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Wenn der Partner dement wird

Vergesslichkeit, Orientierungsprobleme: Ist das altersbedingt oder schon Demenz? Das fragen sich viele Senioren, wenn das Verhalten des Partners auffällig wird.

von Dagmar Fritz, 17.07.2018
Senioren

Vor fünf Jahren ahnt Alfons M., dass mit seiner Frau Johanna etwas nicht stimmt. „Sie wollte Apfelstrudel backen, den Teig hatte sie schon fertig. Doch plötzlich fand sie ihn nicht mehr“, erinnert sich der 85-Jährige. Kurz darauf zog Johanna in den ersten Stock des kleinen Einfamilienhauses und übernachtete in ihrem Nähzimmer. „Sie zog sich immer mehr zurück und reagierte auf einmal aggressiv auf mich.“ Ein paar Monate später irrte sie orientierungslos durch den Ort.

Johanna ist 78 Jahre alt, als sich die ersten Anzeichen der Demenzerkrankung zeigen. Das Alter ist der größte Risikofaktor für Demenz: Bis zum 69. Lebensjahr leiden nur 1 Prozent der Deutschen an einer Demenzerkrankung, ab 80 Jahren sind es bereits 16 Prozent und ab 90 Jahren sogar fast 40 Prozent. Erste Anzeichen können Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis und Probleme bei der Orientierung sein. "Betroffene und Angehörige bemerken, dass etwas nicht stimmt", erklärt Psychologin Prof. Susanne Zank, Präsidentin der Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie. "Häufig werden solche Vorfälle aber bagatellisiert. Diese Anzeichen sollte man jedoch ernst nehmen und sich untersuchen lassen", rät die Expertin.

Doch wie spricht man dieses heikle Thema gegenüber dem Partner an? Die Psychologin rät dazu, einen ruhigen Moment abzuwarten und Vorwürfe zu vermeiden. Besser ist es, im Gespräch konkrete Beispiele zu nennen, an denen man erkennt, dass sich das Verhalten stark verändert hat. "Am Ende des Gesprächs kann der Vorschlag stehen, gemeinsam eine Gedächtnissprechstunde zu besuchen – das ist als erste Anlaufstelle das Beste", rät Gerontologin Susanne Zank. Alfons und Johanna schwiegen. "Ich habe mich nicht getraut, meine Frau auf die Vorfälle anzusprechen. Sie wäre wütend geworden", sagt er.

Gute Diagnose wichtig

In der Gedächtnissprechstunde arbeiten Spezialisten, die durch Gespräche, Bluttests und bildgebende Diagnoseverfahren eine Demenz oder auch eine andere Krankheit erkennen können, die für die geistige Beeinträchtigung verantwortlich ist. Um Klarheit über den Zustand seiner Frau zu bekommen, ging Alfons M. mit ihr zum Hausarzt und zum Neurologen. Nach einigen Untersuchungen und Tests stand fest, dass Johanna an Alzheimer-Demenz erkrankt war. „Die Ärzte haben uns über die Krankheit aufgeklärt. Wie viel meine Frau verstanden hat, weiß ich nicht. Wir haben nie darüber gesprochen.“

 

Die Diagnose Demenz ist ein Schicksalsschlag und macht Betroffenen und Angehörigen Angst. Doch für den Patienten und die Therapie ist eine frühe Diagnose ein Vorteil – besonders bei der häufig auftretenden Alzheimer-Demenz. "Die Krankheit ist zwar nicht heilbar, aber Medikamente können besonders zu Beginn das Fortschreiten verlangsamen", sagt Gerontologin Zank. Außerdem kann das Paar gemeinsam und im Einvernehmen kommende Pflegemaßnahmen planen.

Das sollten Sie regeln

Spätestens wenn die Diagnose Demenz feststeht, sollte man wichtige rechtliche Angelegenheiten regeln, wie den Nachlass und die Vorsorgevollmacht. „Mit fortschreitender Krankheit ist das Stadium schnell erreicht, in dem ein Erkrankter die Bedeutung seiner Entscheidung nicht mehr erfassen kann und damit seine Testier- und Geschäftsfähigkeit verliert“, erklärt Claudius Eschwey von der Landesnotarkammer Bayern. „Die Diagnose schließt die Geschäftsfähigkeit nicht aus. Liegt eine Demenz im Anfangsstadium vor, ist ein aktuelles Attest hilfreich. Jedoch muss sich der Notar immer selbst davon überzeugen, ob die Person geschäftsfähig ist und die Tragweite ihres Handelns versteht.“

Bei Johanna M. war die Krankheit schon zu weit fortgeschritten. „Wir konnten kein Testament mehr machen, dazu war sie schon zu krank“, erzählt ihr Mann. Eine Patientenverfügung hatten die Eheleute schon vor der Erkrankung unterschrieben.

