Auch im Alter können Sie noch auf den Hund kommen oder mit einer Katze liebäugeln – selbst wenn das Tier nicht Ihr eigenes ist. Wie Sie sich Ihre Streicheleinheiten holen
„Ein Lump sind Sie!“, schimpfte die Dame auf den Psychologen ein. „Recht hatte sie“, erinnert sich Professor Erhard Olbrich aus Zürich und lacht. Viele Jahre ist das her. „Ich wollte als kluger Kopf den alten Leuten im Heim – und auch den Alzheimerkranken – erzählen, was sie tun sollen.“
Heute würde der Fachmann nicht nur auf sachliche Argumente setzen. Er würde seinen Hund vorschicken und auf Emotionen und all das achten, was auf tieferen Schichten und ohne Worte abläuft. Seit 1982 forscht Prof. Olbrich über Mensch-Tier-Beziehungen. Vierbeiner finden oft den besseren Draht zu älteren Menschen, meint der Psychologe, der Struppi, Mohrle & Co. für ein ausgezeichnetes Lebenselixier hält. Doch viele haben Angst davor, sich im Alter auf einen neuen Hausfreund einzulassen. Kräfte könnten nachlassen, Gelenke knirschen oder das Herz streiken. Eine übertriebene Vorsicht? „Die Leute tun so, als würden sie mit 70 Jahren Lebewohl sagen müssen“, klagt Graham Ford vom Verein „Tiere helfen Menschen“. Dabei werden die Menschen im Durchschnitt immer älter. „Bis ins hohe Alter sind die meisten Leute fit und könnten Verantwortung für ein Tier übernehmen.“
Allerdings geben Tierfreunde zu bedenken, dass dieser Schritt wohl überlegt sein sollte. „Einfach Oma und Opa ein tierisches ,Enkelkind‘ vor die Nase zu setzen, ist falsch“, betont die Verhaltensforscherin und Buchautorin Dr. Carola Otterstedt. Sie schlägt vor, vorsichtig ins neue Leben als Tierhalter hineinzuschnuppern. „Man kann zum Beispiel dem Hundetrainer bei seiner Arbeit zuschauen oder im Tierheim erst einmal Kontakt zu Tieren suchen“, sagt Otterstedt. Die Frage „Kann und will ich mir wirklich ein Tier anschaffen?“ muss dann jeder für sich ernsthaft abwägen.
Betagter Stubentiger
Ob ein Hund, eine Katze oder besser ein Wellensittich zur Familie oder zum Single-Haushalt stößt, dafür gibt es kein Patentrezept. Ganz wichtig: sich vorher genau informieren, wie viel Zeit das oder die Tier(e) pro Tag beanspruchen. Überfordern einen junge Tiere, sollte die Wahl besser auf einen betagten Hund oder Stubentiger aus dem Tierheim fallen. „Wichtig ist, dass sich Besitzer darüber Gedanken machen, wer im Falle von Krankheit oder Tod ihren Freund versorgt“, rät Kristine Bergerhausen vom Deutschen Tierschutzbund. So können Tierhalter schon zu Lebzeiten einen Paten (zum Beispiel einen Nachbarn) bestimmen, der sich im Ernstfall mit um das Tier kümmert. Das lässt sich auch per Testament regeln.
Wer sich keine Vierbeiner ins Haus holen mag, muss trotzdem nicht auf Streicheleinheiten verzichten. Möglichkeiten, im Alter mit Tieren zusammenzuleben, gibt es viele. Tierbesuchsdienste sind eine davon. Von Privatleuten, Tiervereinen oder Wohlfahrtsverbänden organisiert, kommen Hundehalter samt Bello zum Kaffeekränzchen vorbei – und gehen wieder. Die Verantwortung fürs Tier nehmen sie wieder mit.
Ein Pate für Fiffi
Dr. Carola Otterstedt hält es auch für sinnvoll, sich als Pate für die Tiere anderer stark zu machen. Das kann die Patenschaft für eine Katze im Heim oder für Fiffi vom Nachbarn sein. „Gerade in Urlaubszeiten oder im Krankheitsfall sind Tierhalter dankbar, wenn sich jemand Vertrautes um das geliebte Tier kümmert“, sagt die Verhaltensforscherin.
Nötige Distanz
Wer sich weniger eng an ein Tier binden möchte: Ehrenamtliche Helfer sind im örtlichen Tierverein ebenso willkommen wie Spaziergänger, die einen Hund regelmäßig an die Leine nehmen. Distanz ist dabei vonnöten, „denn der ausgewählte Schützling kann eines Tages vermittelt werden“, gibt Kirsten Bergerhausen vom DTB zu bedenken. Ob daheim oder nur zu Besuch: „Es berührt mich jedes Mal, wenn die Gesichter Älterer heller werden, sobald sie Tiere erblicken“, sagt Olbrich.
Senioren Ratgeber; 19.08.2005, aktualisiert am 31.08.2009
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