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Eine Frage der Einstellung

Bluthochdruck: Manchmal lassen sich hohe Werte schwer senken. Welche Gründe dahinterstecken und warum Patienten bei der medikamentösen Therapie viel Geduld brauchen

von Elke Schurr, 03.06.2019
Blutdruck Messen

Es ist schon eine Krux mit dem Blutdruck: Ist er normal, bekommt man ihn nicht mit. Nimmt der Druck im Adernnetz allerdings mit den Jahren zu, merkt man ihn leider meist auch nicht. Krankheitsgefühl? Fehlanzeige! Im Gegenteil: Menschen mit Hochdruck fühlen sich mitunter sogar besonders gut und voller Tatkraft. Ein Irrtum, der häufig fatale Folgen hat, weil er die nötige Gegenwehr unnötig hinauszögert und komplizierter macht.

Wird ein Hochdruck in einer Phase erkannt, wo er noch keine Folgeschäden an Organen oder Arterien angerichtet hat, reicht oft ein einziges Medikament, manchmal nur ein paar Kilo weniger auf der Waage, und der Druck ist wieder im Lot. "Das betrifft allerdings nur Patienten mit einer leichten Hypertonie, also mit Werten von bis zu 155/95 mmHg", betont Prof. Bernhard Krämer, Bluthochdruckspezialist der Uniklinik Mannheim und Präsident der Deutschen Hochdruckliga. "Ist jemand ansonsten gesund, kann er mit viel Bewegung und gesunder Ernährung das Steuer manchmal noch herumreißen."

Nicht mehr ohne Medikamente

Je älter der Mensch und je länger der Bluthochdruck unbehandelt die Arterien stresst, umso schwieriger, die Werte dauerhaft in den Griff zu kriegen. Zumal im Alter die Gefäße immer starrer werden und sich arteriosklerosebedingt  verengen. "Ältere Patienten kommen in der Regel um eine medikamentöse Therapie nicht herum", bestätigt Dr. Martin Prohaska, niedergelassener Kardiologe aus Mühldorf. Etwa die Hälfte aller Bluthochdruckpatienten in Deutschland braucht drei oder mehr verschiedene Wirkstoffe. Meist lässt sich der Blutdruck mit diesem individuellen Arznei-Mix wieder in normale Bahnen lenken.

Je mehr Medikamente vonnöten sind, desto mehr Geduld ist jedoch gefragt. Schließlich greifen die Wirkstoffe in ein kompliziertes Steuersystem ein: Ein Blutdruckzentrum im Gehirn und Messfühler in der Halsschlagader regeln den Blutdruck kurzfristig. Signale werden außerdem über das Nervensystem und über Hormone der Niere und Nebenniere vermittelt. Die Nieren selbst regulieren den Blutdruck, indem sie Wasser und Salz ausscheiden. Nicht zuletzt hängt er von der Arbeit des Herzens und der Weite der Gefäße ab.

Schwankungen im Tagesverlauf gehören normalerweise dazu. Der Streit mit dem Nachbarn, der Sprint zur Straßenbahn, das Glas Wein zum Essen, auch eine gefüllte Harnblase können den Druck kurzfristig erhöhen. Selbst beim Anblick des Arztes, der in der Praxis den Blutdruck misst, schnellen die Werte mitunter kurz nach oben. Lassen die Einflüsse nach, sinkt auch wieder der Druck. Haben jedoch Dauerstress und Übergewicht, das ewige Sitzen und Rauchen für kranke, dauerverengte Gefäße gesorgt, fällt der Druck nicht mehr ab. Die fein abgestimmte Regulierung ist durcheinandergeraten, eine Senkung meist nur noch mit medikamentöser Hilfe möglich.

Wie die Medikamente im Körper wirken

Was tun bei sehr hohen Werten?
Bei starkem Stress oder weil man vergessen hat, die Tabletten einzunehmen, kann manchmal der Blutdruck plötzlich stark  ansteigen. Das passiert mitunter auch gut eingestellten Bluthochdruckpatienten.
Vor allem wenn der obere Wert auf über 180 mmHg oder der untere über 110  bis 120 mmHg steigt, drohen Komplika­tionen an Organen. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, was dann zu tun ist: So kann es nötig sein, eine weitere Dosis des Blutdruckmedikaments einzunehmen.

Wahl aus vielen Arznei-Typen

Vier Wirkstoffklassen stehen dem Arzt heute als Basistherapie, weitere als Reserve zur Verfügung: Je nachdem, ob der Patient bereits Erkrankungen an Nieren, am Herzen oder in den Gefäßen hat, kombiniert der Arzt die Mittel. "Bei den allermeisten Patienten senken drei Präparate erfolgreich den Druck", weiß Nieren- und Blutdruck­experte Krämer. Wenn das nicht ausreicht, müssen Mediziner an weiteren Stellschrauben ansetzen.

In Bluthochdruckzentren von Kliniken oder ambulant in Praxen kümmern sie sich um besonders schwer ein­zustellende Patienten. Ultraschallchecks der Nieren, der großen Gefäße und der Herzwand lassen erkennen, welche Schäden ein Hochdruck bereits hinterlassen hat. Weitere Untersuchungen, unter anderem auch zu einem möglichen Schlafapnoe-Syndrom, das zu Atemaussetzern in der Nacht führt, versuchen herauszufinden, was hinter anhaltend hohen Werten steckt, die sich nicht senken lassen. "Welche Therapien und welche Dosierungen der Patient letztlich braucht, hängt stark von individuellen Faktoren ab", betont Krämer.

