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Warum es so schwerfällt, Hilfe anzunehmen

Wir möchten solange wie möglich selbstständig bleiben, doch irgendwann brauchen wir Hilfe – womöglich von fremden Menschen. Vertrauen aufbauen ist dann wichtig


Vertrauen zur Pflegekraft ist sehr wichtig

Warum fällt es vielen alten Menschen so schwer, Hilfe anzunehmen? Und wie viel Eigeninitiative ist gefragt, um im Alter nicht in die soziale Isolation zu geraten? Ein Interview über drängende Fragen mit Professor Hermann Brandenburg, Alterns- und Pflegewissenschaftler an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und Franz Weiß, ehrenamtlicher Leiter der Seniorenhilfe Altenkirchen.

Herr Weiss, jemand wie Sie, der Senioren helfen will, wird stets mit offenen Armen empfangen, könnte man meinen.

Weiss: Nicht immer. Anfangs waren die Bürger sehr skeptisch. „Bevor ein Westerwälder Hilfe in Anspruch nimmt, muss etwas passieren“, bekamen wir von vielen Seiten zu hören.

Woher kommt die Skepsis?

Weiss: Auch wenn sie noch so gebrechlich sind, lassen sich viele Menschen nur ungern helfen. Gerade die Kriegsgeneration ist sehr stolz und so erzogen worden, keine Unterstützung anzunehmen. Diese Generation betont gerne: „Das schaffe ich doch. Ich bleibe im Haus, solange es noch geht.“

Brandenburg: Dieser Widerstand gegen Einmischung hat zunächst einmal etwas Gutes und zeigt die Souveränität älterer Menschen. Sie wollen selbstständig leben, sie wollen sich nicht in Abhängigkeiten begeben. Hilflosigkeit bedeutet ja auch immer Kontrollverlust, Hilfe anzunehmen bedeutet immer eine Schwelle zu überschreiten.


Aber das passiert doch erst recht dem, der nicht rechtzeitig Hilfe einfordert.

Brandenburg: Viele Leute denken darüber nicht nach. Oder verdrängen, in was für eine missliche Lage sie sich manövrieren.

Ist die Angst vor Abhängigkeit bei vielen so groß, dass sie das Chaos um sie herum einfach ignorieren?

Weiss: Das erleben wir leider immer wieder. Wir betreuen gerade eine Dame, die bis zum 85. Geburtstag alles allein erledigt hat. Sie ist erst auf uns zugekommen, als sie sich die Hand gebrochen hatte. Ich habe dann, wenn ich mit ihr unterwegs war, von Tag zu Tag mehr gemerkt, wie viele Probleme sich angehäuft hatten. Vieles war unerledigt geblieben, vor allem wichtige schriftliche Angelegenheiten.

Wie haben Sie die alte Dame von Ihren guten Absichten überzeugt?

Weiss: Indem ich ihr Vertrauen gewonnen habe. Es ist wichtig, einen Zugang zu dem Hilfsbedürftigen zu finden. Manchmal bitten uns Angehörige, ihrem Vater oder ihrer Mutter zur Seite zu stehen, ohne das vorher abzusprechen. Das sind schlechte Bedingungen, um Vertrauen aufzubauen.

Was hindert einen noch, zunehmende Schwäche einzugestehen?

Weiss: Isolation. Personen, die schon lange allein leben, fällt es sehr schwer, andere um Unterstützung zu bitten.

Brandenburg: Erwiesen ist auch, dass die öffentliche Meinung das eigene Erleben beeinflusst. Viele Ältere fühlen sich isoliert oder hilflos, weil alte Menschen in der Öffentlichkeit oft so dargestellt werden. Dies entspricht aber nicht der Wirklichkeit.

Was können Ältere tun, um nicht in die soziale Isolation zu geraten?

Brandenburg: Die Generationen wohnen heute weiter auseinander. Viele Strukturen, die noch vor 30 Jahren im Alter Halt gegeben haben, sind inzwischen so nicht mehr vorhanden. Heute müssen Senioren mehr Gemeinschaften pflegen. Da ist eine gewisse Eigeninitiative gefordert.

Weiss: Ältere sollten sich noch im rüstigen Zustand Gedanken darüber machen, wie es weitergehen soll, wenn ihre Kräfte irgendwann einmal nachlassen. Wer sich rechtzeitig um soziale Kontakte bemüht, hat mehr Zeit, Vertrauen aufzubauen.

Kommt der Aufruf, soziale Netzwerke zu pflegen, nicht für manchen zu spät?

Weiss: Es ist nie zu spät, damit anzufangen, auf andere zuzugehen, seinen Nachbarn oder jemanden aus der Kirchengemeinde. In der Seniorenhilfe Altenkirchen haben wir kürzlich zwei ältere Damen zusammengebracht, die jahrelang nebeneinander gewohnt haben, ohne sich jedoch zu kennen. Heute unternehmen die beiden viel zusammen und unterstützen sich gegenseitig.

Zu diesem ersten Schritt auf andere zu gehört Mut.

Brandenburg: Doch es lohnt sich, über seinen Schatten zu springen. Ältere können davon nur profitieren.

Weiss: Gute Erfahrungen, um Kontakte zu knüpfen, haben wir in Altenkirchen mit dem Mehrgenerationenhaus gemacht. Dort treffen Menschen zwanglos aufeinander und kommen miteinander ins Gespräch. Der Austausch mit anderen hilft, Misstrauen abzubauen. Schließlich sind viele im Alter mehr oder weniger auf Hilfe angewiesen. Und mancher merkt dabei, dass er noch fit genug ist, anderen Senioren hier und da unter die Arme zu greifen.

Und wenn ein Senior jede Unterstützung kategorisch ablehnt ...

Brandenburg: ... dann müssen wir das zunächst einmal akzeptieren.

Weiss: Ich erlebe oft, dass es nichts bringt, Ältere zu etwas zu zwingen. Sie machen dann dicht. Zwangsmaßnahmen sind auch entwürdigend.

Brandenburg: Auf der einen Seite reden wir immer von Selbstbestimmung im Alter, auf der anderen Seite neigen wir dazu, ältere Menschen zu gängeln und ihnen unsere Vorstellungen überzustülpen.

Ist Hilfe denn kein Muss?

Brandenburg: Natürlich gilt es im Einzelfall abzuwägen, etwa wenn jemand durch sein Verhalten sich oder anderen Schaden zufügt. Aber ein Stück weit ist jeder für sich selbst verantwortlich.

Weiss: Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich: Die menschliche Ebene muss stimmen, und meine Argumente müssen überzeugen. Dann sind die allermeisten Menschen sogar sehr dankbar, dass ihnen geholfen wird.


Unsere Experten:

 

Franz Weiss, Ehrenamtlicher Leiter der Seniorenhilfe Altenkirchen, einer Art Tauschbörse für Hilfeleistungen.


 

Professor Hermann Brandenburg, Alterns- und Pflegewissenschaftler an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.




Bildnachweis: W&B/Rainer Unkel, Fotolia/Alexander Raths

Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber; 30.07.2012
Bildnachweis: W&B/Rainer Unkel, Fotolia/Alexander Raths

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