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Interview:
Warum braucht der Mensch Tiere, Herr Hagenbeck?

Joachim Weinling-Hagenbeck ist einer der Leiter des "Hagenbecks Tierpark" in Hamburg. Er weiß, wie nahe Tiere dem Menschen stehen

Elefant des Tierparks Hagenbeck

Tierisch begeistert: Hagenbecks Geschäftsführer (rechts) ist Elefantenfan

Sind Sie froh, dass der Trubel um den Berliner Eisbären Knut vorbei ist?

 

Heilfroh, denn das war Hysterie. Tieresind etwas Herrliches, aber sie solltennicht eine ganze Nation zum Stillstand bringen.

Wie kommt es, dass ein Eisbärenbaby die Menschen derart begeistert?

 

Jungtiere sind immer eine große Attraktion. Bei Knut kam hinzu, dass das Wetter um Ostern herum sensationell war, vor allem aber, dass die Presse das Thema so groß aufgenommen hatte. Als Handaufzucht und erstes Eisbärenbaby nach mehr als 30 Jahren in Berlin ist Knut somit etwas  Besonderes. Wir hatten 2002 unseren letzten Eisbärennachwuchs und erzielen zudem Zuchterfolge bei Elefanten, Leoparden und Riesenottern.

 


Joachim F. Weinlig-Hagenbeck

Joachim Weinling-Hagenbeck

Was ist denn Ihr Lieblingstier? Sie haben ja eine große Auswahl …

 

Schwer zu sagen, aber wenn ich eines nennen soll, dann den Elefanten. Mit dem hat man die längsten Bindungen. An ein Elefantenbaby kann man nah heran, ohne dass es auf den Menschen geprägt wird; an das erwachsene Tier immer noch. Einen erwachsenen Tiger kann man nicht streicheln.


Sie sind von Haus aus Banker, waren Manager bei Siemens und wechselten mit Ihrer Heirat zum Zoo. Haben Sie die Tierliebe durch Ihre Frau entwickelt?


Wenn ich nicht schon eine besondere Beziehung zu Tieren gehabt hätte, hätte meine Frau mich wahrscheinlich nicht geheiratet. Wenn man in das Unternehmen Zoo einsteigt, ist es wichtig, dass einen die Tierpfleger respektieren und akzeptieren und wissen: Der meint das ernst mit den Tieren, denkt nicht nur ans Geld.

Warum braucht der Mensch Tiere? Was können wir von ihnen lernen?


Der Mensch möchte instinktiv nicht auf einer Erde leben, auf der es keine Tiere mehr gibt. Tiere symbolisieren Natur und Natürlichkeit. Sie stehen uns teilweise sehr nahe, halten uns den Spiegel vor. So weit weg sind wir nicht vom Orang-Utan. Man hört viel von Übergriffen auf Schwächere, von der Rohheit, die in vielen Familien herrscht. Da sollten wir auf die Tiere schauen: Die kennen Brutpflege und Beißhemmung. Auf den Unterlegenen wird nicht noch eingetreten.

Wer sind die typischen Tierparkbesucher?


Zum einen natürlich Familien. Aber man kann durchaus ohne Kinder in den Zoo gehen. Da müssen wir noch dran arbeiten, dass das den Menschen bewusster wird. Und wir haben viele ältere Besucher, die eine Jahreskarte besitzen und sehr oft kommen. Sie nutzen Hagenbeck gerne auch als Treffpunkt.

Sind das wirklich so viele, die bei Wind und Wetter kommen?

 

Fragen Sie mal die Pförtner. Die brauchen keine Uhr, die wissen: Wenn Frau Schulze kommt, ist es Punkt 14 Uhr. Viele Senioren besuchen uns besonders gern in der kalten Jahreszeit, weil es dann ruhiger ist. Der Zoo ist für viele Ältere Lebensinhalt. Das sehen wir auch an den Spenden und Erbschaften, die wir bekommen. Das sind teilweise richtig rührende Testamente, in denen sie sich für die vielen schönen Stunden im Tierpark bedanken.

Warum sind Tiere gerade für Ältere so gute Weggefährten?

 

Sie haben Zeit, genauer hinzuschauen, sich auf die Tiere einzulassen, ihre Faszination zu entdecken. Dabei entstehen Bindungen, die für die Seele wichtig sind. Manche Intensivbesucher kennen jedes Tier, wissen ganz genau, wer welcher Affe ist.

Manche Menschen verstehen sich blind. Gibt es das auch bei Mensch und Tier?

 

Ich würde schon meinen, dass manches Tier besondere Besucher wiedererkennt und dabei Bindungen entstehen. Auf beiden Seiten.


Der Zoo steht in Konkurrenz zu Freizeitparks mit ihren Schneller-höher-weiter-Attraktionen. Wie  lange kann er noch mithalten?


Kinder bis zwölf Jahre kommen mit Begeisterung hierher. Dann kommt ein Alter, wo sie sich für lautere und schrillere Dinge interessieren. Solange sie irgendwann wiederkommen, spätestens, wenn sie selbst Kinder haben, machen wir uns nicht die geringsten Sorgen. Im vergangenen Jahr hatten wir 1,5 Millionen Besucher – hinzu kommen noch die unseres neuen Tropen-Aquariums. Wenn ein Freizeitpark nicht jedes Jahr eine neue Attraktion aufstellt, wird das bedrohlich für ihn. Wir müssen unsere Tiere nicht auswechseln. 

Wie viel Natur kann ein Zoo überhaupt wiedergeben?

 

Er kann nur Lebensräume nachbilden und damit versuchen, die arteigenen Ansprüche der Tiere zu erfüllen. Das ist insofern schwierig, als man die Tiere schlecht fragen kann, wie sie es gerne hätten.

Bestimmt hätten sie gerne mehr Platz …

 

Ein Eisbär in der Arktis braucht sehr viele Quadratkilometer, um Nahrung zu finden – und nicht, weil er so ein begeisterter Wanderer wäre. So ist das bei den meisten Tieren: Solange die Grundbedürfnisse erfüllt sind, reichen kleinere Einheiten, und man kann relativ viel Natur nachbilden. Letzten Endes sollen die Tiere Botschafter für den Erhalt ihrer Heimat sein.

Warum hat sich das Image der Zoos so deutlich verbessert?


Manche Tierhaltung in den Zooswar einfach nicht in Ordnung. Das galt auch für uns. Alle deutschen Zoos haben viel getan, um das zu verbessern. Nehmen Sie unser neues Affen-haus oder die neue Elefantenzucht, da ist nichts mehr wie früher. Wir haben die Tiger-, Leoparden- und Löwengehege verändert. Wir haben neue Quartiere für Flamingos und Aras. Allein aus Spendenmitteln sind hier 20 Millionen reingesteckt worden.

Sehen Sie Hagenbeck zukünftig immer noch als Familienbetrieb?


Wenn in der nächsten Generation Kinder sind, die bewiesen haben, dass sie was können, und glaubhaft machen,dass sie sich für die Aufgabe begeistern, finde ich das sehr schön und traditionell. Aber das Unternehmen ist inzwischen zu groß und zu wichtig für Hamburg und bietet 300 Arbeitsplätze, als dass das automatisch und unhinterfragt ein Erbberuf sein muss.



senioren-ratgeber.de; 31.08.2009
Imago stock & people GmbH/Strussfoto, Action Press GmbH & Co. KG/Martin Brinckmann

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