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"Ich lebe ein bisschen alternativ"

Im Gespräch mit dem "Senioren Ratgeber" spricht Ingeborg Schöner über Talent, treudoofe Rollen in deutschen Filmen und das Glück, im Augenblick zu leben.

von Thomas Röbke, 01.06.2020
Ingeborg Schöner, deutsche Schauspielerin

Senioren Ratgeber: Sie bezeichnen sich als Hypochonderin. Das scheint ein gutes Fitness-Rezept zu sein, so vital, wie Sie mir gegenübersitzen?

Ingeborg Schöner: Hypochondrie und Fitness haben eines gemein: Man bringt sich eine gewisse Achtsamkeit entgegen. Ich lebe ein bisschen alternativ, bin autorisierte Zen-Lehrerin und stehe kurz vor meiner zehnten Ayurveda-Kur.

Das heißt, ich könnte bei Ihnen Zen-Unterricht nehmen?

Ich biete einen offenen wöchent­lichen Kurs "Sitzen in der Stille" bei uns im Gemeindehaus an. Setzen Sie sich einfach dazu!

Sie beschäftigen sich schon lange mit Zen?

Als ich Anfang 30 war, mit Mann, zwei Kindern und Beruf, merkte ich: Ich bin nicht glücklich. Ich dachte, da muss es doch noch was geben. Ich habe mir alles Mögliche angeschaut und bin durch Zufall zum Meditieren gekommen und dann zum Zen.

Sie haben gerade ein ungewöhn­liches Buch herausgebracht, "Tagebuch einer Tournee", was hat es damit auf sich?

Mit Wolfgang Völz, Lukas Ammann und anderen Kolleginnen und Kollegen war ich Anfang 1981 vier Monate auf Theatertour durch Kleinstadthallen, 92 Vorstellungen. Das war mit langen Busfahrten und viel Leerlauf verbunden, und da habe ich fotografiert, schwarz-weiß, 1500 Bilder. Daraus habe ich jetzt endlich eine Auswahl zusammengestellt.

Mit fast 40 Jahren Abstand ist ein Zeitdokument daraus geworden.

Es sind Blicke in leere Hotelzimmer, Bilder von Raststätten, von den Kollegen während der Fahrt oder in der Maske, von einer Tour, wie man sie heute nicht mehr machen würde, da haben Sie recht. Meine Kamera war damals schon uralt, mit einem festen 50er-Objektiv, das entspricht unserer Sicht mit den Augen. Mit Lust habe ich mir Mühe gegeben, danach auch ein Fotolabor eingerichtet, selbst entwickelt und vergrößert, stundenlang.

Sie scheinen viele Talente zu haben …

Nach dem Abitur wollte ich eigentlich in die Politik, in den Bundestag. Dann wurde ich durch Zufall entdeckt. Die ersten Jahre habe ich nur nebenbei gedreht, bis ich nach Italien kam.

Ingeborg Schöner

  • 2. Juli 1935 in Wiesbaden
  • Filmdebüt 1954, sie drehte u.a. mit Curd Jürgens, Peter Alexander, in Frankreich mit Fernandel und Charles Aznavour, in Italien mit Vittorio de Sica und Alberto Sordi.
  • 1961 Heirat; aus der Ehe stammen die Töchter Nicole und Juliette.

Wie ist das, wenn Sie an Ihre frühen Filmjahre zurückdenken? Schwingt da Wehmut mit?

Überhaupt nicht! Ich bin froh, dass es vorbei ist. Das war nicht immer lustig, etwa wenn es galt, den Peter Alexander durchgehend anzustrahlen, wenn er mich angesungen hat (lacht). Manches war schrecklich, manches war schön, mal war ich verliebt und glücklich, mal war ich unglücklich… Es war eine wichtige Zeit für mich, aber ich denke gar nicht mehr daran. Was jetzt zählt: Ich bin noch fit im Kopf, kann Texte lernen und freue mich weiterhin über gescheite Angebote. Durch Zen lernt man, den Augenblick wahrzunehmen und im Augenblick zu leben. Die Wirklichkeit ist nur jetzt, wo wir hier gerade reden.

