Nachbarschaft: Vom Miteinander profitieren

Auf gute Nachbarschaft: Immer mehr Menschen ist es wichtig, mit ihren Nachbarn in Kontakt zu treten und mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen. Besonders Ältere ziehen Vorteile daraus

von Annette Bieber, aktualisiert am 09.09.2016

Kontaktpflege nebenan: Zeit mit den Nachbarn verbringen

Fotolia/higwaystarz

Gute Nachbarschaften: Sie feiern Straßenfeste, tauschen Einkaufsdienste gegen Babysitten oder Hausaufgabenbetreuung, begrünen zusammen triste Hinterhöfe oder treffen sich zum Kochen. Überall in Deutschland tun sich Nachbarn zusammen, weil sie ein Bedürfnis nach mehr Nähe und weniger Anonymität haben. Schließlich hat, wer in einem Haus, einer Straße oder in einem Viertel wohnt, schon mal viel gemeinsam. Und daran lässt sich prima anknüpfen.

Oft braucht es nur einen kleinen Schritt vor die Haustür, irgendeinen winzigen Anstoß oder eine zündende Idee, damit Nachbarn sich mehr als ein flüchtiges "Hallo" zurufen, wenn sie sich im Treppenhaus oder beim Bäcker um die Ecke begegnen. "Wer einmal gemeinsam im Blumenbeet gegraben hat, trifft sich danach auch wieder auf einen netten Abend im Garten", ist Erdtrud Mühlens aus Hamburg überzeugt.


Netzwerk Nachbarschaft: 260.000 aktive Mitglieder

Vor zwölf Jahren gründete die heute 63-Jährige mit dem Künstler Janosch das Netzwerk Nachbarschaft, in dem inzwischen mehr als 1800 Initiativen und 260.000 Mitglieder quer durch alle Altersgruppen aktiv sind. Ob Alt und Jung, ob Singles und Paare, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Familien und Alleinerziehende – sie alle teilen einen Wunsch: in einem lebendigen und aufmerksamen Umfeld zu leben, wo soziale Kontakte und gegenseitige Unterstützung selbstverständlich sind.

Nette Menschen am Wohnort zählen besonders im Alter, weiß Erdtrut Mühlens vom Netzwerk Nachbarschaft: "Das Gefühl von Sicherheit hilft gerade den alleinwohnenden Senioren, ihre Selbstständigkeit zu bewahren." Ältere wohnen meist 30 und mehr Jahre in ihrem Quartier. Die eigene Familie lebt oft weit verstreut. Da ist es gut, eine vertrauensvolle und verlässliche Beziehung zu seinen Nachbarn zu pflegen.

Bei Ärger hilft reden

Zugegeben, manchmal gibt es auch Zoff am Maschendrahtzaun und Streit um den Hausputz. Mehr als jeder Dritte ab 60 hatte nach eigenen Angaben schon mal Ärger mit seinem Nachbarn, zeigt eine Umfrage des Senioren Ratgeber. Hauptstreitpunkte unter Menschen, die nebeneinander wohnen: Lärm, gefolgt von unerledigten Gemeinschaftsaufgaben.

"So ein Zwist fängt oft harmlos an", sagt die Hamburgerin Erdtrud Mühlens aus Erfahrung. Mal sorgt der falsch sortierte Müll, mal die nachtaktive Waschmaschine oder die Grillschwade von nebenan für dicke Luft. Der Rat der Expertin für ein auskömmliches Miteinander: Sobald der größte Ärger verraucht ist, einfach mal klingeln und freundlich darüber reden.

