Ein kalter, klarer Dezembermorgen im westfälischen Münster. Im vierten Stock des Evangelischen Krankenhauses Johannisstift blitzt die Sonne durch die großen Fensterscheiben. Eine Gruppe älterer Damen und Herren an hübsch dekorierten Frühstückstischen reden miteinander oder lassen die Blicke über die Dächer schweifen.
"Hier in der Tagesklinik fühle ich mich gut aufgehoben", sagt Sabine Meier (Name von der Redaktion geändert). Vor drei Wochen erlitt die 85-Jährige einen leichten Schlaganfall. "Ich konnte nicht mehr richtig sprechen und merkte: Da stimmt was nicht." Angehörige, die mit im Haus wohnen, reagierten sofort richtig: Notarztwagen, Uniklinik, Schlaganfallstation. Schon nach vier Tagen hatte sich Sabine Meier so weit erholt, dass die Ärzte sie verlegen konnten. Seit einer Woche wird sie in der angeschlossenen Tagesklinik des Evangelischen Krankenhauses Johannisstift weiterbehandelt. An der Magnettafel auf dem Flur ist abzulesen, dass es nach dem Frühstück mit der Gymnastik im großen Stuhlkreis weitergeht.
"Etwa die Hälfte unserer Patienten haben wir zuvor stationär behandelt, die restlichen kommen von anderen Krankenhäusern oder Hausärzten zu uns", erklärt Chefarzt Dr. Heinz-Peter Kalvari. Eine Tagesklinik sei nicht zu verwechseln mit einer Tagespflege oder ambulanten Rehabilitation, betont der Experte für Altersmedizin. "Wir können wie ein herkömmliches Krankenhaus alle diagnostischen Geräte für die Patienten einsetzen, auch alle Therapien und Medikamente."
Lücke in der Versorgung
Solche maßgeschneiderten Therapien für gebrechliche Patienten schließen eine Lücke in der medizinischen Versorgung, sie schützen Ältere vor der Gefahr, schneller pflegebedürftig zu werden. "Tageskliniken erleichtern Älteren den Übergang aus dem Krankenhaus in ihren Alltag", unterstreicht Dr. Rüdiger Thiesemann von der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie.
Steigender Bedarf
Der Internist hat kürzlich in Remscheid selbst eine Tagesklinik eröffnet. "Der Bedarf wird angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft steigen", glaubt Thiesemann. "Derzeit sind die Kliniken dieser Herausforderung nicht gewachsen, da sie zu wenig auf die Bedürfnisse alter Patienten eingerichtet sind." Was den Arzt nicht verwundert: "In Deutschland gibt es nur etwa 2000 ausgebildete Fachärzte für Geriatrie."
Die Patienten in der Münsteraner Klinik sind besser umsorgt. Viele von ihnen haben einen Sturz hinter sich. Dann gilt es, die Ursache dafür zu finden und individuell zu beheben. Andere leiden unter Gelenkerkrankungen und sind nicht mehr so mobil. Bei weiteren Patienten sind Herzschwäche oder Diabetes der Grund für die Therapie in der Klinik.
Jeder Patient erhält dort genau so viel Unterstützung, wie er benötigt, um seine Selbstständigkeit zu behalten. "Im Akutkrankenhaus muss sich der Patient um wenig kümmern", erklärt Chefarzt Kalvari. "Unser Team verschiedener Fachdisziplinen dagegen klärt in enger Absprache mit dem Patienten, wo es noch gesundheitliche Probleme gibt und ob er zu Hause Hilfe durch Angehörige oder einen Pflegedienst benötigt."
Im eigenen Bett schlafen
Sabine Meier etwa fehlt es noch an Kraft in den Armen. Zudem hat sie als Folge des Schlaganfalls Sehstörungen und ist beim Gehen unsicher. Für die Seniorin steht jeden Tag Krankengymnastik auf dem Therapieplan. "Sie machen das sehr gut, Frau Meier", lobt Physiotherapeutin Natalie Frese. "Nur beim Ziehen an den Seilen den Rücken bitte noch ein wenig grader halten."
Nach Gleichgewichtsübungen auf dem Gymnastik-Ball ist dann Zeit für das Mittagessen. Anschließend genießt Sabine Meier eine Pause in einem der Ruheräume. Danach geht es weiter: Ergotherapie steht auf dem Plan, um 15 Uhr findet das gemeinsame Kaffeetrinken statt. Gegen halb vier bringt der Fahrdienst sie nach Hause zurück. Worauf sie sich dort besonders freut? "Natürlich auf mein eigenes Bett. Da schläft es sich am besten."
Petra Conradi / Senioren Ratgeber;
16.03.2011
Bildnachweis: W&B/Fritz Stockmeier
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