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Dietrich Grönemeyer über Machtlosigkeit

Warum brauchen wir mehr Zeit für uns selbst, Dietrich Grönemeyer? Der Mediziner im Interview mit dem Senioren Ratgeber.

von Thomas Röbke, 23.08.2019
Grönemeyer

Dietrich Grönemeyer ist Mediziner, produziert aber auch Spiele, DVDs und Gesundheitsratgeber.


Senioren Ratgeber: Als junger Mann wären Sie beinahe Pastor geworden, studierten dann Sinologie und Romanistik. Den Anstoß zum Arztberuf bekamen Sie bei der Bundeswehr?

Dietrich Grönemeyer: Ja, nach einer Nasenoperation wurden mir am nächsten Tag die blutverkrusteten Tampons brutal aus der Nase gezogen – das war so ein Schmerz, dass ich gesagt habe: Ich werde Arzt. Ich will mithelfen, dass die Medizin sanfter wird.

Wofür steht der Begriff "Weltmedizin", der Titel Ihres aktuellen Buches?

Für den Zusammenschluss von Schulmedizin und wissenschaftlich begründbaren Heilmethoden der verschiedenen Kulturkreise. Die Schulmedizin sieht den Körper im Zuständigkeitsbereich einzelner Disziplinen, die reparieren. Aber der Mensch als fühlendes, denkendes Wesen mit seinen Selbstheilungskräften kommt zu selten vor.

Berührungen kommen zu kurz, schreiben Sie unter anderem.

Unbedingt. Inzwischen haben wir ja Krankenhäuser, in denen nicht mal mehr die Hand gereicht wird aus Angst, sich zu infizieren.

Zur Person

Dietrich Grönemeyer

  • *12. November 1952 in Clausthal-Zellerfeld, aufgewachsen in Bochum
  • Medizin: Der Arzt, Wissenschafler und Bestsellerautor war bis 2012 Lehrstuhlinhaber für ­Radiologie und Mikrotherapie an der Uni Witten/Herdecke. In Bochum gründete er das Grönemeyer-Institut für Mikrotherapie.
  • Privat: Der Medizinprofessor hat drei erwachsene Kinder, einen Sohn und zwei Töchter.
  • Umtriebig und multimedial: Der Mediziner schreibt auch
    Gesundheits­ratgeber, produziert Spiele und DVDs.
    "Der kleine Medicus" ­erzählt die Abenteuerreise ­
    eines Jungen durch den ­Körper seines Groß­vaters.

Haben Sie mit den Jahren mehr Verbündete gefunden?

Die Verbündeten sind die Patienten. Sonst wäre etwa die wachsende Yoga-Bewegung nicht zu erklären. Auch nicht, dass sich immer mehr Menschen Gedanken über ihr Essen machen: Ernährung ist ein Heilmittel, das hat Hippokrates uns schon mitgegeben. In jedem von uns steckt ein kleiner Medicus, der spürt, was ihm guttut. Aber wir verlieren dieses ­Gespür, weil wir uns zu wenig Zeit für uns selbst nehmen. Wer etwa Yoga macht, hat dieses Bewusstsein. Man will mehr Zeit für sich, sich um sich kümmern, gesund bleiben – oder werden – ohne Tabletten.

Und wo sehen Sie Verbündete in der Medizin?

In der jüngeren Generation. Sie denkt anders, sie sieht mehr die psychosomatischen Zusammenhänge von Erkrankungen. Ich hoffe da auf einen Wandel. Insgesamt stehen sich Schulmedizin und traditionelle Heilweisen noch viel zu konfrontativ ­gegenüber.

Sie loben die asiatische Medizin, die stolz ist auf die Tradition, aber offen für den Fortschritt.

Wir können uns viel abschauen von diesen großen Kulturen und ihrer Bereitschaft, auch von anderen zu lernen. Wobei ich ganz klar sage: Das eine ist Prävention, begleitende Medizin; aber wenn es hart auf hart kommt, ist die Schulmedizin hervorragend im Reparieren, in der Traumatologie, im Hüftersatz bis hin zur Transplantation. Aber vieles ließe sich vielleicht vermeiden, wenn man es früher erkennen und mit leichteren Ansätzen agieren würde.

