Mein Auto und ich

Kaum eine Generation hängt so sehr am Auto wie die heutigen Senioren. 
Doch wie bleibt man auch im Alter sicher mobil?

von Kai Klindt, 01.08.2018
Seniorin fährt Auto

Das Thema lässt Edgar Kast nicht los. Mehr als 40 Jahre kümmerte er sich als Polizist in Bad Kissingen um die Verkehrs­erziehung, zog mit dem Verkehrs­kasper durch Kindergärten und bilde
te Jugendliche zu Schülerlotsen aus. Wie überquert man als Fußgänger ­sicher die Straße? Erst nach links sehen, dann nach rechts, und vor dem ersten Schritt noch mal nach links. Solche Regeln gab Kast Generationen junger Menschen mit auf den Weg.

An einem Mittwochnachmittag im vergangenen April aber steht der 70-Jährige als Ehrenamtler vor einer Schar Grauschöpfe. Im Pfarrzentrum Sankt Burkardus in Oerlenbach, einer Landgemeinde in Unterfranken, zieren Kolonnen von bunten Modell­autos die Kaffeetische. Das Thema ist also klar und Edgar Kast in seinem Element.

"Wir Senioren dürfen im Straßenverkehr nicht auf dem Stand von 1960 stehen bleiben", ruft er. Rechts-vor-links-Vorfahrtsregelungen etwa gebe es heute viel häufiger – das erfordere Umsicht. Elektroautos seien leise Flitzer – umso wichtiger, dass man gut hört. "Liebe Leut", sagt Kast mit weichem fränkischem Einschlag, "seid vorsichtig!"

Die meisten im Publikum fahren selbst Auto, manche seit 60 Jahren. Käfer, Hanomag, Goggomobil: Jeder kann sich noch an sein erstes Gefährt erinnern. Keiner denkt ans Aufhören. "Dann kommt man ja nicht weg!" "Die jetzigen Senioren sind die erste Generation, die von Anfang an vom Auto geprägt wurde", sagt Bernhard Schlag, Professor für Verkehrspsychologie an der Technischen Universität Dresden. Wohl für die meisten  Wirtschaftswunderkinder hießen die großen Wegmarken in Richtung Erwachsenenleben: Schule, Ausbildung – und Führerschein.

 

Generation Auto

In jüngeren Jahren diente das Auto als Familienkutsche und Vehikel für den Arbeitsweg, gelegentlich auch zum Vorzeigen: Man hatte es geschafft! Jetzt, in der Rente, bringt einen der Wagen zum Einkaufen und zum Arzt, zu Freunden oder zu den Enkeln.

Auch wenn sich Zipperlein einstellen, das Gehen schwerer fällt, "trägt das Auto wesentlich dazu bei, weiter aktiv am Leben teilnehmen zu können", sagt der Psychologe Hardy Holte von der Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach. Auto fahren zu können, darauf weisen Studien hin, bedeutet für viele Senioren Lebensqualität.

Noch vor 30 Jahren waren Fahrzeuglenker jenseits der 80 eine Rarität. Heute fährt in dieser Altersklasse jeder Dritte. Doch das birgt durchaus Tücken. Wissenschaftler Bernhard Schlag nennt eine ganze Reihe von Einbußen, die die Jahre mit sich bringen: Das Sehfeld wird kleiner, sodass man nicht mehr so gut erkennt, was von links oder rechts kommt.

Die Blend­empfindlichkeit steigt – ein Grund, weshalb Fahrten bei Nacht zusehends Mühe bereiten. Die Beweglichkeit nimmt ab, zum Beispiel an der Halswirbelsäule. In einer Studie beobachtete Schlag, dass ab Mitte 70 kaum noch jemand beim Abbiegen einen Blick über die Schulter wirft.

Dass viele Ältere das Autofahren trotz aller Routine als Anstrengung empfinden, hat aber vor allem einen Grund: "Die Konzentration lässt nach", sagt Hardy Holte, "vor allem die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu steuern." Daher fällt es schwerer, mehrere Dinge gleichzeitig zu beachten – etwa beim Linksabbiegen.

Kavaliere der Straße

Dennoch sind Senioren meist sichere Fahrer. Mittsiebziger schneiden 
in der Unfallstatistik besser ab als Endzwanziger. Ab etwa 80 steigt das Risiko, einen Zusammenstoß zu ver­ur­sachen, merklich – es bleibt aber unter dem junger Leute um die 20.

Wie ist das zu erklären? "Ältere Menschen sind sehr gut darin, Defizite auszugleichen", weiß Holte aus Untersuchungen der Verkehrspsychologie. Sie drücken nicht so aufs Gas, fahren erst, wenn der Berufsverkehr durch ist, vermeiden es, bei Nacht unterwegs zu sein, riskieren keine Überholmanöver.

Holte befasst sich in seinen Forschungen auch mit den Umgangsformen im Verkehr und nennt eine weitere Tugend älterer Fahrer: Rücksichtnahme. Kavaliere der Straße dürften in der Generation 65 plus stark vertreten sein.

So geschickt Senioren darin sind, die Folgen des Alterns abzupuffern: Wenn sich Krankheiten dazugesellen, kann die Sicherheit am Steuer in Gefahr geraten. "Eine Depression zum Beispiel kann die Reaktion verlangsamen", sagt Dr. Jakob Berger, Hausarzt in Meitingen bei Augsburg.

