Wie will ich im Alter wohnen?

Die wenigsten Menschen befassen sich aktiv mit der Frage, wo und wie sie im Alter wohnen möchten. Dabei lohnt es sich, sich rechtzeitig darum zu kümmern
von Raphaela Birkelbach, 18.04.2017

Im Eigenheim oder im Quartier: Viele Wohnformen sind im Alter möglich

istock/Ivan Stevanovic

Ganz schöne Umstellung: statt 100 Quadratmeter auf einmal nur noch 54. Für den bekennenden Jäger und Sammler Holger K. bedeutete das vor allem eines: tüchtig entrümpeln. Trotzdem. "Für uns ist das kleinere Apartment zu 150 Prozent richtig", findet der 74-Jährige heute. Seit einem Jahr lebt der Kieler gemeinsam mit seiner Frau Gabriele im betreuten Wohnen. Die an multipler Sklerose (MS) erkrankte 68-Jährige fühlt sich in ihren vier Wänden gut aufgehoben. "Es ist alles barrierefrei", sagt sie. "Da komme ich gut mit dem Rollstuhl zurecht."  Noch ist sie nicht komplett auf das Hilfsmittel angewiesen, "aber das kann noch passieren", weiß sie.

Ehepaar K. ist wegen der Erkrankung umgezogen – und damit eher eine Ausnahme, wie Umfragen zeigen. Die meisten Senioren wollen bis an ihr Lebensende daheim bleiben – selbst dann, wenn sie Pflege benötigen. Doch Plan B liegt für diesen Fall selten in der Schublade. Altersgerecht umgebaut sind maximal fünf Prozent der Haushalte, schätzen Forscher.

Wenn der Umzug zur Krankheit kommt

Das Nachdenken über Rampen, Haltegriffe, einen Treppenlift oder rutschfesten Fußboden beginnt meist erst, wenn die herzkranke Mutter oder der gebrechliche Vater nicht mehr die Treppe hinaufkommt. Dann rufen gestresste Angehörige bei Tobias Konrad an und löchern den Wohnberater des Landkreises Würzburg: Wo gibt es Haltegriffe? Wer baut einen Treppenlift ein? Muss meine Mutter jetzt ins Heim?

"Nun belastet neben der Krankheit noch ein Umzug oder Umbau die Familie", bedauert der Pflege- und Gesundheitsmanager. Die Aufregung ließe sich häufig vermeiden: "Jeder sollte sich spätestens mit Renteneintritt mit seinen Wohnwünschen für das Alter realistisch auseinandersetzen", betont Konrad. Ideal, wenn das im trauten Familienkreis geschieht und prinzipielle Fragen auf der Tagesordnung stehen: Was will man? Was geht noch? Was ist einem eine barrierefreie Wohnung wert, wenn soziale Kontakte wegfallen? Lohnt sich der Umbau? Oder doch ein Umzug in die Nähe der Tochter? Käme auch ein Mehrgenerationen-Projekt infrage? "Gerade Alleinstehende unterschätzen, dass sie sich später einsam fühlen", sagt Tobias Konrad. 

Wohnung barrierefrei einrichten

Luzia E. aus Waldbrunn hat andere Sorgen: Ihrem gehbehinderten Mann fällt das Gehen schwer. "Wir haben daher im Sommer 2015 das Bad im Haus barrierefrei umbauen lassen", sagt die 77-Jährige. Dank erhöhter Toilette, schwenkbaren Wasserhähnen und ebenerdiger Dusche ist der 84-Jährige nun beweglicher. Selbst an Notfälle ist gedacht: "Unsere neue Badezimmertür", erzählt E.,  "geht nach außen auf und lässt sich von außen entriegeln."

Vier Wohnkonzepte vorgestellt

Kein Patentrezept beim Umbau

Kein Zweifel: Der seniorengerechte Umbau bietet mehr Sicherheit. Doch ein Patentrezept für den perfekten Altersruhesitz ist das nicht. "Nicht jeder kann die Kosten tragen", sagt Wohnberater Tobias Konrad. Mancher Ratsuchende stellt beim Nachrechnen schnell fest: Selbst mit Zuschüssen reicht das Geld nicht. Andere Bauwillige können ihre Pläne nicht umsetzen, weil sie zur Miete wohnen und der Hausherr dem Umbau nicht zustimmt.

