Solche Überlegungen hat man in der Pharmaindustrie noch vor 20 Jahren kaum angestellt, meint Siefke-Henzler. „Heute ist die Frage, wie der Patient mit seinen Arzneien am einfachsten umgehen kann, enorm wichtig.“ Das nützt allen – an erster Stelle aber Senioren, die sich oft schon mit der Verpackung plagen. Fast jeder zweite, so zeigte ein Versuch, schafft es nicht, eine Pillendose zu öffnen.
Die Pharmaindustrie entdeckt ihre wichtigsten Abnehmer. Alter und Medikamente – das gehört zusammen. Wer 60 ist, nimmt im Schnitt drei rezeptpflichtige Medikamente pro Tag, jeder dritte über 75-Jährige bekommt acht oder mehr Mittel verordnet.
Man kann darin ein Zeichen wachsenden Leids sehen, aber es lässt sich auch anders deuten. „Keine Bevölkerungsgruppe profitiert so sehr von Arzneien wie Senioren“, sagt Professor Dr. Cornel Sieber. Dass die Lebenserwartung gestiegen ist, rechnet der Nürnberger Altersmediziner etwa zur Hälfte dem medizinischen Fortschritt an.
Mehr noch: Weil sich beispielsweise Knochenschwund bremsen und ein Schlaganfall besser verhüten lässt, „ist die Phase der Gebrechlichkeit im Leben weit nach hinten gerückt“, sagt Sieber. Wenn also die Kassen mehr als die Hälfte der Arzneimittelausgaben auf ihre älteren Mitglieder verwenden, ist das Geld gut angelegt – im Prinzip.
Denn bisher krankt die Arzneitherapie an einem gewaltigen Manko. „Fast alle Medikamente, die Senioren einnehmen, sind nicht für ihre Altersgruppe getestet“, bemängelt Professor Dr. Martin Wehling, Leiter des Zentrums für Gerontopharmakologie in Mannheim.
Zwar stecken heute hinter einer neuen Arznei rund 500 Millionen Euro Entwicklungskosten und zwölf Jahre Forscherarbeit, von denen der größte Teil in Studien mit Patienten fließt. Als Tester nutzten die Firmen lange Zeit aber fast ausschließlich Patienten in jüngeren Jahren – selbst bei Krankheiten wie Herzschwäche, wo die meisten Betroffenen jenseits der 70 sind.
Wehling kennt die Gründe: „Um die Zulassung für ein Medikament zu bekommen, wollen die Firmen in Studien klare Verhältnisse. Die kriegen sie mit den Älteren nicht, weil diese oft mehrere Krankheiten haben, was die Statistik kompliziert.“ So bilden die Daten der Jungen die Basis für die Behandlung der Alten.