der letzte Auftrag des Tages führt ihn wieder in den Keller. Er soll eine Lieferung Reinigungsmittel verstauen. Während Deniz mit der Schere die Plastikfolie um die Waschmittelkartons aufschneidet, denkt er über den bisherigen Verlauf seines Zivildiensts nach. „Ich fand es bemerkenswert, wie offen die meisten Alten mir von ihrem Leben erzählt haben“, sagt er. „Und war selbst überrascht, wie viel davon ich wirklich interessant fand.“
Um kurz vor vier ist Deniz fertig mit der Arbeit. Wenn noch Aufträge ausstehen, muss er entsprechend länger bleiben. Heute ist das nicht der Fall. „Demnächst will ich mit Freunden eine Band gründen“, erzählt er beim Abschied. Dann steigt er auf sein Fahrrad, es geht ab nach Hause. Morgen wird er wieder hier sein.
Stephan Soutschek / Senioren Ratgeber;
13.10.2011
Bildnachweis: W&B/Markus Dlouhy
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