Warum alte Menschen leicht stürzen

Nachlassende Muskelkraft, fehlendes Gleichgewicht, aber auch gefährliche Stellen im Haushalt fördern Stürze. Was gegen die wichtigsten Unfallquellen hilft

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 10.11.2015

Gleichgewicht trainieren: Ein sicherer Tritt schützt vor Stürzen

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Stürze gehören zu den häufigsten Unfällen in Deutschland. Das gilt vor allem für ältere Menschen. Wahrscheinlich stürzt rund jeder dritte über 60-Jährige einmal im Jahr. Gleichzeitig steigt mit dem Alter das Risiko von schweren Folgen. Jedes Jahr kommt es zu rund 250.000 Knochenbrüchen infolge von Stürzen.

Die meisten dieser Unfälle passieren zu Hause: Auf der Treppe, im Bad oder beim nächtlichen Gang auf die Toilette. "Die Umgebung ist aber nie die alleinige Ursache", sagt Professor Clemens Becker, Chefarzt an der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Er hat für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Broschüre "Gleichgewicht & Kraft" zur Sturzprävention erstellt.


Die wichtigsten Gründe für Stürze – und was jeweils hilft.

1. Fehlende Kraft und Balance

Schwindende Muskelkraft und mangelndes Gleichgewicht sind die wichtigsten Ursachen für Stürze. Wer zu wenig Kraft besitzt, steht unsicher auf den Beinen. Zudem umgibt die Muskulatur die Knochen und schützt diese damit. Fehlt es an Muskelmasse, steigt das Bruchrisiko an.

Wenn im Alter die Kraft nachlässt, ist das bis zu einem gewissen Grad ein natürlicher Prozess. Rund ein Drittel seiner Muskelstärke büßt ein Mensch im Laufe seines Lebens ein. Ein bewegungsarmer Alltag verstärkt den Abbau.

Was hilft: Am besten lassen Sie es gar nicht soweit kommen. Seien Sie aktiv und bewegen Sie sich im Alltag so oft wie möglich. Sportarten wie Tanzen oder Tai Chi stärken nicht nur die Muskeln, sondern trainieren zudem Koordination und Balance. Auch mit kleinen Übungen im Alltag können Sie Ihr Gleichgewicht trainieren. Versuchen Sie etwa, auf einem Bein zu balancieren. Wenn Sie unsicher stehen, sorgen Sie dafür, dass Sie sich im Notfall irgendwo festhalten können.

Wer bereits unsicher steht, sollte sich von seinem Arzt über ein geeignetes Trainingsprogramm beraten lassen. Fitnessstudios, Volkshochschulen und Sportvereine bieten Angebote extra für ältere Menschen an. Wichtig: Wenn Sie länger nicht mehr aktiv waren, lassen Sie sich auf jeden Fall vor dem ersten Training von einem Arzt untersuchen. Ungeübte fangen am besten mit einem kleinen Pensum an, das sie langsam steigern.

Mit einfachen Tests können Sie sich auch zu Hause einen groben Eindruck verschaffen, wie es um Ihre Kräfte bestellt ist. "Versuchen Sie, aus einem Stuhl aufzustehen, ohne dabei die Arme zu benutzen", sagt Becker. Wem das Probleme bereitet, der sollte sich tendenziell mehr um seine körperliche Fitness kümmern.


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2. Sturzfallen in der Wohnung

Neben Treppe und Badezimmer sind lose Teppiche eine bedeutende Sturzquelle. Alltägliche Tätigkeiten wie Fenster putzen oder Glühbirne wechseln können bei nachlassender Körperkraft ebenfalls gefährlich werden – vor allem bei einer wackeligen Trittleiter als Untergrund. Tückisch: Die meisten bemerken nicht, wenn sie kräftemäßig abbauen und schätzen die eigenen Fähigkeiten falsch ein.

Was hilft: Stolperfallen im Haus ausfindig machen und beseitigen. Eine Wohnberatungsstelle kann Sie dabei unterstützen. Je nach Fall können die verschiedensten Maßnahmen sinnvoll sein: Im Bad etwa rutschfeste Matten und Beläge auslegen. Bei Toilette, Waschbecken und Dusche Haltegriffe anbringen. Treppen beidseitig mit Handläufen ausstatten. Türschwellen gegebenenfalls einebnen lassen. Bei schwer erreichbaren Orten sind Teleskopstangen hilfreich. Bei Trittleitern auf TÜV-Siegel achten. Antirutschmatten unter Teppiche legen. Der Weg zwischen Schlafzimmer und Bad sollte gut beleuchtet sein, falls Sie nachts raus müssen.

