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„Ich habe mehrere an der Klatsche“

Hubertus Meyer-Burckhardt spricht über seine Krebserkrankung, Unvernunft und ausländische Zahnpasta.

von Thomas Röbke, 25.05.2020
Hubertus Meyer-Burkhardt

Senioren Ratgeber: Bei Ihnen wurden im Oktober 2017 zwei Karzinome entdeckt. Wie leben Sie mit dieser Diagnose?

Meyer-Burckhardt: Ich bin relativ lange mit Marmelade in den Knien durch die Welt gegangen. Aber ich habe die Geschichte ärztlich sehr gut in den Griff bekommen. Kafka und Shaw, so habe ich sie genannt, sind unter regelmäßiger Beobachtung und halten still. Doch wenn der Inspektionstermin alle vier Monate näher kommt, geht mir schon die Muffe. Damit lebe ich jetzt.

Wie hat sich Ihr Leben verändert?

Der wesentliche mentale Unterschied ist: Ich bin 61 Jahre durchs Leben gegangen, ohne dass ich irgendwas Ernsthaftes gehabt hätte. Ich habe die Gesundheit immer als selbstverständlich hingenommen, nie geraucht, kein Krebs in der Familie. Und plötzlich ist mein Körper wie ein alter, liebenswerter Alfa Romeo: Er braucht häufiger Ölwechsel, eine gewisse Sorgfalt und Hingabe, und es ist nicht selbstverständlich, dass er morgens anspringt. Aber wenn er das alles bekommt, fährt er auch sportlich auf der Autobahn.

Hubertus Meyer-Burckhardt:

  • geboren 24. Juli 1956 in Kassel
  • TV-Produzent, Moderator und Autor mehrerer Bücher, aktuell: "Diese ganze Scheiße mit der Zeit: Meine Entdeckung des Jetzt".
  • Hat zwei Kinder, ist mit der Journalistin Dorothee Röhrig verheiratet und lebt mit ihr in Hamburg.

"Es gibt keine vernünftige Alternative zum Optimismus", zitieren Sie in Ihrem Buch den Philosophen Karl Popper. Wie ist es Ihnen gelungen, den Optimismus zu bewahren?

Die Frage "Was kannst du daraus lernen?" kam mir gleich in den Sinn. Ich habe mich sehr beschäftigt mit der Zellforschung und weiß mittlerweile, dass selbst die Schulmedizin sagt: Geht man seine Probleme mit einer lebensbejahenden Haltung an, trägt das zur Genesung bei. Ich bin wild entschlossen – es gelingt mir nicht immer –, jeden Tag so anzugehen, dass ich abends im Bett das Gefühl habe: Es war ein ganz guter Tag.

War einer Ihrer ersten Gedanken: Das ist ungerecht! Warum ich?

Warum ich nicht? Es gibt Menschen, die viel schlimmere Krebsarten haben. Was hilft es zu hadern? Es bringt Sie keinen Meter weiter. Darum habe ich auch kein Buch über Krebs geschrieben, sondern über die Kostbarkeit der Lebenszeit, ausgelöst durch den Krebs. Wenn unser Bankkonto sich leert, werden wir nervös. Bei ­unserer Lebenszeit fehlt dieses Bewusstsein, bis sich herausstellt: Was man für die Generalprobe hielt, ist schon die Vorstellung. Peter Ustinov hat das mal gesagt. Mein Wunsch ist, dass die Leser sagen: Ich gehe jetzt vor die Tür und mache etwas Unvernünftiges. Ich trinke ein Glas Wein zu viel, kaufe einen Pullover, der ­eigentlich zu teuer ist, fahre endlich an meinen Sehnsuchtsort. Ich verbringe jetzt eine Zeit, die nur mir ­gehört, wo ich niemandem Rechenschaft ablege. Jeder sollte sich fragen: Wie muss das Leben aussehen, damit es mir gefällt? Natürlich muss jeder Kompromisse schließen, aber der Kompromiss kann nicht am Anfang stehen.

Sie suchen im Hotel immer zuerst die Notausgänge. Sind Sie ein Sicherheitsfanatiker?

