Vergesslichkeit: Nicht immer eine Demenz

Hin und wieder etwas zu vergessen, ist normal. Doch setzt das Gedächtnis häufig aus, kann es problematisch werden. Wann es sich lohnt, Vergesslichkeit näher zu untersuchen

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 11.12.2015

Sie haben häufig Gedächtnislücken? Mehrere Ursachen können dahinter stecken

Shotshop/mr.nico

Manchmal ist es wie verhext: Da kannte man jahrzehntelang die Telefonnummer des alten Schulfreunds auswendig, doch jetzt will sie einem auf einmal partout nicht einfallen. Harmlose Gedächtnislücke – oder erstes Anzeichen einer beginnenden Demenz? "Jeder vergisst hin und wieder einmal etwas", sagt Professor Richard Dodel, kommissarischer Leiter der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. 

Eine vergessene Telefonnummer ist also nicht unbedingt ein Anlass zur Sorge. Im Übrigen ist es auch durchaus normal, dass solche kleinen Gedächtnispannen im zunehmenden Alter sich leicht häufen. "Auch das Gehirn altert", so Dodel. Die umgangssprachliche Altersvergesslichkeit gibt es also tatsächlich. Allerdings muss in der zweiten Lebenshälfte nicht zwangsläufig ein kognitiver Leistungsabfall stattfinden. Wer aktiv bleibt und seinem Kopf ständig neue Aufgaben gibt, erhöht seine Chancen, auch mit 70 Jahren geistig noch fit zu sein.


Ab wann sollte man sich untersuchen lassen?

Außerdem können beispielsweise äußere Einflüsse oder Stress kurzzeitig das Erinnerungsvermögen trüben. In einigen Fällen ist es aber durchaus ratsam, Gedächtnisaussetzer von einem Arzt untersuchen zu lassen. Vor allem dann, wenn die Vergesslichkeitsanfälle verstärkt auftreten, bereits längere Zeit andauern oder sie die Betroffenen im Alltag beeinträchtigen.

Andere Ursachen für zunehmende Vergesslichkeit

Die erste Anlaufstelle bei Gedächtnisproblemen sollte der Hausarzt sein. Falls notwendig wird er den Patienten an eine Gedächtnisambulanz oder einen Nervenarzt (Neurologen) überweisen. Der Hausarzt kann auch abklären, ob andere begünstigende Ursachen für Gedächtnislücken vorliegen. Infrage kommen zum Beispiel:

  • Depression: Psychische Krankheiten können Gedächtnisstörungen zur Folge haben. Dazu zählen neben Depressionen auch Angsterkrankungen.
  • Schilddrüsenunterfunktion: Die Schilddrüse produziert in diesem Fall zu wenig Hormone. Symptome können unter anderem rasches Ermüden, Gewichtszunahme, leichtes Frieren und Gedächtnislücken sein. Zur Behandlung verschreibt ein Arzt in der Regel Schilddrüsenhormone.
  • Vitaminmangel: Fehlt dem Körper Vitamin B12 können neben anderen Mangelerscheinungen unter anderem auch Gedächtnisprobleme auftreten. Der Arzt kann einen Mangel diagnostizieren und entscheiden, ob eine Therapie mit B12 notwendig ist. Wer vorbeugen möchte: Vitamin B12 steckt in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch oder Milch.
  • Schlafmangel: Zu wenig Schlaf kann Vergesslichkeit ebenfalls begünstigen.
  • Erkrankungen des Zentralnervensystems: Diese können sich unter anderem in verminderten Gedächtnisleistungen bemerkbar machen. Das kann zum Beispiel bei Parkinson, aber auch Multipler Sklerose der Fall sein.
  • Flüssigkeitsmangel: Vor allem ältere Menschen neigen dazu, zu wenig zu trinken. Tipps, wie Sie ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen, finden Sie hier.
  • Medikamente: Verschiedene Arzneien können sich auf das Gedächtnis auswirken. Der Arzt oder Apotheker kann Auskunft dazu geben, ob ein Medikament die Merkfähigkeit beeinflussen könnte. Auf keinen Fall Arzneimittel eigenmächtig absetzen, sondern den Arzt auf Merkschwierigkeiten ansprechen und mit ihm besprechen, was sich dagegen tun lässt.
  • Drogen: Hier ist vor allem Alkohol als weit verbreitetes Rauschmittel zu nennen. Er beeinträchtigt nicht nur kurzfristig das Denkvermögen, sondern kann es auch langfristig schädigen.

Weitere mögliche Anzeichen für eine Demenz

Charakteristisch für eine Demenz ist vor allem ein gestörtes Kurzzeitgedächtnis. Betroffene können sich Neues nur schwer merken. Zunehmende Gedächtnislücken sind allerdings nicht die einzigen möglichen Anzeichen für eine beginnende Demenz. Meist kommt es noch in anderen Bereichen zu geistigen Einbußen. Ein Alarmzeichen ist, wenn Betroffene sich auf einmal mit Dingen schwer tun, die ihnen bislang keine Probleme bereiteten – etwa Autofahren. Auch das Sprach-, Orientierungs- und Urteilsvermögen können infolge einer Demenz schwinden. Selbst die Persönlichkeit kann sich wandeln: Ruhige, höfliche Menschen neigen unter Umständen dann auf einmal zu Aggressionen.

Der Begriff Demenz fasst verschiedene Krankheiten zusammen. Je nach Typ sind auch andere Symptome mögich. Gedächtnisstörungen sind etwa häufige Anzeichen einer vaskulären Demenz oder einer Alzheimer-Erkrankung. "Bei frontotemporalen Demenzen spielen sie dagegen nur eine untergeordnete Rolle", sagt Neurologe Dodel. Zu diesen gehört zum Beispiel die Pick-Erkrankung. Diese Erkrankungsgruppe zeigt sich stattdessen eher, indem Betroffene sich auffällig und unkontrolliert verhalten – was bei Alzheimer wiederum Dodel zufolge kaum eine Rolle spielt.

Ausgewogene Ernährung, Sport und soziale Kontakte sind wichtig

Die Furcht vor Demenz ist bei Vergesslichkeit in vielen Fällen unbegründet. Und um Gedächtnislücken im Alter möglichst vorzubeugen, kann jeder selbst aktiv beitragen, indem er sich gesund und ausgewogen ernährt, abwechslungsreiche und geistig fordernde Hobbys pflegt und sich regelmäßig bewegt. Wichtig ist es auch, Freunde zu treffen, denn der Kontakt mit anderen Menschen regt den Geist an. Doch trotz allem Kopf-Training: Dass einem gelegentlich eine Telefonnummer entfällt, wird sich wohl nie völlig verhindern lassen.



Bildnachweis: Shotshop/mr.nico

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