Parodontitis behandeln und vorbeugen

Blutet das Zahnfleisch, ist womöglich der Zahnhalteapparat entzündet. Das kann sich auf den ganzen Körper auswirken. Wie sich eine Parodontitis behandeln lässt

von Heidi Loidl, aktualisiert am 15.01.2016

Wer sich um seine Zähne kümmert und Parodontitis vorbeugt, hat Grund zum Lachen

Lindberg Sanna/ès/Corbis

Um die Mundgesundheit der Deutschen steht es nicht gut. Weniger die Zähne selbst, vielmehr das Gewebe, das sie im Kieferknochen verankert, ist in Gefahr. Die neue Volkskrankheit heißt "Parodontitis" und ist eine Entzündung des Zahnhalteapparats. Vier von fünf Senioren sind behandlungsbedürftig krank, doch jeder Dritte davon ist nach Schätzung von Experten unbehandelt. Ab 45 ist die Parodon­titis der häufigste Grund für Zahn­verlust. Unbehandelt beeinträchtigt sie auch die Allgemeingesundheit.

Die gute Nachricht: "Parodontitis kann man gut behandeln, alte Leute verlieren heute nicht mehr zwangsläufig ihre Zähne", sagt Peter Eickholz, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie. Er betont aber auch: "Je früher man eingreift, desto besser."

Wie kommt es überhaupt zu der gefährlichen Entzündung? Auslöser sind bestimmte Bakterien der Mundhöhle. Hapert es beim Putzen, können sie sich in größerer Anzahl auf der Zahnoberfläche ansiedeln und das Zahnbett angreifen.


Alarmsignal Zahnfleischbluten

Dagegen macht der Körper mobil, das Zahnfleisch entzündet sich, schwillt an und blutet beim Putzen – ein erstes Signal, dass sich eine Parodontitis anbahnt. "In diesem Stadium lässt sich die Entzündung mit sorgfältiger Mundhygiene meist noch gut in den Griff bekommen", erklärt Eickholz. Werden die gefährlichen Beläge jedoch nicht entfernt, bedrohen sie auch die Zahnhaltefasern, das Zahnfleisch bildet Taschen. Später weicht der Knochen zurück. "Er läuft sozusagen vor den riskanten Keimen weg", erläutert der Parodontologe. "Dass dabei langfristig vielleicht ein Zahn verloren geht, nimmt der Körper in Kauf." Trotz intensiver Gegenmaßnahmen kommt die Abwehr bei fortgeschrittener Parodontitis an ihre Grenzen.

Warum eine Parodontitis gefährlich ist

"Man muss sich Zahntaschen wie eine offene Wunde vorstellen. In sehr schweren Fällen ist sie zusammengenommen handtellergroß und zudem mit Bakterien besiedelt", sagt Eickholz. "Kein Arzt würde Sie mit einer solchen Wunde am Oberarm einfach nach Hause schicken." Die Gefahr: Bakterien treten in das Blut über und verursachen an den Gefäßwänden kleine Entzündungen. Das erklärt, warum Parodontitis das Risiko
für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes erhöht. Daran gibt es heute keine Zweifel mehr. Zusammenhänge mit der chronischen Lungenkrankheit COPD, rheumatoider Arthritis, Krebs und Demenz werden diskutiert.

Gute Gründe, das Thema Parodontitis sehr ernst zu nehmen. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus: Viele beachten gerötetes, geschwollenes oder blutendes Zahnfleisch nicht weiter – es tut ja nichts weh. Unangenehm wird es erst, wenn freiliegende Zahnhälse empfindlich auf Kälte reagieren, ein ständiger unangenehmer Geschmack oder Mundgeruch quälen. "Bei all diesen Anzeichen muss man an eine Parodontitis denken", sagt Professor Christoph Benz. Sicher feststellen kann das aber nur der Zahnarzt. Mit einer Mini-Sonde misst er die Tiefe der Zahntaschen. Alle zwei Jahre zahlt die Kasse dafür. "Leider wird das viel zu wenig genutzt", beklagt der Zahnmediziner, "Patienten sollten den Check einfordern."

Zahntaschen von Belägen befreien

Ab einer Taschentiefe von vier Millimetern raten Experten zur Behandlung. Den Anfang macht die Professionelle Zahnreinigung (PZR): Die Zähne werden gründlich gesäubert. Und das leidige Thema Mundhygiene kommt auf den Tisch. Wo ist Zahnseide das richtige Hilfsmittel? Welches Interdentalbürstchen passt? "Ich übe mit dem Patienten, wie er seine individuellen Problemzonen richtig sauber kriegt", sagt Monika Hartl-Huber, Zahnmedizinische Fachassistentin.

Um die Zahntaschen kümmert sich dann der Zahnarzt. Unter örtlicher Betäubung rückt er den Belägen mit Handinstrumenten oder Ultraschall zu Leibe. Die Versorgung unter Sicht, bei der das Zahnfleisch nach einem kleinen Schnitt abgehoben wird, ist heute die Ausnahme. Auch Antibiotika werden nur in schweren Fällen gegeben.

Was langfristig hilft

Ist die Kürette weggelegt, stehen die Bakterien wieder bereit, um sich erneut auf dem Zahn niederzulassen. Unverzichtbar daher: das gewissenhafte Putzen zu Hause. Vermeiden Sie alles, was die Abwehrlage verschlechtert: Stress, vor allem aber Rauchen beschleunigt die Parodontitis. Knackiges Gemüse und Vollkorn- statt Weißbrot zu essen ist wie Bodybuilding für den Zahnhalteapparat. Zwei- bis viermal im Jahr sollte der Zahnarzt neu gebildete Beläge in den Zahntaschen entfernen. "Nur mit dieser konsequenten Nachsorge wird die Therapie ein Erfolg", so Eickholz. Erfolg heißt hier: Die Krankheit schreitet nicht fort. "Verlorenes Zahnfleisch und Knochen wieder aufzubauen gelingt nur selten und in geringem Maß."

Bitter: Die Kassen bezahlen nur die Erstbehandlung, für die vorausgehende PZR und die Nachsorge muss der Patient selbst aufkommen. Doch wer früh in die Behandlung der Parodontitis investiert, erspart sich später den Zahnersatz – das rechnet sich.



Bildnachweis: Lindberg Sanna/ès/Corbis

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