An Sie werden sicher viele Bitten und Anliegen herangetragen, die Sie nicht alle erfüllen können. Wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck um?

Da muss man tagtäglich Psychohygiene betreiben und sagen: Bis hierher kann ich helfen, nicht weiter. Das sage ich auch meinen Mitarbeitern immer wieder. Wir müssen lernen, uns vor Überschätzung zu schützen.

Jeder Arzt kommt an einen Punkt, wo er Machtlosigkeit spürt. Kann man sich da eine innere Barriere schaffen?

Am härtesten war es bei meinem Bruder Wilhelm. Durch seinen Tod habe ich erlebt, dass das Leben begrenzt ist, dass unsere Fähigkeiten begrenzt sind und Dinge passieren, die einfach nicht mehr abänderbar sind. Dass es einen Punkt gibt, wo wir nichts mehr machen können. Außer den letzten Schritt so zu begleiten, dass das Leben menschenwürdig endet.

Grönemeyer

Sie waren in früher Jugend mit ihren Brüdern als Musiker unterwegs. Bereuen Sie, das nicht weiterverfolgt zu haben?

Nein. Herbert ist diesen Weg gegangen, und der macht das sehr gut.

Inwiefern hat Ihre Heimat, das Ruhrgebiet, Sie geprägt?

Die Menschen dort sind rau und herzlich und immer offen. Diese Offenheit zu sagen: "Dat is so!", ohne drum herumzueiern – und auf der anderen Seite ganz herzhaft zu lachen: Das hat mich geprägt.

Wie sah die Straße Ihrer Kindheit aus?

Sehr grau. Mit vielen Lkw und nachts quietschenden Straßenbahnen.

Und vielen Kindern zum Spielen?

Jede Menge. Wir haben jeden Samstag die "Sportschau" nachgespielt. Und die meiste Zeit Fußball. Es war völlig egal, ob die Kinder polnischer, italienischer, jugoslawischer oder deutscher Abstammung waren. Mein Held war Uwe Seeler – seinen Fallrückzieher habe ich immer wieder probiert.

Was war der beste Ratschlag, den Sie bekommen haben?

Das waren zwei: "Bleib bei dir" von meiner Mutter, als ich mit 20, damals also noch minderjährig, zuhause auszog. Der andere war von einem Allgemeinmediziner: "Mit deinen Sinnen und mit deinem Wissen findest du 90 Prozent heraus, ohne Labor und Röntgengerät."

Sie sagen, Sie würden gerne 100 Jahre alt werden.

Bei klarem Verstand und mit möglichst wenig Gebrechen, das wäre toll.

Beschäftigt Sie das Thema Älterwerden, oder sind Sie da ganz abgeklärt?

Beides. Auf der einen Seite abgeklärt. Andererseits sehe ich schon, dass man im Spiegel älter aussieht, als man selbst glaubt. Dem muss sich jeder stellen, und es ist gut, wenn man das akzeptiert. Alt ist man, wenn man glaubt, alles Mögliche tun zu müssen, um das Alter zu verhindern.

Von welcher Eigenschaft hätten Sie gerne mehr?

Ich hätte gerne ein diplomatischeres Wesen mitbekommen. Ich habe in jungen Jahren doch ziemlich auf den Putz gehauen und andere verschreckt. Da bin ich ein typisches Kind des Ruhrgebiets.

Was machen Sie, wenn Sie sich um sich selbst kümmern? Was ist Ihr Ruheort?

Der Wald. Im Wald sitzen, wandern, die Lerchen zwitschern hören, Insekten krabbeln sehen, Blätter rascheln hören, Sauerstoff tanken. Ruhe finden. Oder am Meer ins Wasser springen und sich wieder eins fühlen.


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