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Warum wirkt Musik befreiend, Gotthilf Fischer?

Interview mit dem Dirigent, Komponist und Chorleiter Gotthilf Fischer

Gotthilf Fischer

Auf sein Kommando: Anlässlich der Chorolympiade in Bremen im Jahr 2004 motiviert Fischer die Massen zu einem gemeinsamen Lied

Haben Sie Flugangst?
Nein, warum sollte ich? Fliegen ist die sicherste Art zu reisen.

 

Das sagen Sie, der Sie drei Flugzeugabstürze oder -unfälle hinter sich haben?
Aber ich habe jedes Mal überlebt, der da oben wollte mich noch nicht abrufen.


Ihre Mission, das deutsche Liedgut zu retten, ist ja auch noch nicht erfüllt. Sie haben 2009 zum Jahr des Volkslieds ausgerufen – wie ist die Resonanz?
Ganz hervorragend! Nur ein Beispiel: Wir wollten zwölf Chöre für ein kleines Festival zusammenbekommen – es meldeten sich mehr als 50. Da waren Domchöre dabei, Kammerchöre, das Beste vom Besten. Und alle haben ganz brav ein Volkslied gesungen. Überall auf der Welt singt man deutsche Volkslieder mit Begeisterung, nur bei uns ist das in weiten Teilen verpönt. Ich weiß von einem deutschen Kammerchor, der in Japan nach einem sakralen Konzert gebeten worden war, ein Volkslied zu singen. Das konnten sie nicht. Da mussten ihnen die Japaner in deutscher Sprache vorsingen ...

 

Fühlen Sie sich mit der Forderung nach mehr Volksliedern für Schüler nicht wie ein einsamer Rufer in der Wüste?
Wenn der Lehrer auf Zack ist und die Schüler begeistern kann, singen die mit Ihnen auch ein Volkslied. Wenn es ihn gar nicht interessiert oder wenn er Angst hat, ausgelacht zu werden, wird es ihm nicht einfallen, ein solches Lied anzustimmen. Allerdings sind viele Texte nicht mehr zeitgemäß. Man kann keinem jungen Menschen vorsingen: „Jetzt gang i ans Brünnerle, jetzt küss i mei Mädele“ – die schicken ihrer Flamme eine Kurzmitteilung aufs Handy: „Willst du mit mir gehen?“ Und wenn sie nicht will, fragen sie eben die Nächste.

 

Sie hatten nie eine musikalische Ausbildung ...
Ich habe zwei Jahre als Lehrer gearbeitet und hatte durch das Studium schon eine musikalische Grundausbildung. Von der Schule bin ich durch die Chöre abgekommen. Vielleicht wäre ich auch Leichtathlet geworden. Ich war ein guter Sportler.

 

Warum wirkt Musik befreiend?
Musik ist nicht nur der Ton, sondern auch Seele, Atem, Herz, Ausblick ... Wenn meine Chormitglieder am Abend in die Probe kommen, gehen ihnen noch ihre Alltagssorgen im Kopf herum. Nach zehn Minuten Singen sehen die alle zehn Jahre jünger aus. Die Ärzte sollten weniger Tabletten verschreiben, die sollten Singen verschreiben. Singen hält die Leute jung. Musik ist in jeder Situation befreiend.

 

Sie werden auch „Therapeut der wunden Seelen“ genannt ...
Den Titel hat mir die Presse verliehen. Aber warum nicht? Das ist doch was Gutes! Schließlich hat uns Gott den Gesang gegeben. Eine Hochzeit oder eine Beerdigung ohne Musik – das ist unvorstellbar! Wir haben einige Stotterer in den Chören. Wenn die singen, stottern die nicht. Der Atem hebt die Blockade auf.


Haben Sie den ganzen Tag Musik und Melodien im Kopf?
Ich könnte Tag und Nacht komponieren. Ich schreibe Lieder ohne Ende, um mich zu befreien. Das geht gleich nach dem Aufstehen los.

 

Gibt es für Sie Momente der Stille?
Meine Stille ist Musik. Meine größte Beruhigung ist die Klassik. Wenn ich eine Sinfonie höre, werde ich ruhig. Klassik beeinflusst mich sehr.



Thomas Röbke / Senioren Ratgeber; 01.10.2009
dpa Picture-Alliance GmbH/Andreas Wrede

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