Gelassen in den Ruhestand in 8 Schritten

Rente in Sicht: Jeder kann selbst etwas dazu beitragen, dass der Übergang in den Ruhestand entspannt gelingt. Acht Tipps für den Start ins dritte Leben
von Elisabeth Hussendörfer, 23.05.2016

Gelassenheit üben: In Ruhe ein Buch lesen

F1online/Robert Kneschke/Westend61

1. Gefühle zulassen

Plötzlich ist es so weit. Man wird nicht mehr in Projekte eingebunden. Hört so Sätze wie "Da sind Sie ja dann sowieso nicht mehr da": Theoretisch ist schon lange klar, wann der Tag X kommt. Das erfassen die meisten aber erst, wenn der Abschied ihnen auch emotional bewusst wird, weiß Ingrid Mayer-Dörfler, die in Unternehmen und eigener Praxis Ruheständler coacht und berät. A und O für die Psychologin in dieser Lebensphase: die ambivalenten Gefühle zulassen, denn sie gehören dazu. Es kann durchaus vorkommen, sich ohne ersichtlichen Grund an einem Tag voller Tatendrang und am nächsten Tag lustlos zu fühlen. Das Alte trägt nicht mehr, das Neue hat noch keine Form angenommen. Wie bei jedem Übergang ist es wichtig, sich Zeit zu geben.

2. Rollenbilder prüfen

Noch vor wenigen Jahrzehnten war man mit 60 alt. Gefühlt, oft auch tatsächlich. Heute ist das anders. Experten sprechen von 20 Jahren, die 60-Jährige im Schnitt noch bei guter Gesundheit erleben werden. Die Möglichkeiten, jenseits des Erwerbslebens aktiv zu sein, scheinen grenzenlos - nicht zuletzt auch, weil der Markt die Kaufkraft von 60plus entdeckt hat. Die Angebote reichen von Seniorenreisen bis hin zu speziellen Bildungsangeboten.

Dr. Petra Dlugosch, Chefärztin der Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik Dortmund, mahnt, das neue Rentner-Selbstbild - "bei allen Chancen" – auch zu hinterfragen. Muss man mit 80 wirklich noch so aussehen wie mit 60? Muss man im gewohnten Tempo weitermachen? Rund ein Viertel aller Menschen über 65 hat psychische Probleme, weiß Dlugosch. "Wir unterliegen alle auch körperlichen Veränderungen, die angenommen werden wollen."

3. Antreiber entlarven

"Auch Rentner sind nicht vor einem Burn-out gefeit!", mahnt Medizinerin Dlugosch. Sie kennt Patienten, die mit dem Ruhestand entstehende "Produktivitätslücken" mit vielen Ehrenämtern füllen und dabei an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen. Nicht dass Ehrenämter schlecht seien. "Wichtig bei allem, was man tut, ist es, die eigene Motivation zu hinterfragen." Kann ich nur gut zu mir sein, wenn ich vorher etwas geleistet habe? Welche Glaubenssätze haben mich geprägt? Ohne Fleiß kein Preis? Jeder ist seines Glückes Schmied? Bis ins hohe Alter können solche Sätze heimlich als Antreiber wirken. Eine gute Beziehung zu sich aufbauen, sich Dinge auch "einfach so" zu gönnen, kann man üben. Sich auf eine Bank setzen, eine schöne Musik hören, dabei aufs Wohlgefühl achten, das sich einstellt. Denen, bei denen es bis zum Ruhestand noch etwas hin ist, rät Dr. Dlugosch, das frühzeitig zu tun: neben einer gesunden Lebensweise vermehrt Ruhepausen einzulegen, und zwar nicht an eine erbrachte Leistung gekoppelt. Je öfter man die Seele baumeln lässt, desto leichter fällt es irgendwann.

4. Gelassenheit üben

Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf – das Leben war in weiten Teilen vorgegeben. Mit dem Eintritt in den Ruhestand fällt dies weg. Klingt erst mal positiv, aber die wenigsten kommen dauerhaft ohne Struktur und sinnvolle Beschäftigung zurecht. Man kennt es von Urlaubsreisen: Gegen Ende freut man sich doch irgendwie wieder auf den gewohnten Trott. Vom "Bore Out Syndrom" (engl. boring = langweilig) spricht der Hamburger Psychiater Dr. Claus Wächtler, der es immer wieder erlebt, wie Langeweile im Alter krank und depressiv macht. Gleichzeitig hält er wenig davon, sich aus Angst vor Leerlauf mit Terminen zu überfrachten.

Eine gutes Übungsfeld für den Mediziner ist das Essen. Bewusst einkaufen gehen, die Ware frisch zubereiten, den Tisch stimmungsvoll decken. Sich der Langsamkeit des Tages erfreuen, darum geht es.