Über die Krankheit informieren

Als sich die Krankheit seiner Ehefrau immer deutlicher bemerkbar machte, gab es fast täglich Krach im Haus. „Meine Frau hat wegen Kleinigkeiten Streit angefangen und mich beschimpft. Das tat weh. So kannte ich sie nicht. Sie war immer ein lustiger Mensch gewesen“, erinnert sich Alfons M. „Ich habe meiner Frau dann nicht widersprochen, sondern sie in Ruhe gelassen.“

Der Verlauf einer Demenzerkrankung ist individuell unterschiedlich. „Es kann ein akzeptabler Verlauf sein, mit der Angehörige umgehen können“, erklärt Expertin Prof. Zank, „es kann aber auch eine schwierige Entwicklung nehmen, die mit starken Persönlichkeitsveränderungen und aggressivem Verhalten einhergeht.“ Besonders wichtig ist, dass sich Angehörige gut über die Entwicklung der Krankheit informieren. „Sie erkennen dann aggressives Verhalten nicht als persönliche Kränkung, sondern als Teil der Krankheit“, so die Psychologin.  

Mit dem Fortschreiten der Krankheit verändert sich die Kommunikation. „Gedankliche Transfers sind den Erkrankten nicht mehr möglich, deshalb muss man ihnen viel erklären“, sagt Prof. Zank. Dabei sollte man kurze Sätze bilden und klare Anweisungen geben und den Partner möglichst von vorne ansprechen, damit er sich auch angesprochen fühlt.  

Wichtig dabei: freundlich bleiben. Denn auf der emotionalen Ebene erkennen Kranke sehr wohl, ob jemand böse oder ungeduldig ist. Die Betreuung eines Demenzkranken führt Angehörige psychisch wie physisch oft an ihre Grenzen. Die Psychologin rät: „In schwierigen Momenten sollte man Abstand suchen und für ein paar Minuten aus dem Zimmer gehen.“

In Kontakt bleiben

Vor drei Jahren erlitt Johanna M. zuhause einen Schlaganfall. Sie hat Probleme mit den Kniegelenken und kann heute kaum mehr gehen. Dreimal täglich kommt der Pflegedienst zum Anziehen, zum Toilettengang und um sie ins Bett zu bringen. Sohn und Schwiegertochter helfen beim Einkaufen und im Garten. "Ich bin sehr dankbar für diese Hilfe. Ohne Unterstützung könnte ich das zuhause nicht schaffen", sagt Alfons M. Er ist selbst stark gehbehindert und kann sich nur langsam mit Krücken fortbewegen. 

An zwei Tagen in der Woche besucht seine Frau eine Tagespflegeeinrichtung, ansonsten sitzt Johanna die meiste Zeit an ihrem Platz auf dem Küchensofa. Wenn man sie anspricht, antwortet sie auf jede Frage mit Ja oder nickt kurz. "Oft versuche ich sie zum Lachen zu bringen. Ich belle dann leise, wie unser Hund, den wir einmal hatten", erzählt ihr Mann, "doch sie reagiert immer seltener auf mich. Manchmal schaut sie mich an, als ob sie mich nicht kennen würde."

 

Besonders belastend für Angehörige ist der Verlust der Beziehung zum Partner. Doch auch wenn man den Menschen auf der rationalen Ebene nicht mehr erreicht: Über Berührung, zum Beispiel eine Umarmung, lässt sich trotzdem Kontakt herstellen.

Alfons möchte seine Frau so lange wie möglich zuhause behalten. Der gemeinsamen Zukunft sieht der 85-Jährige realistisch entgegen: „Ich weiß, dass es nicht mehr besser wird. Aber ich freue mich über jeden Tag, an dem es nicht schlechter wird.“

 

Einen Überblick und Orientierung zum Thema Demenzerkrankung geben Internetplattformen wie www.deutsche-alzheimer.de, www.wegweiser-demenz.de

Als erste Anlaufstelle für Betroffene und deren Angehörige eigenen sich Gedächtnissprechstunden. Hier finden Sie eine Zusammenstellung von Gedächtnissprechstunden und Gedächtnisambulanzen nach Postleitzahlen geordnet:www.deutsche-alzheimer.de/gedaechtnissprechstunden.html

Über konkrete Entlastungsangebote für Angehörige von Demenzerkrankten informieren Pflegestützpunkte vor Ort und Internetplattformen wie www.lokale-allianzen.de


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