Alles rund um das Radfahren: Welches Rad-Modell, Nachrüstung, Radreisen und Muskelaufbau
Wenn Gabi Bangel im Urlaub ist, dann tritt sie nicht aufs Gaspedal, sondern in die Pedale. Die 57-Jährige aus Bremen erkundet Landschaften am liebsten hautnah und ohne Blechhülle und Windschutzscheibe vor der Nase.
„Vergangenes Jahr war ich in der Lausitz auf dem Fürst-Pückler-Radweg in Brandenburg unterwegs. Die Tour war klasse“, schwärmt sie und erzählt begeistert von tollen Parks, von imposanten Industrieanlagen und Fahrten durch den mystischen Spreewald.
Radreisen liegen voll im Trend. Mehr als 21 Millionen Bundesbürger verbringen ihren Urlaub wie Gabi Bangel auf dem Zweirad, ergab eine aktuelle Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC). Die Mehrheit (88 Prozent) tourt am liebsten durch die Bundesrepublik.
Kaum eine andere Sportart verbindet das Gefühl von Freiheit und Freude an Geschwindigkeit im Grünen so mit zahlreichen positiven Auswirkungen auf die Gesundheit. Studien belegen zum Beispiel, dass Radfahren an der frischen Luft die Fitness von Herz und Gehirn steigert, das Immunsystem trainiert, Stress abbaut, Venenerkrankungen vorbeugt und das Wohlbefinden stärkt.
„Radfahren ist eine ganz tolle Sportart, die ich vielen meiner Patienten bis ins hohe Alter empfehle“, sagt Dr. Maximilian Meichsner, Orthopäde und Mitglied im Deutschen Sportärztebund. „Es baut wichtige Muskeln auf, stabilisiert den Kreislauf und weckt die Freude an Bewegung.“
Menschen mit kleineren Gehproblemen schätzen, dass sie mit ihrem Rad Strecken zurücklegen, die sie zu Fuß gar nicht bewältigen könnten. Die zyklischen, runden Bewegungen verbessern und fördern zudem schonend die Gelenkbeweglichkeit. Daher ist der Sport selbst bei einer fortgeschrittenen Arthrose ideal.
Für das Radfahren sprechen auch ganz praktische Aspekte. Es ist billig, und man vergeudet keine Zeit mit sinnloser Parkplatzsuche. „Anstatt sich für kurze Strecken hinter das Steuer seines Autos zu setzen, steigt die Generation 55plus immer öfter auf eine Kombination von Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr um“, weiß die ehemalige Münchner Stadtbaurätin Christiane Thalgott.
Keine Chance für Beschwerden
Ob sparsames und schnelles Vorwärtskommen oder Fitmacher, der Laune macht: Damit die Lust am Fahren nicht getrübt wird, ist es wichtig, das passende Rad zu haben. Untersuchungen ergaben, dass 90 Prozent der Alltagsradfahrer auf einem falsch angepassten Rad fahren – die Hauptursache für Beschwerden wie Schmerzen im Nacken oder Taubheitsgefühlen in den Händen. Eine zu niedrige Satteleinstellung beispielsweise führt unweigerlich zu Knieproblemen.
„Fahrräder müssen individuell angepasst werden, sonst drohen Beschwerden“, weiß Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Er rät daher von Billigrädern aus dem Baumarkt oder vom Discounter ab. Der ideale Ort, das Wunschrad zu finden, ist das Fahrradfachgeschäft. Dort haben Sie die besten Chancen auf gute Beratung und Service.
„Die Wünsche und Ansprüche sind sehr unterschiedlich“, weiß Erhard Hackler von der Deutschen Senioren Liga. „Der mit Mitte sechzig noch aktive Rennradfahrer benötigt ein anderes Rad als der Hobbyfahrer, der zum Einkaufen in die Stadt fährt.“ Spezielle Seniorenräder gibt es deshalb nicht. Wir stellen für Sie in der Übersicht im folgenden Kapitel beliebte Radtypen vor, die Ihnen helfen, ein passendes Modell zu finden.
Die wichtigste Frage, die Sie sich vorab stellen sollten, lautet: Wofür will ich mein Fahrrad nutzen? Zum Einkaufen ist das Cityrad ideal. Wer gerne Touren unternimmt, sich körperlich aber nicht mehr fit fühlt, für den könnte ein Elektrorad die Lösung sein. Tipp: Die recht teuren E-Bikes können Sie an vielen (Urlaubs-)Orten tageweise anmieten. So finden Sie am besten heraus, ob Sie künftig nur noch mit oder ohne Motorkraft Berge hinaufradeln möchten.
Ein guter Verkäufer erkundigt sich, welche Touren Sie unternehmen, wie häufig und wie lange Sie dabei unterwegs sind. Ebenso wichtig: Wie sitzen Sie am liebsten auf dem Rad – aufrecht, mit leicht geneigtem Rücken oder tief geneigt und sportlich? Er sollte Ihnen verschiedene Räder zum Probefahren für jeweils eine halbe Stunde mitgeben. Testen Sie dabei aus: Kommen Sie mit den Bremsen und der Schaltung zurecht?
Es muss nicht immer ein neues Fahrrad sein. Manchmal lohnt es sich, seinen Drahtesel mit Komponenten aufzurüsten, die das Fahren komfortabler, bequemer und sicherer machen. Etwa mit einem ergonomischen Lenker oder einem neuen Sattel. „Ist das Radfahren unbequem, ist nicht selten der Sattel schuld“, so Froböse. Ein schlechter Sattel erzeugt am Schambein zu viel Druck. Die Folge: Taubheitsgefühle am Po.
Gute Anhaltspunkte für den Verkäufer bietet die Breite des Beckens. Aber eben nicht nur. Froböse: „Sättel müssen ausprobiert werden. Gute Läden borgen sie gegen eine geringe Miete für eine Woche aus.“
Bevor Sie losfahren: Erst die Ausrüstung macht das Radfahren zum sicheren Vergnügen. Dazu gehören ein Fahrradhelm, eine Sportbrille, gut sichtbare Sportkleidung und Proviant. Wer sich nach der Winterpause nicht fit fühlt, kann Bauch, Beine und Rücken vor dem Saisonstart mit den Übungen aus Kapitel 4 trainieren.
Gabi Bangel freut sich auf den Sommer. „Mein Partner und ich wollen mit unseren Rädern nach Norwegen bis zum Nordkap. Auf den Geirangerfjord und die Lofoten bin ich besonders gespannt. Für einige Strecken nehmen wir das Hurtigruten-Postschiff. Das wird sicher abenteuerlich!“
Petra Haas / Senioren Ratgeber;
04.05.2010, aktualisiert am 25.06.2010
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