Auch bei chronischen Erkrankungen wie Parkinson, Diabetes, Herzrhythmus­störungen oder nach einem Schlaganfall lenkt Berger das Gespräch auf das Thema Autofahren. Für besonders brisant hält er nächtliche Atemaussetzer im Schlaf: Oft weiß der Patient nichts davon – weil ihm aber die erholsame Nachtruhe fehlt, nickt er tagsüber leicht ein.

Wer sich um seine Gesundheit kümmert, fährt sicherer. Das raten Experten Älteren:

  • Hausarzt: Sprechen Sie das Thema Autofahren von sich aus an – Ihr Hausarzt wird sich darüber freuen!
  • Augenarzt: Lassen Sie Ihr Sehvermögen überprüfen. Ist alles in Ordnung und tragen Sie keine Brille, genügt ein Test alle zwei Jahre. Alle anderen sollten jedes Jahr zum Augenarzt gehen.
  • Ohrenarzt: Lassen Sie Ihr Gehör ­kon­trollieren. Gutes Hören ist für sicheres Fahren wichtiger, als viele denken!
  • Apotheker: Beeinträchtigen Ihrer Medikamente die Fahrtüchtigkeit? Ihr Apotheker sagt es Ihnen – und kann Ihnen oft Alternativen aufzeigen.

Risiko Medikamente

Bei vielen chronischen Leiden spricht nichts dagegen, sich hinters Steuer zu setzen – vorausgesetzt, es erfolgt eine gute Behandlung, die der Patient auch beherzigt. Wenn jemand drei oder mehr Tabletten am Tag nimmt, muss das kein Problem darstellen. Im Gegenteil: Die Therapie ermöglicht es oft, sicher mobil zu sein.

Dennoch können auch Medikamente Risiken bergen, sagt Apotheker Lutz Engelen aus Herzogenrath. Dass Schlafmittel sich nicht mit Autofahren vertragen, leuchtet jedem ein. Dass Engelen aber auch bei manchen Heuschnupfenmitteln, Stimmungsaufhellern oder Schmerzpräparaten einen warnenden Hinweis geben muss, überrascht viele Kunden. "Gefährlich sind alle Arzneien, die auf das Gehirn wirken." 

Kritisch wird es auch, wenn der Pa­tient auf ein neues Mittel für Herz und Kreislauf eingestellt wird – zum Beispiel einen Blutdrucksenker. In den ersten Wochen kämpft mancher mit Müdigkeit, auch Schwindel kann sich einstellen. Rat von Fachmann Engelen: "Beginnen Sie mit der Therapie möglichst an Tagen, an denen Sie nicht auf den Wagen angewiesen sind. Beobachten Sie, wie Ihr Körper auf das neue Mittel reagiert."

Hausarzt Jakob Berger bedauert, dass die Patienten kaum von sich 
aus die Auto-Frage anschneiden. "Zu groß ist die Angst, zu erfahren, dass man nicht mehr fahren sollte." Dabei ist das nur selten der Fall. Berger möchte seinen Patienten vielmehr helfen, fit am Steuer zu bleiben. Gern empfiehlt er Trainings, in denen sich ein Fahrlehrer für ein oder zwei Stunden zu den Oldie-Fahrern in den Wagen setzt. Auch pfiffige Helferlein im Auto wie Einpark- oder Notbremsassistent können zur Sicherheit beitragen.

Manchmal führt allerdings kein Weg daran vorbei, sich vom Auto zu verabschieden. Bei Nervenleiden wie Epilepsie oder auch Demenz kann das Fahren tabu sein. Ein schlechtes Sehvermögen ist ein weiterer Grund – "am häufigsten die altersbedingte Makuladegeneration", erklärt Professor Johann Baptist Roider.

Der Chef der Universitäts-Augenklinik in Kiel bringt seine ganze Überzeugungskunst auf, um den Betroffenen den Fahrstopp zu vermitteln. Könnten Angehörige künftig als Chauffeur einspringen? Oder gibt es vielleicht ein Sammeltaxi in der Gemeinde?

Gut informiert:

  • Neue Regeln im Straßenverkehr? Unter dem Titel "Sicher mobil" organisiert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat bundesweit Info-Veranstaltungen für ältere Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer ab 65. Mehr unter www.dvr.de
  • Fahrtraining für 65 plus: Automobil­clubs, örtliche Verkehrswachten und eine Reihe von Fahrschulen trainieren Senioren in deren eigenem Auto. Mancherorts werden die Angebote bezuschusst. Fragen Sie beim Seniorenbüro oder der Seniorenvertretung Ihrer Gemeinde nach.

Fahrschein statt Führerschein

Überhaupt erleichtert ein gutes Angebot an Bussen und Bahnen, das Auto in den Ruhestand zu schicken. Metropolen wie Dortmund oder Essen machen ihren älteren Bürgern schon länger das Angebot, den Führerschein gegen eine Zeitkarte für den öffentlichen Nahverkehr einzutauschen. Jetzt zieht auch die 33 000-
Einwohner-Stadt Biberach nach. Seit Januar 2018 haben mehr als 100 Leute den Schritt getan. Den Erfolg erklärt man sich beim Seniorenbüro der Stadt auch mit einem Tribut an die Symbolkraft des Führerscheins: Die ungültig gestempelte Fahrerlaubnis mit ihrem Jugendfoto bekommen die Senioren wieder mit.

  • Fachliche Beratung: Prof. Dr. Johann Baptist Roider, Kiel; Prof. Dr. Bernhard Schlag, Dresden; Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR)

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