Aber einen der alten Filme schauen Sie schon ab und zu an?

Ich liebe das Drehen mit einem guten Regisseur und die Zusammenarbeit mit den Kollegen. Wenn der Film abgedreht ist, interessiert er mich nicht mehr. Ich habe nur ganz wenige Filme von mir gesehen.

Stimmt es, dass Sie als junge Frau an Ihrer Nase zogen, weil sie Ihnen zu klein war?

Ich fand doch die Greta Garbo so schön! Die kleine Nase war aber mein Glück: Die warf keinen Schatten und war darum fotogener.

Wie war es damals, auch in Italien und Frankreich zu drehen?

Wäre ich nicht verheiratet gewesen, wäre ich in Italien geblieben. Da war ich bekannt und beliebt. Auch in Frankreich wurde ich toll auf­genommen. Im deutschen Film war ich auf treudoofe Rollen und brave ­höhere Tochter abonniert. Da habe ich mich nicht wiedergefunden, aber damit verdiente ich Geld für mein Studium.

Das gute, anständige Mädchen.

Das war die Schublade. Es hat mir auch ein bisschen meinen Namen versaut, dass ich in die leichte Muse hineingeriet. Ich habe in einem Stück von Thomas Bernhard dann auch mal eine ganz Böse gespielt, das gab tolle Kritiken.

Waren Ihre Eltern schauspielerisch begabt?

Nein. Meine Mutter wollte Ärztin werden und wurde Kindergärtnerin, weil sie kein Geld fürs Studium hatte. Mein Vater war kaufmännischer Angestellter bei der IG Farben und ist nach seiner Rückkehr aus Stalingrad an Flecktyphus gestorben.

Wie haben Sie Ihr Talent entdeckt?

Mit 27 war meine Mutter Witwe mit zwei kleinen Kindern. Wir mussten untervermieten an den Feuilletonchef des Wiesbadener Kuriers. Und der bekam ständig Freikarten. Ich war mit 13 Jahren manchmal dreimal pro Woche in der Oper. Er erklärte mir sehr viel. Und weil er Germanistik und Musik studiert hatte, wollte ich das auch. Dann kam es anders.

Würden Sie sagen, man muss flexibel sein und sehen, wohin einen das Leben treibt?

Ja, ich bin immer ganz offen und sage: Schauen wir, wie es weitergeht. Man nimmt sich im Kopf etwas vor, und das Leben hat seine eigenen Pläne. Ich lebe bewusst und sehr gut. Und ich versuche zu helfen, wo ich kann.

Hätten Sie gerne mal eine Weiche anders gestellt?

Ich hatte schon die mündliche Zu­sage für einen James-Bond-Film – bis ich bei einem Abendessen mit den Produzenten äußerte, wie sehr ich mich darüber wunderte, ich sei doch gar nicht der richtige Typ. Das hat sie wohl ins Grübeln gebracht, jedenfalls war ich plötzlich draußen.

Haben Sie sich manchmal gefragt, was gewesen wäre, wenn …

Mein Leitsatz war immer: Nimm an, was ist. Wenn etwas nicht so gut ist, kann ich versuchen, es zu verbessern. Aber wenn ich mich von vornherein dagegen sträube, vergeude ich nur Energie. Besser ist, einen kühlen Kopf zu bewahren: Wie ist die Situation, was liegt in meinen Möglichkeiten? Ich lebe von einem Moment zum anderen, das hält mich wach und lebendig.

Gibt es trotzdem Dinge, die Sie aufregen oder aus dem Gleichgewicht bringen?

Was wir mit unserer Erde machen, das regt mich sehr auf. Zum Glück wächst das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann mit der Umwelt, mit dem Klima. Gegen die Gier, gegen die Dummheit vieler Menschen ist schwer anzukommen. Aber ich liebe die Erde, ich lebe gerne. Am schönsten ist es, wenn die Kirschbäume vor meinem Haus blühen.


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