Medikamente sind dazu da, um Krankheiten zu heilen und Beschwerden zu lindern. Manchmal werden Medikamente aber selbst zum Problem: wenn sie abhängig machen. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) haben rund vier bis fünf Prozent der häufig verschriebenen Arzneimittel ein Abhängigkeitspotenzial.
Wie viele Menschen in Deutschland süchtig nach einem Medikament sind, lässt sich nur vermuten. Die DHS schätzt, dass die Zahl der Abhängigen bei rund 1,5 Millionen liegt. Dr. Thomas Polak, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg, hält es sogar für möglich, dass knapp zwei Millionen Menschen abhängig von Arzneimitteln sind. „Trotz dieser Zahlen wissen viel zu wenige, wie schnell Medikamente in eine Abhängigkeit führen können“, sagt Polak.
Obwohl die Abhängigkeit Menschen jeden Alters und aller Bevölkerungsschichten betrifft, sind Ältere besonders gefährdet, da sie häufig Schlaf- oder Schmerzmittel gegen Beschwerden einnehmen. Beide Medikamentengruppen sind für einen großen Teil der Abhängigkeiten verantwortlich. Außerdem leiden sie öfter unter chronischen Erkrankungen und nehmen deshalb über einen längeren Zeitraum hinweg Medikamente ein. Das erhöht das Risiko für eine Abhängigkeit.
Schlafmittel: Bei den Schlafmitteln haben vor allem die Benzodiazepine ein hohes Suchtpotenzial. Vermutlich sind rund 1,1 Millionen Menschen in Deutschland abhängig von Benzodiazepinen. Ein Drittel der Verschreibungen geht an 50- bis 70-Jährige, ein weiteres Drittel an die über 70-Jährigen. Setzt man Benzodiazepine abrupt ab, nachdem man sie längere Zeit eingenommen hat, können Entzugserscheinungen wie Konzentrationsstörungen, Gereiztheit und Unruhe auftreten – was Betroffene dazu verleitet, die Medikamente weiter zu nehmen.
Schmerzmittel: Opiathaltige Mittel werden vor allem bei starken Schmerzen verschrieben. Sinnvoll eingebettet in einen individuellen Therapieplan leisten sie wertvolle Dienste. Unkritisch eingesetzt können jedoch auch diese Medikamente zur Gewöhnung führen. Bei Entzug kommt es dann womöglich zu Gliederschmerzen und anderen körperlichen Symtpomen. Rezeptfreie, nicht opiathaltige Schmerzmittel haben zwar kein echtes Suchtpotenzial, sind aber manchmal ebenfalls mit Entzugserscheinungen verbunden.
Neben diesen beiden Hauptgruppen können auch weitere Medikamente eine Abhängigkeit zur Folge haben, zum Beispiel Abführmittel oder Nasensprays.
Der erste Schritt, um sich von einer Medikamentenabhängigkeit zu befreien, besteht darin, die Sucht als solche zu erkennen. Suchtmediziner unterscheiden sechs verschiedene Symptome für Suchtverhalten:
- ein zwanghaftes Verlangen, eine Substanz einzunehmen
- setzt man die Substanz ab, treten Entzugserscheinungen auf
- man hört wider besseres Wissen nicht auf, die Substanz einzunehmen
- die Dosis muss nach und nach gesteigert werden
- man verliert die Kontrolle über den Konsum
- man vernachlässigt darüber seine sonstigen Interessen
Alle sechs Anzeichen können in Folge von Medikamenten auftreten – ab drei erfüllten Kriterien sprechen Mediziner von einer Sucht. Häufig werden Betroffene sich ihrer Abhängigkeit eher zufällig bewusst, beispielsweise wenn sie im Urlaub ihre gewohnten Medikamente nicht einnehmen und Entzugserscheinungen auftreten.
„Die Medikamente sollte man auf keinen Fall selbstständig absetzen“, sagt Neurologe und Psychiater Polak. Aus seiner Erfahrung als Klinikarzt weiß er, dass die Entzugserscheinungen bei Arzneimitteln schwerer sein können als bei Alkohol. Versuchen Sie darum keinen Entzug auf eigene Faust, sondern wenden Sie sich an einen Arzt, dem Sie vertrauen.
Der Entzug ist langwierig und erfordert Geduld. Unter ärztlicher Aufsicht lernen Betroffene in stationärer oder ambulanter Therapie, ihre Dosis nach und nach zu senken. Etwa durch einen „verdeckten Entzug“, bei dem man die tägliche Menge zunächst über den Tag verteilt in kleineren Einheiten verabreicht bekommt. Die Therapie ist immer individuell und richtet sich nach der Situation und Vorgeschichte des Patienten.
Zudem werden die Ärzte versuchen, die Gründe für die Medikamentensucht zu erforschen. Das ist wichtig für den Therapieerfolg und um die Gefahr von Rückfällen zu verringern. Ein Beispiel: Ist eine Schlafstörung die Ursache für eine Abhängigkeit von Schlafmitteln, muss diese behandelt werden. Andernfalls wird der Betroffene nach der Therapie wahrscheinlich früher oder später wieder zu den Medikamenten greifen.
Polak kennt noch ein weiteres wichtiges Element für eine erfolgreiche Behandlung: Eigenmotivation. „Je mehr einer aus freien Stücken mit der Behandlung anfängt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er den Entzug schafft.“
Stephan Soutschek / www.senioren-ratgeber.de;
10.07.2012
Bildnachweis: W&B/Simon Katzer
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Diabetes Ratgeber mit Informationen zu Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung