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"Am Ende wünscht sich doch jeder ­eine heile Welt"

Die "Kastelruther Spatzen" zählen zu den erfolgreichsten volkstümlichen Schlagerbands. Der Sänger Norbert Rier spricht im Interview mit dem "Senioren Ratgeber" über Heimweh, seine Herz-OP – und den besten Ratschlag, den er je bekommen hat.

von Thomas Röbke, 20.04.2020
Norbert Rier von den Kastelruther Spatzen

Norbert Rier im Interview mit dem Senioren Ratgeber


Senioren Ratgeber: In einer Laudatio auf die Kastelruther Spatzen hieß es einmal, Ihre Musik müsste in der Apotheke verkauft werden, weil sie so ein Balsam für die Seele sei …

Rier: Das hat uns sehr gefreut. Immer wieder kommen Leute auf uns zu und sagen: "Danke für Ihre schönen Lieder. Durch Ihre Musik habe ich wieder Sinn und Kraft im Leben gefunden." Gerade viele ältere, ein­same Menschen suchen nach etwas, das ihnen ein wenig Licht in den grauen Alltag bringt. Ich sage immer: Musik soll Therapie für die Seele sein.

Stört es Sie, wenn Ihre Musik auch mal als Heile-Welt-Kitsch verlacht wird?

Am Ende wünscht sich doch jeder ­eine heile Welt für sich. Heile Welt bedeutet, man ist zufrieden und halbwegs gesund. Warum soll das negativ sein? Manchmal wird’s halt ein bisschen ironisch ausgelegt, das ist dann eben so.

Wobei Ihre Lieder durchaus auch tragische Lebensgeschichten thematisieren …

Wir greifen Themen auf, die manchen persönlich betreffen. Darauf legen wir großen Wert. So geht es auf unserem neuen Album "Feuervogel flieg" etwa um einen alten Mann, der im Park unter einer Eiche sitzt und versucht, mit Alkohol seine Einsamkeit und seinen Frust zu ertränken. In seiner Fantasie verschickt er einen Vogel mit seinen Wünschen und Träumen. Ich merke mit zunehmendem Alter selbst, wie gerne man sich an frühere Zeiten und fröhliche Ereignisse erinnert. Meine Erkenntnis daraus: Genieße den Augenblick und sei dankbar für das, was du hattest.

Im März und April sind die Kastelruther Spatzen wieder auf Tournee. Wenn sieben Kerle auf engem Raum unterwegs sind, gibt es da viele Reibereien?

Zum Glück sind wir nie lange an ­einem Stück unterwegs, es geht zwischendurch immer wieder nach Hause. Tagsüber kann sowieso jeder seine eigenen Wege gehen. Ansonsten ist es wie in jeder Beziehung: Es fliegen gelegentlich mal die Fetzen, man spricht sich aber auch aus. Wichtig ist, offen miteinander umzugehen, mit gegenseitigem Respekt.

Norbert Rier

* 14. April 1960 in Kastelruth, Südtirol

Zu den 1975 gegründeten Kastelruther Spatzen kam Rier 1979 als Schlagzeuger. Heute ist er Sänger und Frontmann der Volksmusikgruppe.

Seit 1983 verheiratet, seine Frau Isabella und er haben vier Kinder und leben in Kastelruth.

Norbert Rier und die Kastelruther Spatzen auf dem Nockalmfest 2018 in Österreich

"Wir Spatzen führen ein Leben wie als Band in jungen Jahren" – dieser Satz von Ihnen ist noch nicht lange her. War der nicht ein bisschen …

... übertrieben? Ja. Man merkt schon, dass man älter wird. Nach den Konzerten haben wir früher gerne mal mit den Fans gefeiert und durch­gemacht. Das ist seltener geworden. Man wird früher müde und muss auch lernen, auf den Körper zu hören.

Wann ist Ihnen das bewusst geworden?

So ab 50 muss man begreifen, dass man nicht mehr alles so kann, wie man möchte. Dass man zurückschalten muss. Das fällt dem einen leichter, dem anderen schwerer. Schlimm ist es für den, der es überhaupt nicht kapieren will. Da macht es schnell mal "klack", und du bist weg vom Fenster. Erst ab 50 merkst du, wie wertvoll es ist, wenn dir nichts fehlt.

