"Manche nehmen Schmerz schicksalhaft hin"

Patienten mit chronischen Schmerzen benötigen oft einen Spezialisten. Viele zögern aber, Hilfe zu suchen. Interview mit Michael Überall, Präsident der Deutschen Schmerzliga

von Petra Haas, aktualisiert am 22.03.2016

Weitere Gehstrecken meistern, Kräfte zurückgewinnen – mit der richtigen Therapie kann das auch bei chronischen Schmerzen gelingen

Thinkstock/BananaStock

Herr Dr. Überall, zehn Jahre dauert es im Schnitt, bis ein Rückenschmerzpatient den Weg zu Ihnen findet. Verstecken Sie sich?

Keineswegs! Manche nehmen ihren Schmerz einfach schicksalhaft hin. Andere schlucken eigenmächtig Tabletten oder meinen, der Allgemeinarzt werde es schon richten. Dabei ist jeder zweite Allgemeinarzt unsicher, was zu tun ist, wenn ein Patient trotz Therapie über Schmerzen klagt. Das zeigen Umfragen. Geistig eingeschränkten Menschen fällt es zudem schwer, ihre Schmerzen zu kommunizieren.


Dr. Michael Überall leitet das Regionale Schmerzzentrum in Nürnberg und ist Präsident der Deutschen Schmerzliga

W&B/Olaf Tiedje

Wer sich endlich aufrafft, wartet oft Monate auf einen Termin beim Spezialisten.

Zum einen liegt das am Personalmangel. Für die 23 Millionen Betroffenen, von denen 2,8 Millionen an einer schweren Schmerzkrankheit leiden, stehen nur etwa 1000 Therapeuten zur Verfügung – wir bräuchten gut fünfmal so viele. Bislang gibt es leider auch keinen Facharzt für Schmerztherapie, was die Versorgung zusätzlich erschwert. Findet ein Hausarzt, der sich in Schmerztherapie gut auskennt, keinen gleichwertigen Nachfolger, verlieren dessen Patienten ihren Ansprechpartner.

Worauf sollten Ärzte bei Älteren besonders achten?

Im Alter verändert sich der Stoffwechsel, Begleiterkrankungen häufen sich. Medikamente sollten Mediziner bei Älteren deshalb sehr viel sorgsamer verschreiben. Stattdessen sollten sie auf manuelle Therapien, Bewegungs- und Entspannungsverfahren setzen, die Selbstheilungskräfte mobilisieren. Oft müssen mehrere Disziplinen gleichzeitig ran, manchmal ist eine Psychotherapie ratsam.

Mit dem Ziel, wieder schmerzfrei zu leben?

Nein. Eine solche Erwartungshaltung würde zu Frustration führen. Vielmehr streben wir an, dass der Patient seine Kräfte zurückgewinnt. Etwa weite Gehstrecken wieder zu Fuß meistern, die Enkel besuchen oder allein den Haushalt wuppen kann.

Wie bereitet sich ein Patient auf den Besuch beim Schmerztherapeuten optimal vor?

Vorab sollte die Praxis dem Patienten einen Fragebogen zuschicken, den er zu Hause in Ruhe ausfüllt. Fragen am besten aufschreiben. Älteren rate ich, zum Termin eine Vertrauensperson mitzunehmen, die wichtige Dinge auf einem Blatt Papier festhält.


Adressen von schmerztherapeutischen Einrichtungen bundesweit vermittelt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin unter www.dgschmerz-medizin.de

Adressen von Selbsthilfegruppen finden Sie auf der Homepage der Deutschen Schmerzliga unter www.schmerzliga.de



Bildnachweis: W&B/Olaf Tiedje, Thinkstock/BananaStock

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