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Endlich leichter

Der Arzt rät abzunehmen. Doch vielen Patienten fällt das schwer. Experten setzen auf Körpermessungen, Verhaltenstherapie und Bewegung. Welche Vorteile Männer gegenüber Frauen haben

von Orla Finegan, 06.05.2019
Luftballons

Uta B. liegt angekleidet auf einer Liege im Münchner Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP). Nur ihr rechter Fuß ist nackt – er wurde an zwei Elektroden angeschlossen, genauso wie ihre rechte Hand. Sie liegt hier, damit Monika Bischoff, Leiterin des ZEP, an Uta B. eine bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) vornehmen kann. Die 70-jährige B. weiß, dass sie etwas ändern muss: Sie hat starkes Übergewicht, dazu auch noch Diabetes und in der Vergangenheit schon einen Schlaganfall erlitten.

Die Analyse misst in wenigen Sekunden, wie hoch der Anteil an Fett, Muskulatur, Wasser und Knochenmasse im Körper ist. Darauf basierend wird Uta B. tatsächlicher Energieverbrauch errechnet – also wie viele Kilokalorien sie pro Tag aufnehmen muss, um weder zu- noch abzunehmen. Anhand dieser Daten kann Bischoff die Seniorin beraten, wie sie ihr Idealgewicht erreicht.

Eine Frage des Lebensstils

Abnehmen, weil der Arzt aus gesundheitlichen Gründen dazu rät – vor dieser Herausforderung stehen viele ältere Menschen. Doch wie kann es gelingen, nach Jahrzehnten plötzlich den Lebensstil umzustellen? Für Bischoff und ihr Team ist klar: Ohne die Unterstützung von Experten schaffen das die wenigsten. Der aktuelle wissenschaftliche Ansatz, festgeschrieben in den Leitlinien, die unter anderem von der Deutschen Adipositasgesellschaft verfasst wurden: Dauerhaftes Abnehmen ohne Jo-jo-Effekt funktioniert nachhaltig mit einem multimodalen Ansatz.

Das bedeutet konkret: Auf die Empfehlung des Arztes folgen eine Ernährungsberatung, eine Sport- und eine Verhaltenstherapie. Ernährungsambulanzen, die es in jeder größeren Stadt gibt, arbeiten nach diesem Standard. ZEP-Psychologin Mirjam Leibrecht bringt den Nutzen auf den Punkt: "Wir können den Patienten Ratschläge geben und ihnen sagen, was sie essen und wie sie sich bewegen sollen. Aber tatsächlich so verhalten müssen sie sich selbst." Ob der Übergang zu einem gesünderen Lebensstil gelingt, entscheidet darüber, ob die Kilos dauerhaft unten bleiben. Mithilfe einer Verhaltenstherapie gelingt das leichter.

Körper wird vermessen

Uta B. ist zusammen mit ihrem Mann Hans-Dieter in die ambulante Klinik gekommen. Genau wie seine Frau hat er Übergewicht, Diabetes und in der Vergangenheit Herzinfarkte erlitten. Auch er wird an die Elektroden angeschlossen und sein Körper vermessen. Ein paar Minuten liegen die B.s jeweils auf der Liege, ehe für wenige Sekunden Strom durch den Körper gejagt wird. Uta B. und ihr Mann spüren davon nicht mal ein Kribbeln.

"Es ist nur eine geringe Wechselspannung mit 50 Kilohertz", erklärt Bischoff. Das Ergebnis der Messung lässt das Ehepaar aus der Nähe von München dann aber doch schaudern. Der Body-Mass-Index (BMI) liegt bei beiden bei über 30. Das stellt laut Weltgesundheitsorganisation die Grenze zum krankhaften Übergewicht dar, der Adipositas.

"Zur weiteren Analyse habe ich die Ergebnisse der BIA", erklärt die Ernährungsberaterin. Zuerst nimmt sie sich Uta B.s Werte vor. Auf einen Blick sieht sie, dass der Körperfettanteil der 70-Jährigen mit 40 Prozent viel zu hoch ist – ideal wäre die Hälfte. "Sie sind ein Apfeltyp", stellt Bischoff fest, und Uta B. nickt zustimmend. Ihr Körperfett sammelt sich hauptsächlich im Bauch als sogenanntes viszerales Fett.

Dort umhüllt es Organe und Blutgefäße und gibt schädliche Stoffe ab, die Diabetes fördern und das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen. ­Arme und Beine sind dagegen sehr dünn. Ihre Muskelmasse aber befindet sich mit 22 Kilo im grünen Bereich. "Die müssen sie dringend erhalten", warnt die Expertin.

Plötzlich Fett im Bauchraum

Im Alter verändert sich der Stoffwechsel. Wer nicht aktiv trainiert, baut Muskelmasse ab und benötigt weniger Energie durch Nahrung. "Frauen haben es noch mal schwerer", sagt Bischoff. Sie haben von Natur aus schon einen höheren Körper­fettanteil als Männer und weniger Muskelmasse. Das Hormonchaos in den Wechseljahren trägt weiter dazu bei, dass sich im Körper Fett ansammelt. Durch die Veränderung der Hormonspiegel kann bei Frauen plötzlich Fett im Bauchraum wachsen, das sich vorher eher an den Hüften gezeigt hat. Männer, die wegen ihrer höheren Testosteronspiegel von Haus eher zum Bauchfett neigen, profitieren davon, dass Testosteron auch den Muskelaufbau fördert.

