Richtig erben und vererben

Den eigenen Nachlass zu regeln, ist nicht immer einfach. Wir beantworten häufig gestellte Erbfragen und geben Tipps zu typischen Situationen

von Silke Becker, aktualisiert am 14.08.2015

Familienidyll? Beim Thema Erben bricht schnell Streit aus

Jump Fotoagentur/Kristiane Vey

Zwei von drei Menschen über 50 haben laut Umfragen schon über die Aufteilung ihres Nachlasses nachgedacht. Doch nur rund die Hälfte der Senioren hat tatsächlich ein Testament. Viele schrecken davor zurück, sich intensiver mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. "Interessanterweise ängstigt dieses Thema nur Erwachsene. Kinder gehen ganz unbefangen damit um", sagt die Berliner Psychotherapeutin Silke Haase, die auf den Umgang mit schweren Krankheiten spezialisiert ist. Auch ein Schuss Aberglaube ist oft dabei: das leise Gefühl, mit dem Leben abzuschließen, wenn man seine letzten Dinge regelt.

So mancher ist sich zudem nicht sicher, wie er sein Vermögen am besten aufteilt. Man weiß ja nie: Kommt noch ein Enkelkind? Lässt sich das Verhältnis zur Tochter wieder kitten? "Man will abwarten und schiebt das Thema immer wieder auf", erklärt Haase. Doch langsam oder ganz plötzlich kann es zu spät sein, und die Dinge enden so, wie man es nie wollte.


Erbe regeln: Klare Worte helfen

Zuweilen genügt es, sich einen kleinen Ruck zu geben. "Viele sind erleichtert, wenn sie die Sache endlich erledigt haben", lautet die Erfahrung der Expertin. Oft hilft es auch, das Thema in der Familie offen zu besprechen. Dabei kommt manchmal Überraschendes zutage, etwa dass der Sohn nie ins Elternhaus einziehen würde oder der Tochter die olle Aktentasche des Vaters viel mehr am Herzen liegt als der wertvolle Perserteppich. Schwierig wird solch ein Gespräch, wenn man einzelne Kinder unterschiedlich bedenken will. "Es ist wichtig für die Hinterbliebenen, die Gründe zu verstehen", sagt Haase. Wer Vorwürfe oder Tränen befürchtet, kann dem Testament einen erklärenden Brief beilegen. "Das vermeidet tiefe Konflikte zwischen den Geschwistern."

In einigen Familien ist dieses Gesprächsthema jedoch ein regelrechtes Tabu. So mancher will sich auch nicht damit auseinandersetzen, weil es ihn schlicht nicht interessiert, wer das Erbe bekommt. "Das muss man respektieren", findet die Psychotherapeutin. "Es ist die ureigenste Entscheidung eines jeden Menschen, ob er sein Testament macht oder nicht."  

Hier finden Sie Antworten auf häufige Erb-Fragen:

1. Muss ich eigentlich alle Familienmitglieder gerecht bedenken, oder kann ich das frei entscheiden?


Unser Experte: Dr. Hubertus Rohlfing ist Notar und Rechtsanwalt in Hamm

W&B/Privat

Egal wie ungerecht die Erben das empfinden mögen, Sie können beliebig über Ihr Vermögen verfügen. Über sogenannte Auflagen können Sie Erben auch zu bestimmten Dingen verpflichten, beispielsweise sich um Ihr Haustier zu kümmern. Um Streit zu vermeiden, sollten Sie aber darauf achten, dass alle pflichtteilsberechtigten Erben mindestens ihren Pflichtteil bekommen. Ansonsten müssen wertvolle Erbstücke eventuell verkauft werden, um die Pflichtteile auszuzahlen.

2. Ich will meinen Sohn enterben. Geht das?

Nicht ganz. Ihr Sohn hat trotzdem Anspruch auf den Pflichtteil. Den kann man jemandem nur in sehr seltenen Ausnahmefällen entziehen, beispielsweise wenn der Betreffende plant, Sie zu ermorden. Einen Pflichtteilsanspruch haben übrigens auch Ehepartner und in bestimmten Fällen Eltern und Enkelkinder, Geschwister dagegen nicht. Die Höhe des Pflichtteils beträgt in der Regel 50 Prozent der Summe, die der Berechtigte aufgrund der gesetzlichen Erbfolge bekäme. Der Betreffende kann aber nur Geld verlangen, keine einzelnen Erbstücke, etwa den Schmuck.

3. Wir möchten als Paar, dass unsere Kinder erst erben, wenn wir beide gestorben sind. Ist das möglich? 

Ja. Mit dem "Berliner Testament" bekommt der überlebende Ehepartner alles und kann mit dem Vermögen machen, was er will, auch alles ausgeben. Die Kinder erben erst nach dem Tod beider Elternteile. Allerdings können die Kinder auch beim "Berliner Testament" ihren Pflichtteil verlangen. Dieses Risiko lässt sich aber durch eine geschickte Gestaltung des Testaments deutlich senken, etwa durch eine Pflichtteilsstrafklausel.

4. Ich möchte sicher sein, dass meine Enkelin das Geschirr und das Silberbesteck aus meiner Aussteuer erhält. Wie soll ich vorgehen?

Schreiben Sie in Ihrem Testament: "Per Vermächtnis erhält meine Enkelin das Geschirr und das Silberbesteck." Durch den Begriff "Vermächtnis" gehören das Geschirr und das Besteck nicht mehr zur Erbmasse, die anderen Erben können also keinen Anteil mehr daran verlangen. Doch Vorsicht: Falls das Silberbesteck sehr wertvoll ist, haben einige Erben möglicherweise einen Pflichtteilsanspruch. Dann bekommt Ihre Enkelin zwar Geschirr und Besteck, müsste die anderen Erben aber auszahlen.