3. Sehprobleme

Wer schlecht sieht, erkennt Hindernisse in der Umgebung und am Boden unter Umständen zu spät. Klingt banal, ist aber eine nicht zu unterschätzende Ursache von Stürzen. Neben der klassischen Altersweitsichtigkeit können Augenkrankheiten wie grauer oder grüner Star sowie eine Makuladegeneration die Sehfähigkeit beeinträchtigen. Tückisch sind außerdem Gleitsichtbrillen. Durch ihre Gläser erscheinen Gegenstände näher, als sie es in Wirklichkeit sind.

Was hilft: Lassen Sie in regelmäßigen Abständen Ihre Augen überprüfen und gegebenenfalls die Sehstärke Ihrer Brille anpassen. Augenkrankheiten behandeln lassen. "Gleitsichtbrille möglichst nicht außerhalb des Hauses tragen", sagt Becker. Bei Problemen mit der Brille am besten an Augenarzt oder Optiker wenden.

4. Medikamente

Vor allem Arzneien, bei denen Schwindelgefühle oder Benommenheit als Nebenwirkungen möglich sind, können Stürze begünstigen.  Zu diesen zählen unter anderem Beruhigungsmittel, Medikamente gegen Prostataprobleme und bestimmte Blutdrucksenker. Bei diesen können Beschwerden vor allem dann auftreten, wenn Patienten zu schnell aus einem Stuhl aufstehen und es somit zu einem starken Blutdruckabfall kommt.

Was hilft: "Einmal jährlich sollte der Hausarzt oder Apotheker die verschriebenen Medikamente überprüfen", rät Becker. Bei dieser Gelegenheit lässt sich feststellen, ob Nebenwirkungen auftreten und eine andere Dosierung beziehungsweise ein anderes Präparat als Alternative notwendig ist. Wer den Verdacht hat, dass ein Mittel Beschwerden verursacht, sollte unabhängig vom jährlichen Check seinen Arzt darauf ansprechen. Wichtig: Medikamente nicht selbstständig absetzen, sondern sich zuerst vom Fachmann beraten lassen.

5. Angst vor Stürzen

Vor allem Menschen, die schon einmal einen solchen Unfall erlebt haben, fürchten sich vor Stürzen. Manche schränken deswegen ihre Mobilität im Alltag stark ein, um gefährliche Situationen zu meiden. Sie gehen dann beispielsweise im Winter bei vereisten Wegen ungern aus dem Haus. Außerdem kann diese Unsicherheit dazu führen, dass Betroffene tatsächlich den Halt verlieren.

Was hilft: Kurse zur Sturzprävention können für mehr Selbstvertrauen sorgen. Sprechen Sie außerdem mit Ihrem Umfeld oder mit einem Arzt über Ihre Sorgen. Lassen Sie sich bei gefährlichen Tätigkeiten, die Sie sich nicht mehr zutrauen, von anderen unterstützen. Hüftschutzhosen, zum Beispiel aus der Apotheke, können die Angst vor den Folgen eines Sturzes verringern. Auch ein Hausnotrufsystem verschafft mehr Sicherheit.


Sturzvorsorge: An wen soll ich mich wenden?

Falls Sie gestürzt sind oder sich unsicher auf den Beinen fühlen, ist der Hausarzt ein guter erster Ansprechpartner. Dieser kann Sie an Spezialisten verweisen, je nachdem, wo bei Ihnen die Probleme liegen: Zum Beispiel an einen Physiotherapeuten, einen Altersmediziner oder Augenarzt. Vielerorts gibt es Kurse zur Sturzprävention. Nachfragen bei Gemeinden oder Sportvereinen lohnt sich. Auch viele Pflegeheime bieten solche Veranstaltungen für ihre Bewohner an.


Was tun bei einem Sturz?

  • Keine Panik! Bleiben Sie ruhig.
  • Wenn Sie starke Schmerzen haben, versuchen Sie nicht selbst aufzustehen.
  • Holen Sie Hilfe. Am besten mit dem Telefon (112) oder Hausnotrufsystem, falls erreichbar. Wenn nicht: Rufen Sie laut oder klopfen Sie an Wände oder auf den Boden.
  • Krabbeln Sie vierfüßig zum nächsten Möbelstück, an dem Sie sich aufrichten können.
  • Falls keine schnelle Hilfe in Sicht ist: Bedecken Sie sich nach Möglichkeit mit einer Decke oder einem Kleidungsstück.


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