  • Essen Für Ernährungsberaterin Monika ­Bischoff gibt es zwei Regeln beim Abnehmen im Alter: Bloß nicht am Eiweiß sparen und keine radikalen Diäten.
  • Psyche Psychologin  Mirjam Leibrecht weiß, Lebensstilumstellungen erfordern viel  Geduld – aber auch im hohen Alter kann jeder an sich arbeiten
  • Sport Gerade am Anfang motiviert es, sich einer Sportgruppe anzuschließen. "Fixe Termine helfen, um dabeizubleiben", sagt Gesundheitstrainerin Elke Zwilling.

Mehr Eiweiß

Mit einem Blick auf Hans-Dieter B.s Werte sieht Bischoff gleich, dass seine Muskelmasse wie bei seiner Frau im Idealbereich liegt. Der Körperfettanteil schlägt dagegen nach oben aus. Ein weiterer Wert, der bei der BIA erhoben wird, erlaubt Rückschlüsse auf eine mögliche Mangelernährung. Und genau diese scheint bei dem Ehepaar gegeben. "Im Gespräch finde ich heraus, welche Nährstoffe fehlen", sagt Bischoff. "Bei den B.s ist es vor allem Eiweiß." Das überrascht sie nicht. Die meisten Senioren nehmen zu wenig davon zu sich, hat Bischoff in ihrer Ambulanz beobachtet.

Als Faustregel gilt: pro Kilogramm des Idealgewichts täglich ein Gramm Eiweiß. Hans-Dieter B. müsste etwa 80 Gramm davon essen, kommt aber nur knapp auf die Hälfte. "Wenn der Körper das Eiweiß nicht durch Nahrung bekommt, holt er es sich aus den Muskeln", erklärt sie. Für den 74-Jährigen ist das neu – er überlegt auch gleich, wie er seine Rationen aufwerten kann. "Mit 150 Gramm Magerquark ist Ihr Bedarf schon fast zu einem Viertel gedeckt", ermuntert Bischoff und reicht ihm eine Übersicht zum Eiweißgehalt in Lebensmitteln.

Der feste Entschluss "Ich will abnehmen" führt die Patienten in eine ambulante Klinik. "Da hat sich der Patient schon vorher intensiv mit dem Gedanken befasst und ist motiviert", sagt Psychologin Leibrecht. Der nächste Schritt besteht in der Selbst­beobachtung: Einer der häufigsten Tipps, den Diätassistenten geben, ist das Führen eines Ernährungstagebuchs. "So bekommt man ein Gefühl für das Essen", erklärt Leibrecht. Der Patient lernt zu hinterfragen, wann und warum er isst. Doch auch Bewegung spielt eine wesentliche Rolle.

Aktiv im Alltag

ZEP-Gesundheitstrainerin Elke Zwilling weiß: Jeder kann im Alltag aktiver sein. Die Treppe statt den Lift nehmen, zu Fuß ­gehen statt Auto fahren – Möglichkeiten gäbe es viele. "Gehen Sie am besten jeden Tag eine halbe Stunde raus", empfiehlt sie. Uta B. möchte es zusätzlich mit Wassergymnastik versuchen, ihr Mann mit Seniorengymnastik. "Sie werden merken, schon fünf Kilo weniger machen einen enormen Unterschied."

Wer durch Sport die eigene Muskelmasse erhöht, kann sogar den Grundumsatz steigern – und dann purzeln die Kilos fast von alleine. Das ist vor allem für Frauen wichtig: Genetisch bedingt müssen sie aktiver trainieren, um Muskulatur aufzubauen. Doch selbst dann schmelze das Fett bei vielen nicht sofort am Bauch, sondern erst mal an Hüften oder Brust, erklärt Bischoff. Bei Hans-Dieter B. sei dagegen schon viel gewonnen, wenn er sich einfach mehr bewege und mehr Eiweiß esse.

Das Paar werde sich nun eine Ernährungsberaterin in ihrem Heimatort suchen, die ihnen hilft, ausgewogener zu essen. Die Kosten für eine solche Maßnahme übernimmt in der Regel die Krankenkasse (vorher fragen). In einem halben Jahr möchten sie sich wieder vermessen lassen. Für den 74-Jährigen sind die konkreten Zahlen ein Ansporn, seine Gesundheit ernster zu nehmen. Und auch seine Frau ist entschlossen: "Ich werde es durchziehen!"

Nachgefragt: "Am besten ganzheitlich denken"

Wie oft werden Sie als Apothekerin nach Abnehmtipps gefragt?

Geht es auf den Sommer zu, immer öfter.

Was raten Sie dann?

Kneift die Hose, weil man sich im Winter wenig bewegt, mehr gegessen und da­rum zugelegt hat, dann reicht es vielleicht, weniger Süßes zu essen, wieder rauszugehen und aktiv zu werden.

Oft ist das Problem gewichtiger . . .

Da sehe ich genau hin. Hat jemand kein deutliches Übergewicht mit einem BMI ab 30, hinterfrage ich den Wunsch. Denn im Alter dünn zu sein ist nicht für jeden gesund. Wichtig ist, was der Arzt rät.

Und wenn er für Abnehmen plädiert?

Viele fragen dann nach Mitteln. Eiweißreiche Drinks dämpfen das Hunger­­gefühl. Und die ersten verlorenen Kilos können motivieren dranzubleiben. Auf Dauer sollte man aber anders essen.

Wie sollte der Speiseplan aussehen?

Ausgewogen und bunt: Essen Sie sich an frisch zubereitetem Gemüse satt. Wählen Sie Vollkorn- statt Weißbrot und möglichst wenig Zucker.

Unsere Expertin: Ina Schulze-Sfeliniotis, Apothekerin aus München


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