5. Ich bin verwitwet und will meine drei Kinder gerecht bedenken. Ein Sohn soll das Haus bekommen, anderes Vermögen habe ich nicht.

Verfügen Sie in Ihrem Testament eine sogenannte Teilungsanordnung: "Mein Sohn Erik erhält das Haus." Dann bekommt Erik das Haus. Er muss jedoch seinen Geschwistern ihren rechtmäßigen Anteil auszahlen. Sie sollten deshalb frühzeitig klären, ob Ihr Sohn über genug finanzielle Mittel verfügt oder einen Kredit aufnehmen kann. Ansonsten müsste er nämlich das Haus verkaufen, um seine Geschwister auszuzahlen.

6. Seit dem Tod meiner Frau pflegt mich meine Tochter, mein Sohn lässt sich nur zu Weihnachten blicken. Wie bevorzuge ich meine Tochter beim Erbe?

Am einfachsten ist es, wenn Sie Ihr gesamtes Vermögen ungleichmäßig verteilen, etwa so: "Meine Tochter erbt 60 Prozent, mein Sohn 40 Prozent." So legen Sie aber nicht präzise fest, wie viel Ihre Tochter zusätzlich erhält, Streit um den Wert einzelner Erbstücke ist vorprogrammiert. Besser ist es, Ihre Tochter über ein Vermächtnis zu bedenken, etwa so: "Per Vermächtnis erhält meine Tochter als Dank für die jahrelange Pflege 20.000 Euro und den Brillantring." Dann bekommt Ihre Tochter garantiert die ihr zugedachten Dinge. Das restliche Vermögen erben dann beide Kinder jeweils zur Hälfte. Bei beiden Varianten darf Ihr Sohn aber nicht weniger als den ihm zustehenden Pflichtteil erhalten.

7. Ich bin in zweiter Ehe verheiratet, ohne gemeinsame Kinder. Meine Frau soll zwar weiter in meinem Haus leben dürfen. Ich will aber, dass nur meine Kinder erben.

Was Ihre Frau von Ihnen erbt und nicht selbst verbraucht, vererbt sie ja im Normalfall später an ihre leiblichen Kinder. Um diesen Anteil so gering wie möglich zu halten, setzen Sie Ihre eigenen Kinder als Alleinerben ein. Damit hat Ihre Frau nur noch Anspruch auf den Pflichtteil. Zusätzlich erhält Ihre Frau per Vermächtnis ein lebenslanges, kostenloses Wohnrecht in dem Haus. Dadurch darf sie zwar weiter im Haus wohnen, es gehört ihr aber nicht. Alternativ sollten Sie prüfen, ob Sie Ihren Kindern Ihr Vermögen bereits jetzt per Schenkung übertragen möchten. Allerdings wird eine solche Schenkung erst nach zehn Jahren nicht mehr bei den Erbansprüchen Ihrer Frau berücksichtigt.

8. Mein Mann ist dement. Kann er noch ein Testament machen?

Das kommt darauf an, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. Ich empfehle, umgehend zum Notar zu gehen, damit das Testament hinterher nicht angezweifelt werden kann. Der Notar prüft die sogenannte Testierfähigkeit, wenn nötig fordert er eine ärztliche Bescheinigung an. Ist Ihr Mann offensichtlich komplett verwirrt, darf der Notar kein Testament mehr errichten.

9. Die Familie ist total zerstritten. Wie kann ich vermeiden, dass es nach meinem Tod jahrelange Querelen gibt?

Zum einen sollten Sie ganz besonders darauf achten, dass das Testament wirklich unmissverständlich formuliert ist. Zum anderen sollten Sie Testamentsvollstreckung anordnen, etwa: "Ich ordne Testamentsvollstreckung durch meinen langjährigen Freund Peter Müller an." Dann muss Peter Müller das gesamte Erbe bewerten und gemäß Ihren Anordnungen verteilen. Die Erben selbst kommen nicht an das Vermögen heran. Wichtig ist, dass der Testamentsvollstrecker gegenüber allen Erben neutral und vertrauenswürdig ist. Auch einen Rechtsanwalt oder Notar kann man mit dieser Aufgabe betrauen.

10. Ich habe herausgefunden, dass mein Mann mich betrügt. Wie enterbe ich ihn, falls er nach meinem Tod seine Geliebte heiratet?

Setzen Sie Ihren Mann als Vorerben ein, Ihre Kinder als Nacherben. Dadurch bekommt Ihr Mann zwar zunächst Ihr gesamtes Vermögen, er darf es aber nicht antasten. Er darf nur über eventuelle Erträge verfügen, also beispielsweise Zinsen oder Mieteinnahmen. Verfügen Sie außerdem, dass der sogenannte Nach­erbenfall auch bei einer Wiederheirat eintritt. Dadurch erben Ihre Kinder nicht nur, wenn Ihr Mann stirbt, sondern auch, wenn er erneut heiratet. Das funktioniert allerdings nur, wenn Ihr Mann das Erbe auch antritt. Schlägt er es aus, bekommt er auf jeden Fall seinen Pflichtteil.

11. Aus dem Nichts haben meine Frau und ich einen Handwerksbetrieb aufgebaut. Wie stellen wir sicher, dass unser Lebenswerk erhalten bleibt?

Grundsätzlich sollten Inhaber von Unternehmen niemals eigenständig Testamente aufsetzen, sondern sich immer beraten lassen. Wichtig ist vor allem, dass nur eine Person die Firma erbt und die anderen Erben anderweitig abgefunden werden. Bei mehreren Erben in der Unternehmensführung gibt es erfahrungsgemäß praktisch immer Streit, der selbst gut gehende Betriebe in kurzer Zeit in die Insolvenz treiben kann.     



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