Doch selbst wenn: Was nützen Haltegriffe im Bad, wenn in den vierten Stock nur eine Treppe führt? Rasch wird dann jeder Gang zum Arzt oder zur Apotheke zur Herausforderung, weiß Karin Frost aus Gräfelfing. Die Leiterin des "Vereins Betreutes Wohnen zu Hause" ermöglicht es Senioren, länger in den vertrauten vier Wänden zu bleiben. "Wir organisieren einen ambulanten Pflegedienst, einen Hausnotruf, Mahlzeit- oder Haushaltshilfen", sagt die Pflegewirtin. Je nach Vertrag und Bedarf schnüren die Mitarbeiter des Vereins individuelle Service-Pakete. 

Netzwerk aus Helfern knüpfen

Viele müssen ihr Netzwerk aus Helfern selbst knüpfen. "Mit 82 gelingt das aber kaum noch, weil die Kraft und der Mut dazu fehlen", sagt Frost. Ratsamer ist es, sich beizeiten in der Gemeinde um Kontakte zu bemühen, etwa bei Seniorenberatungsstellen, der Nachbarschaftshilfe oder Wohlfahrtsverbänden. Wer Eigeninitiative ergreift, sollte aber vorher in sich gehen: Stelle ich damit die Weichen richtig? Oder sollte ich mein Engagement vielleicht in andere Bahnen lenken? Ob Wohnungsumbau oder häusliche Pflege, "oft sind das nur Lösungen auf Zeit", findet Frost. Wer chronisch krank ist und absehbar gebrechlicher wird, sollte die Entscheidung nicht auf die lange Bank schieben. "Je später der Umzug, als umso schmerzlicher wird er erlebt. Körperlich und psychisch."

Karin F. (73) und ihre Schwester Ingeborg (78) haben deswegen jetzt gehandelt. "Wir leben seit Dezember zusammen", erzählt die Jüngere. In einer Wohnanlage der AWO Schleswig-Holstein haben die Schwestern je ein barrierefreies Apartment gemietet. "Im Pflegefall können wir hierbleiben", betont Karin F. Und: Ihr neues Zuhause liegt im Flensburger Stadtteil Sandberg – genau der Wunschort der beiden Seniorinnen. "Wir sind hergezogen, weil es so nett hier ist. Und man kommt schnell überall hin."

Neues Viertel vorab prüfen

Zum Arzt. Zum Apotheker. Zum Theater, alles ist um die Ecke. Perfekt, meint Erdtrud Mühlens, Gründerin des bundesweiten Netzwerk Nachbarschaft. "Gut wohnen heißt auch, sich in seinem unmittelbaren Umfeld wohlzufühlen." Schrumpft im Alter der Aktionsradius, werden Begegnungen vor der Haustür wichtiger. Warum also nicht in ein Wohnviertel umziehen, das einem passender fürs Alter erscheint? "Es geht immerhin um ein Drittel unseres Lebens", sagt Mühlens. Ihr Tipp, um ein neues Stadtquartier kennenzulernen: "Einfach mit wachem Blick durch die Straßen schlendern." Wie freundlich reagieren die Leute auf einen? Sprechen sie gern über ihr Viertel? Was gibt es dort an Angeboten für ältere Menschen? Schön, wenn gleich die ersten Eindrücke Lust auf einen Ortswechsel machen.

Christel K. aus Essen hat der Wechsel gutgetan: "Seit ich im Tanja-Ubländer-Haus wohne, bin ich richtig aufgelebt", erzählt die 71-Jährige. Vor drei Jahren ist sie in das moderne Mehrgenerationen-Haus gezogen.

Mitbewohnern mit Respekt begegnen

Dort teilt sie sich mit zwei älteren Frauen das Erdgeschoss, "eine Art Senioren-WG", erklärt K. Im oberen Stockwerk haben vier alleinerziehende Mütter und ihre Kinder jeweils eine eigene Bleibe. Die Essener Rentnerin hat sich bewusst für das quirlige Leben entschieden. "Ich habe mich allein gefühlt." Außerdem plagte sie die Angst vor einem erneuten Hörsturz. "Heute ist im Notfall immer jemand für mich da", ist die Seniorin erleichtert. Und umgekehrt: Die jungen Mütter sind froh, wenn eine der "Omas" von unten ihren Nachwuchs hütet.

Der Austausch zwischen Alt und Jung funktioniert gut und ist Teil des sozialen Wohnkonzepts, betont Pe­tra Staats, die das Mehrgenerationen-Projekt leitet. "Wer hier lebt, muss Spaß an Geselligkeit haben und die andere Generation wertschätzen." Christel K. hat sich das genau überlegt. "Ich fühle mich hier sauwohl."        


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