Sie wurden vor zwei Jahren am Herzen operiert.

Bei einem Routinecheck wurde festgestellt, dass eine Herzklappe nicht richtig schließt. Vor der OP meinte mein Arzt noch: "Nach zehn Tagen bist du wieder auf der Bühne." Dann war ich drei Wochen in der Klinik und noch in der Reha, das war alles nicht ohne. Gott sei Dank hat meine Frau aufgepasst, dass ich mich an die ganzen Anordnungen der Ärzte halte.

"Ich bin ein Daheim-Mensch", sagen Sie über sich selbst.

Erst wenn ich länger weg bin. Dann plagt mich das Heimweh. Ich rufe so oft zuhause an, dass meine Frau manchmal fragt: "Was ist denn jetzt schon wieder?" Aber mich beruhigt es einfach, wenn ich höre, dass daheim alles läuft.

Sie züchten auch Haflinger, eine Pferderasse aus Südtirol.

Ich habe das Glück, zwei Hobbys als Beruf zu haben: Musiker und Landwirt. Es hat mal jemand gesagt: "Pferde­zucht rentiert sich nicht, aber sie lohnt sich." Es gibt dir seelisch etwas, wenn du die Tiere großziehst, sie gemütlich fressen siehst oder wenn sie im Frühjahr auf die Blumen­wiesen galoppieren. Das gibt dir so viel, das ist richtig eine Therapie.

Wie viele Haflinger besitzen Sie?

Es waren schon mal 30, im Moment sind es halb so viele.

Der Bergbauernhof entsprach ja Ihrer ursprünglichen Lebensplanung ...

Obwohl wir elf Kinder waren, war für mich immer klar, dass ich den Hof mal übernehme oder zumindest Bauer werde. Dann habe ich schon früh meine Frau kennengelernt, kurz da­rauf suchten die "Spatzen" jemanden, der Schlagzeug spielt und ein bisschen mitsingt. Ich hatte erst gezögert, aber meine Frau meinte: "Ach, probier es mal, dann kommst du unter die Leute!" Wir hatten ja nicht geahnt, dass wir es so weit bringen.

Hat Ihre Frau Isabella später schon mal gesagt "Hätte ich bloß die Klappe gehalten!"?

Das ist schon vorgekommen. Aber sie hat sich immer mit mir gefreut, auch wenn sie auf vieles verzichten musste, gerade als die Kinder klein waren. Sie war immer sehr tolerant und verständnisvoll, wenn ich von der Familie weggeholt wurde.

Portrait von Schlagersänger Norbert Rier und Frau Isabella

Sie haben Ihre Frau durch einen Motorroller-Unfall kennengelernt.

Zwei, drei Tage vorher. Dann wollte ich sie besuchen, und auf dem Weg passierte der Unfall. Sie war gleich vor Ort und hat mich auch jeden Tag im Krankenhaus besucht. Das hat uns dann zusammengebracht.

Welches war der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?

"Schau ein bisschen mehr auf dich." Den habe ich bloß viel zu lange nicht befolgt.

Auf welche Ihrer Charaktereigenschaften sind Sie stolz?

Dass ich niemandem Schlechtes getan und immer versucht habe, offen und ehrlich jedem gegenüber zu sein. Dass ich einfach hilfsbereit bin und versuche, für jeden da zu sein.

Gibt es auch eine Eigenschaft, die Sie lieber ablegen möchten?

Manchmal bin ich zu gutgläubig. Und ich sage nicht oft genug nein, weil ich es allen recht machen will.

Was machen Sie, wenn Sie traurig sind?

Die Tränen nicht zurückhalten. Mich an schöne Dinge erinnern. Einen Film mit "Mr. Bean" oder "Dick und Doof" anschauen.

Haben Sie Rituale?

Ich bin ein ganz normal gläubiger Mensch, gehe sonntags wann möglich zur Kirche. Oft haben wir Bergmessen in den kleinen Kirchlein oben, das ist ein tolles Erlebnis, sehr familiär. Und vor jedem Auftritt mache ich das Kreuzzeichen, dass man einen Halt hat und hofft, dass alles gut geht.


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