Dafür ist das Verhältnis schon zu zerrüttet? Wenn zwei sich streiten, können Schiedsstellen helfen, Frieden zu stiften. "Oft ist die Situation so festgefahren, dass ein neutraler Vermittler ranmuss", sagt Bodo Winter, Vorstandsmitglied im Bund deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen. "Wer zu mir kommt, ist zwar sauer, aber in der Regel harmoniefähig. Irgendwann haben die Parteien wohl nur vergessen, miteinander zu reden." Traurig, aber wahr: Mehr als 8000 Nachbarschaftskonflikte haben Amtsgerichte allein im Jahr 2012 in Zivilprozessen verhandelt. Dazu kommen noch die schwereren Fälle, die etwa wegen Handgreiflichkeiten vor den Strafkammern landen.


"Ich bin der Neue!"

Sie sind frisch zugezogen und kennen Ihre Nachbarn noch nicht? Dann ist es höchste Zeit, sich vorzustellen.

 

Sich bekannt machen: Einfach bei den Nachbarn klingeln, sich bekannt machen und gleich mal Hilfe anbieten – bei der Päckchenannahme genauso wie für die Pflanzenpflege. Später persönlich oder über das Schwarze Brett zur kleinen Einweihungsfeier laden.

 

An Hausregeln halten: Welche Regeln gelten in der Hausgemeinschaft? Ist Grillen erlaubt? Wer putzt das Treppenhaus?

 

Rücksicht nehmen: Nachbarn rechtzeitig vorwarnen und am besten mit einladen, wenn eine Party ins Haus steht. Ob Klavierspielen oder Rasenmähen: Ruhezeiten einhalten.


Gemeinsam feiern, kochen, spenden

Dabei ist eine gute Nachbarschaft den meisten Menschen wichtig. 69 von 100 Deutschen sagen laut einer Befragung des Netzwerks Nachbarschaft: "Meine Straße ist mein Zuhause." Die Leute interessiert es wieder, wer nebenan wohnt. Nicht nur auf dem Dorf. "Heutzutage sind gerade auch Städter bemüht, Nachbarschaft aktiv und lebendig zu gestalten", bemerkt Romy Reimer, Soziologin von der Universität Paderborn und Expertin für Gemeinschaftliches Wohnen.

Für Anschub sorgen Projekte und Initiativen, bei denen alle im Quartier an einem Strang ziehen: Tausch- und Leihbörsen für Hilfeleistungen oder Gartengeräte, Verschönerungsaktionen, Sporttreffs ebenso wie Mehrgenerationen-Spielplätze oder Wohnkonzepte für Alt und Jung. Zu den mit Abstand beliebtesten Aktionen, um engere Kontakte zu knüpfen und Grenzen zu überwinden, zählen Straßenfeste. Das Motto "Lasst uns gemeinsam feiern!" bringt Menschen offenbar besonders unkompliziert zusammen. Neuerdings boomen auch Treffs, bei denen Nachbarn gemeinsam kochen. Manche Events verknüpfen überdies das Angenehme mit dem Nützlichen und spenden Erlöse von Suppenküchen, Flohmärkten oder Kulturverstaltungen für einen guten Zweck.

"Im Idealfall ist Nachbarschaft eine Art Familienersatz"

Das neue "Wir" ist ein Gewinn für alle, betont die Paderborner Wissenschaftlerin Reimer: Wo sich Nachbarn umeinander kümmern, können alte Menschen leichter und länger den eigenen Haushalt aufrechterhalten. Im Gegenzug profitieren jüngere Familien beispielsweise durch Kinderbetreuung. Klar sollte aber auch sein: Nachbarschaftshilfe darf nicht überfordern oder professionelle Unterstützung überflüssig machen. "Je älter wir werden, desto wichtiger wird es, dass Nachbarn da sind, wenn wir sie brauchen und wir uns mit ihnen austauschen können", resümiert Erdtrud Mühlens. "Im Idealfall ist Nachbarschaft eine Art Familienersatz." Und der will gepflegt werden.


Mehr zum Netzwerk Nachbarschaft

Mitmach-Aktionen, Wettbewerbe, Checklisten und Infos zu "Gesunde Nachbarschaften" bietet das Netzwerk Nachbarschaft: www.netzwerk-nachbarschaft.net, Telefon 040/480 650 18


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