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"Da blühen Geschichten"

Meine Spuren: Was bleibt von uns, wenn wir einen Ort, einen Menschen, die Welt verlassen? Der Buchautor Sven Stillich begab sich auf eine faszinierende Suche.

von Thomas Röbke, 23.06.2019
Sven Stillich Buchautor

Herr Stillich, sind Sie nicht zu jung, um Bilanz zu ziehen?

Ich ziehe in meinem Buch keine Bilanz. Das Thema der Vergänglichkeit interessiert mich, solange ich mich erinnern kann. Ich fotografiere viel und war schon oft enttäuscht, wenn etwas plötzlich verschwunden war, bevor ich es festhalten konnte. 

Bleibt man so nicht sehr in der Vergangenheit verhaftet?

Im Gegenteil: Es entwickelt sich ein Bewusstsein, wie wichtig das Jetzt ist. Unsere Welt ist etwas Gewordenes, wir laufen nur durch die aktuelle Schicht. Über die Hauptstraße unseres Ortes sind vielleicht früher mal die Römer gezogen oder amerikanische Truppen. Und jetzt sind wir hier. Wenn man sich mit den Schichten auseinandersetzt, blühen die Geschichten: Wie war das, als hier noch keine Autos fuhren? Wer hat früher in meiner Wohnung gelebt? Wie war das mit meiner Jugendliebe?

Wenn man sich seiner Spuren bewusst wird, ist das tröstlich oder macht es melancholisch?  

Es kann tröstlich sein, weil man den Eifer "Etwas von mir muss bleiben" zu den Akten legt. Es wird auf jeden Fall etwas von einem bleiben; keine Spuren zu hinterlassen geht gar nicht. Von den meisten Spuren wird man nie etwas erfahren: Welcher Lehrer weiß schon, wie er den Weg seiner Schüler beeinflusst hat? Oder vielleicht schnappt ein Fremder auf der Straße etwas von Ihrer Unterhaltung auf, und das löst in ihm einen Entschluss aus.

Dass etwas von anderen in uns weiterlebt, kann auch belasten.

Es kann das Leben bestimmen, sich daran abzuarbeiten, wer oder was man selbst ist und abzulegen, was man von anderen mitbekommen hat. Und will ich manche Gegenstände loswerden, weil sie eher für eine schlechte Vergangenheit stehen als für eine gute Zukunft? Je älter man wird, desto mehr dieser Gegenstände sammeln sich an. Die zu sortieren kann befreiend sein.

Werden diese von den Enkeln als Erinnerungsstücke betrachtet oder eher als Gerümpel?

Das ist ein ganz großes Thema, auch bei Jüngeren. Die einen sortieren ganz kühl aus – "gefällt mir, gefällt mir nicht" –, die anderen fühlen moralische Verantwortung: "Das hat meiner Oma etwas bedeutet, das kann ich doch jetzt nicht wegwerfen." Die Frage, was bleibt, beantworten ­also andere. Dann bleibt Opa als derjenige in Erinnerung, der das Gartenhäuschen gebaut hat, auch wenn ihm seine berufliche Leistung vielleicht wichtiger war. Es ist doch tröstlich, dass man es nicht erzwingen kann.

Sie schreiben: "Das Buch möchte ein Beet sein, auf dem die eigenen Fragen keimen können."

Es wäre vermessen zu behaupten, irgendjemand hätte die Antwort auf die Frage: "Was bleibt von uns übrig?" So verschieden wie die Menschen sind die Antworten. Mir war es viel wichtiger, Fragen anzuregen, die sich jeder selbst stellen kann. Darüber nachdenken, was von einem bleibt, kann man in jeder Phase des Lebens: Es wird immer eine fruchtbare Auseinandersetzung sein. Denn man setzt sich mit dem Leben auseinander und nicht mit dem Ableben.


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