Nicht nur im Hotel. Ich habe immer einen Plan B, es kann stets etwas schiefgehen. Mein inneres Kind hat früh gelernt: Mach dich nie abhängig. Wir hatten wenig Geld zuhause, keinen Vater. Ich stand sehr früh auf eigenen Beinen, konnte mich nirgendwo anlehnen. Also baue ich mir seitdem permanent Geländer.

Gleichzeitig sagen Sie, Sicherheit sei schlimmer als eine Droge…

Ja, ich halte Sicherheit für eine Illu­sion. Katastrophen pflegen sich nicht anzukündigen. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum die Deutschen ein fast erotisches Verhältnis zur Sicherheit haben. Bei den Pro-­Kopf-Ausgaben für Versicherungen liegen wir international in der Spitzengruppe. Eine Formulierung wie "No risk, no fun" findet in der deutschen Sprache keine Entsprechung. Dabei macht es doch Spaß, das Leben bei den Hörnern zu packen!

Warum sammeln Sie auf der ­ganzen Welt Steine?

Als eine Art Gesamtkunstwerk. Wo immer ich auf der Welt bin, sammle ich Steinchen, Steine, Kiesel, lagere sie in Hamburg zwischen, und wenn ich in meine Geburtsstadt Kassel ­fahre, lasse ich sie wieder frei. An ­unwegsamen Stellen, der ganze Habichtswald ist übersät. Mir macht der Gedanke Spaß, dass sich irgendwann jemand wundert, wie dieser spezielle Stein dorthin kommt. Oder auch nicht. Ich habe nicht einen, ich habe mehrere an der Klatsche.

Was haben Sie noch anzubieten?

Ich verwende seit 1986 nur Zahn­pasta, die ich aus dem Ausland mitbringe. Im Moment benutze ich gerade eine bulgarische. Neulich hatte ich eine aus Thailand, mit irgendeinem Kraut, das sie grün gefärbt hat. Da musste ich mich jeden Morgen und Abend zwingen, das durchzuziehen.

Hubertus Meyer_Burkhardt und Barbara Schöneberger NDR Talk Show

Sie behaupten, dass Frauen im Alter eher humorvoller werden, während Männer zum Verbiestern neigen. Warum?

Männer definieren sich mehr über die Funktion und Frauen über die Person. Wenn seine Funktion irgendwann weg ist, stürzt der Mann in eine Sinnkrise. Die größten Zurückweisungen, die ein Mensch erfahren kann, sind, vom Partner zu hören "Ich liebe dich nicht mehr" oder von einem Arbeitgeber zu hören "Ich brauche dich nicht mehr". Vor der ersten kann sich niemand schützen. Aber in einer Funktion muss man sich immer wieder ermahnen: "Du bist nicht die Funktion! Du bist in erster Linie Person!" So kann die Person übrig bleiben, wenn die Funktion wegfällt. Das liegt in der eigenen Verantwortung.

Sie haben mit zwölf Jahren Ihren tyrannischen Vater zuhause ­rausgeworfen. Wie kam es dazu?

Ich litt, meine Mutter litt, und dann kam es zu dieser Situation an einem Samstagmittag, wo ich dachte: Du musst jetzt ein klares Verhältnis schaffen. Eine Erklärung, wie das gelungen ist, kann ich Ihnen nicht geben. Meine Kindheit war nicht doll, aber danach fing eine gute Jugend an.

Von Ihrem Vater haben Sie nie wieder gehört?

Einmal, nach einem Jahr. Er wollte mich auf dem Schulweg abfangen. Ich bin ihm ausgewichen, danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Anfang der 1980er hat meine Mutter dann erfahren, dass er gestorben ist. Ich fühlte keine Trauer, aber auch keine Aggression. Ich hoffe, dass er die letzten acht Jahre einigermaßen gut erlebt hat. Man kann in einem Kind die Vaterliebe auch auslöschen.

Warum haben Sie ein Leben lang alte Männer fotografiert?

Mir gefielen immer diese Typen, die das Leben weitgehend hinter sich hatten und nun eine gewisse Lässigkeit an den Tag legten. Mein Bestreben ist, dass ich irgendwann zu den alten Männern gehöre, die irgendwo in Spanien oder Italien auf dem Marktplatz sitzen und im Grundton lächeln.

Sie haben ein Interview verpasst? Hier finden Sie frühere Teile der Serie!


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