5. Ziele definieren

Beruflich erfolgreich sein. Eine Familie haben. Ein Haus bauen. Die meisten Menschen stecken so viel Energie in die zweite Lebensphase, dass sie in die dritte Lebensphase unvorbereitet hineinstolpern. Wenn der Übergang nicht bewusst vollzogen wird, bleiben viele Herzenswünsche aber leider oft unentdeckt. Rituale können helfen. Ingrid Mayer-Dörfler hat mehrfach erlebt, wie gut es angehenden Ruheständlern getan hat, den Hausstand zu entrümpeln, sich von überflüssigem Ballast zu befreien. Auch die Wohnung oder zumindest ein Zimmer neu einzurichten kann eine Quelle der Inspiration sein. Gut ist, einen Plan aufzustellen mit denkbaren Aktivitäten – Sport, Volkshochschule, Stammtisch – und konkreten Ideen, wann und wie ihnen nachgegangen werden könnte. Immerhin wollen 1800 Stunden im Jahr gefüllt werden, so die Trainerin. Oft hört sie, da sei ja dieses oder jenes Hobby. "Aber kann dieses einzelne Hobby einen wirklich tragen?"

6. Ressourcen finden

Ein wichtiges Werkzeug vieler Ruhestands-Trainer ist die Biografie-Arbeit: die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Ingrid Mayer-Dörfler lässt die Teilnehmer ihrer Seminare eine Art Zeitstrahl zeichnen und auf ihm eintragen, welche Träume und Pläne sie in jungen Jahren hatten. Was ist daraus geworden? Ein einstiger Jurist, der sich coachen ließ, restauriert heute Möbel. Ein Mittsechziger, der einmal Pilot werden wollte, fing an mit Gleitschirmfliegen. Aber es geht nicht nur darum, alte Begeisterungen wiederaufleben zu lassen, betont die Trainerin. "Wer sein Leben aus einer gewissen Distanz heraus betrachtet, der wird sehen, dass der Übertritt in den Ruhestand nur einer von vielen bereits erfolgten Übergängen ist." Das lässt zuversichtlich werden: Die anderen Übergänge hab ich  schließlich auch gemeistert. Ein großer Schatz für neue Ziele, für das, was kommt.

7. Kontakte pflegen

Gerade Männer, so zeigt sich immer wieder, haben zuweilen nur einige bis gar keine eigenen Kontakte. Viele sind es gewohnt, dass die Frau den Freundeskreis organisiert, und fühlen sich überfordert, nun von sich aus sozial aktiv werden zu sollen. Fakt ist: Möglichkeiten gibt es viele. Vereine, Volkshochschulkurse, Repair-Cafés, Seniorenportale im Internet. "Ich lerne ja eh niemanden kennen" – wer so denkt, strahlt das auch aus. Was hindert mich daran, auf andere zuzugehen? So herum zu fragen ist besser. Small Talk lässt sich lernen, ist anfangs vor allem eine Frage der Überwindung. Was konkret kann ich geben?

Darin liegt vielleicht schon die Lösung. Wer gern liest, kann einen Lesekreis gründen. Wer wandern mag, eine Tour vorschlagen. Einen Versuch ist es wert. Auch in der Partnerschaft übrigens, die bei Neu-Rentnern nicht selten zum Krisenherd wird. Was habe ich an ihm oder ihr einmal geschätzt, gemocht? Rückbesinnung kann ein Schlüssel sein. So fragt man nicht mehr: Was hätte ich jetzt gerne alles anders? Sondern: Was verbindet uns, was schätze ich am anderen?

8. Finanzlage prüfen

In Rente gehen – das heißt für viele auch: mit weniger Geld auskommen müssen. Nicht selten drohen unliebsame Überraschungen: Renten und andere Zahlungen können der Steuer oder Sozialversicherungsbeiträgen unterliegen.

Finanzcoach Lothar Schmidt aus Landau rät, einen Vermögensplan aufzustellen, allerdings weiter gefasst als üblich: Wie will ich künftig leben? Was habe ich bereits an Ansprüchen? Was an Arbeitseinkommen bis zum Tag X? Auch Zeit, Energie, Kenntnisse und Fähigkeiten sind Vermögen, so Schmidt. Die Ergebnisse können vielfältig sein: Vielleicht muss man einen Job finden, den man noch länger machen kann. Vielleicht das eigene Unternehmen so strukturieren, das es verkaufsfähig ist. Zu einer Strategie "aus der Fülle" rät der Finanzcoach. Je konkreter man auch gefühlsmäßig in die neue Zukunft eintaucht, desto besser.

Testen Sie sich!

Zufriedener Rentner

Test: Sind Sie gut auf die Rente vorbereitet? »

Wird Ihnen der Übergang in den Ruhestand entspannt gelingen? Oder sollten Sie sich mehr damit auseinandersetzen? Unser Test verrät es Ihnen »


ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Grippe: Sind Sie geimpft?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages