Die ehemalige Hochspringerin und Olympiasiegerin über die Zeit nach ihrer Profilaufbahn, den Spitzensport und wie sie ihren Körper heutzutage fit hält
Ulrike Nasse-Meyfarth betreibt Jugendarbeit beim Sportklub TSV Bayer 04 Leverkusen
„Ich bin von Beruf Ulrike Meyfarth“, haben Sie mal gesagt. Ist das mehr Lust oder mehr Last?
Meistens lebe ich sehr gut damit. Nur manchmal wird mir diese Rolle ein bisschen zu viel, auch heute noch. Ich erhalte viele Anfragen, aber oft geht es nur darum, auf irgendeiner Veranstaltung einen Promi-Kopf zu präsentieren. Das ist dann sehr unbefriedigend. Ehemalige Sportler sind in den Sportverbänden wenig gefragt. Weil wir für die Athleten denken – und das geht nicht immer konform mit den Verbandsgedanken.
Sie machen Jugendarbeit beim TSV Bayer 04 Leverkusen. Ist es schwierig, den Nachwuchs für den Sport zu begeistern?
Das Schwierige ist, ihn bei der Stange zu halten. Ich kann es niemandem verdenken, wenn er den Sport für eine Berufsausbildung hintenanstellt. Da brauchen die jungen Sportler Hilfe und Betreuung. Deshalb sind unserem Verein auch ein Vollzeit- und ein Teilzeitinternat angegliedert.
Olympia-Botschafter-Team: Mit Dieter Thoma, Kati Wilhelm, Erhard Keller und Verena Bentele (von links) wirbt Meyfarth (rechts) für Winterspiele 2018 in München
Haben Ihre Töchter auch die sportliche Richtung eingeschlagen?
Die sind zumindest nicht unsportlich. Beide waren mit ihren Mannschaften schon Deutsche Meister. Jetzt tanzt die Große lieber, und die Kleine ist gerade in der Volleyballphase.
Kann man jungen Menschen überhaupt guten Gewissens zu einer Karriere im Leistungssport raten?
Wenn sich der Weg so ergibt – warum nicht? Das ist eine gute Erfahrung. Man erlebt in jungen Jahren mehr als Gleichaltrige. Man muss natürlich sein Leben besser organisieren, weil man parallel noch die Schule schaffen muss und danach eine Ausbildung oder ein Studium.
Ging es früher ehrlicher zu im Sport?
In Bezug auf Doping? Heute sind die Kontrollen breiter gestreut, und die Nationale Anti Doping Agentur wird fündig.
Sie waren so ein schlaksiger Typ ...
Ja, ich war mit 14 Jahren 1,80 Meter groß. Da guckte ich auf die Jungs runter und dachte: Lass die Jungs warten, verleg dich auf den Sport ...
Wenn Sie sehen, was Spitzensportler heute verdienen, schmerzt Sie das?
Der Amateurstatus wurde nun mal erst 1983 abgeschafft, erst von da an durfte man offiziell Geld verdienen. Aber die Leichtathletik gehört bis heute zu den Sportarten ohne Spitzenverdiener. Deshalb achten wir ja auch so sehr darauf, dass Schule und Ausbildung nicht vernachlässigt werden. Wie das mit den neuen, verschulten Bachelor-Studiengängen funktionieren soll, weiß ich nicht. Da müssen die Verbände erst noch die Professoren sensibilisieren.
Als das Werbeverbot aufgehoben wurde, wofür haben Sie da geworben?
Für eine Strumpfhose – bloß, dass es die gar nicht in meiner Größe gab. Also musste ich für den Werbespot die Strumpfhose eines anderen Herstellers anziehen. Das ist halt Werbung ...
Während Ihrer Karriere haben Sie begonnen, Diplomsport zu studieren. Warum geht es nicht ohne Sport?
Das Faszinierende ist das Leistungbringen aus dem ureigenen Können. Nehmen Sie nur mal die sogenannten Eliteschulen: Die werden doch meistens von der Geldelite besucht. Ab und zu ist mal einer mit einem Stipendium darunter, der nur wegen seiner Leistung dort ist. Auch an vielen Universitäten spielt das Geld die erste Geige und nicht die Leistung. Im Sport ist das ganz anders. Da zählt nur das eigene Können.
Zwölf Jahre nach München haben Sie erneut olympisches Gold gewonnen. War das Comeback die Quälerei wert?
Man macht das nicht, um sich zu quälen, sondern weil es Spaß macht. Das glaubt einem bloß niemand. Sportler werden immer wieder gefragt: Wie oft trainierst du? Macht das überhaupt Spaß? Mit dem Talent allein ist es ja nicht getan, man muss auch etwas dafür tun. Aber weil man dafür brennt, macht es auch Spaß.
Und wenn Ihnen der erneute Erfolg nicht gelungen wäre?
Darüber zu spekulieren ist müßig. Es ist immer schön, mit einem tollen Erfolg aufhören zu können. Es hätte auch schiefgehen können. Ich hätte aber auch aufhören müssen, weil ich verletzungsanfällig wurde. Ich verstehe nicht, wie Athleten bis fast 40 weitermachen können, und dann steht in den Zeitungen, was sie sich alles für Verletzungen zugezogen haben. Das ist eine schlechte Reklame für die Leichtathletik, vor allem für die Jugend.
War das Ende des Leistungssports eine schwere körperliche Umstellung?
Ich habe ja immer ein bisschen weitertrainiert. Man braucht das dann immer noch. Körperlich, aber auch im Kopf.
Wie halten Sie sich heute fit?
Ich mache einigermaßen regelmäßig zweimal die Woche Fitnesstraining mit Joggen, Gymnastik und Krafttraining. Ich trainiere vor allem für meinen Rücken ...
Rückenschmerzen sind ja eine richtige Volkskrankheit.
Ich habe die Erfahrung gemacht, mit ein wenig Bewegung und gezielter Gymnastik kann man ihnen schnell beikommen, ohne Arzt. Die meisten wissen das nicht von klein auf und möchten es sich als Erwachsene nicht mehr aneignen. Sie lassen sich lieber eine Spritze verpassen und meinen, damit wäre es gelaufen. Doch das beseitigt nicht die Ursachen.
Wenn Ihre Töchter sich heute ein altes Ulrike-Meyfarth-Poster anschauen ....
... lachen sie sich schief. Die finden es saukomisch, wie verkrampft ich da aussehe. Ich war damals viel schüchterner als meine Töchter heute.
Thomas Röbke / Senioren Ratgeber;
07.01.2010, aktualisiert am 07.01.2010
dpa Picture-Alliance GmbH/Andreas Gebert, DDP/Kirsten Neumann
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