Patient soll mitwirken

Zur Ursachenforschung gehört zwingend dazu, ob der Patient seine Medizin überhaupt verlässlich einnimmt. "Wenn mein Blutdruck niedrig ist, lass ich das Medikament weg. Wenn er hoch ist, nehm ich es wieder." Kardiologe Prohaska hört solche Sätze von etlichen seiner Patienten. Manche jedoch reden gar nicht darüber. "Wenn ich als Arzt von einer festgelegten Therapie ausgehe und die Werte trotzdem nicht sinken, dann erhöhe ich die Dosis. Ein Teufelskreis!"

Der intensive Austausch zwischen Arzt und Patient, gerade während der schwierigen Einstellungsphase, ist deshalb Voraussetzung dafür, dass es langfristig klappt: Wie nimmt der Patient seine Medikamente ein? In der vorgegebenen Dosis? Immer zur gleichen Zeit? Erst wenn diese Fragen geklärt wären, könne über Erfolg oder Misserfolg der Medikation entschieden werden, ist Prohaska überzeugt.

Doch nicht nur Missverständnisse, was die Einnahmetreue angeht, gilt es auszuräumen. Mit der Menge an Wirkstoffen steigt auch die Zahl unerwünschter Wirkungen: Schwindelgefühle, eine ungewohnte Müdigkeit, Erektionsstörungen bei Männern, häufigerer Harndrang, ein trockener Husten: Je nachdem, wo welches Medikament ansetzt, können unangenehme Begleiterscheinungen auftreten, die es vor der medikamentösen Behandlung einfach nicht gab.

"Manchmal kommen zu uns Patienten, die laut Akte sieben verschiedene Blutdrucksenker einnehmen und auch in einer 24-Stunden-Blutdruckmessung im Schnitt Werte von 180 haben", erzählt Hypertonieassistentin Ines Petzold vom Städtischen Klinikum Dresden. "Gehe ich der Sache dann auf den Grund, liegen drei oder vier Präparate unangetastet in der Schublade!" Handelt es sich um einen Einzelfall? Eher nicht, schätzt Petzold, die eine Selbsthilfegruppe für Bluthochdruckpatienten leitet und deren Sorgen und Irrtümer aus vielen Gesprächen kennt. "Die Gefahr, dass jemand das eine oder andere Präparat wegen möglicher Nebenwirkungen einfach weglässt, ist groß!"

Dabei gäbe es Abhilfe, etwa eine andere Dosis, ein alternatives Medikament oder auch eine Kombination mehrerer Wirkstoffe, was oft die Nebenwirkungsrate senkt. Vorausgesetzt, der Patient gibt Bescheid und bringt Geduld mit, wenn es um die medikamentöse Einstellung geht. "Bis zu ein halbes Jahr kann es mitunter dauern, bis alles aufeinander abgestimmt ist und sich auch der Körper daran gewöhnt hat", betont Krämer.

Wann werden hohe Werte zum Notfall?
Wenn bei hohen Blutdruckwerten zusätzliche Beschwerden wie etwa Brustschmerzen, Erbrechen, Sehstörungen, Schwindel, Lähmungserscheinungen oder starke Kopfschmerzen auftreten, ist rasche ärztliche Hilfe wichtig. Zögern Sie nicht, den Notarzt zu holen (112).

Messen besser üben

Doch was ist, wenn die zu Hause gemessenen Werte gar nicht stimmen? "Dann stimmt gar nichts", warnt Kardiologe Prohaska. Patienten sollten sich die wichtigsten Schritte erst in der Praxis des Arztes oder in der Apotheke zeigen lassen, denn "die Selbstmessung ist fehleranfällig". Wenn es darum geht, über neue Medikamente oder Dosierungen zu entscheiden, zieht der Arzt oft auch eine 24-Stunden-Messung hinzu. Hypertonieassistentin Ines Petzold bestätigt: "Der Aufklärungsbedarf ist hoch. Wir üben das Messen in der Selbsthilfegruppe. Das bringt einige Aha-Effekte!"

Wer dann noch beherzigt, dass tägliches Ausdauertraining, ein gesundes Gewicht und salzarme Kost die Therapie unterstützen, ist auf dem besten Weg, gut eingestellt zu sein. 

Wie Sie den Blutdruck richtig messen:
• Die Messung am Oberarm
ist verlässlicher als die am Handgelenk.  
• Legen Sie den Arm auf einem Tisch ab, die Messmanschette liegt auf Herzhöhe.
• Vorher mindestens fünf
Minuten still sitzen, nicht sprechen, nicht essen, nicht rauchen und die Beine nicht übereinanderlegen.
• Wiederholen Sie den Vorgang zweimal im Abstand von jeweils einer Minute, und notieren Sie den Mittelwert der beiden letzten Messungen.
 • Messen Sie nicht zu oft am Tag: Das regt auf. Halten Sie sich an die Empfehlungen Ihres Arztes.
• Blutdruckschwankungen   sind normal: Notieren Sie sich bei mehreren Messungen am Tag Uhrzeit und Umstände. 


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