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"Hilfe, ich schäme mich so!"

Scham ist manchmal kaum zu ertragen. Wie wir lernen, mit diesem mächtigen Gefühl besser umzugehen

von Raphaela Birkelbach, 20.05.2021

Die 96-jährige Frau liegt im Sterben. Durst quält sie. "Möchten Sie Saft oder Wasser?", fragt die Hospizhelferin. Die Augen der Kranken bitten um etwas anderes. "Sekt?" Die fast Hundertjährige nickt. Schluck für Schluck trinkt sie den ersten Sekt ihres Lebens. Das Glück bekommt ein Gesicht.

Vielleicht war in ihrer Familie Alkohol einst verpönt. Oder er schickte sich nicht für eine Frau. Wer weiß. Dr. Stephan Marks aus Stegen will die Szene nicht aus dem Kopf. "Um Schamgefühle leben zu können, ist es wichtig, dass sie sein dürfen", sagt er. Die Helferin habe den Raum dafür geschaffen.

Der Sozialwissenschaftler schult andere im Umgang mit der komplexen Seelenlage. Pflegekräfte, Richter, Lehrer, also die, die in ihrem Beruf jemanden leicht verlegen machen können. "Zu sagen, man brauche sich nicht zu schämen, funktioniert nie. Davon verschwindet das Gefühl nicht", sagt Marks. Dazu ist die starke Emotion zu tief im Menschen verankert.

Doch was ist Scham eigentlich? "Viele Leute setzen sie mit Schuld gleich", meint Maren Lammers aus Hamburg. Die Psychotherapeutin hat Fachbücher über diese Gemütslage geschrieben – und unterscheidet: Scham beziehe sich mehr auf die gesamte Person, sagt sie. Schuld hingegen auf konkretes Verhalten. "Man sagt ja auch ‚Ich schäme mich!‘, aber ‚Ich habe Schuld!‘"

Ein verdrängtes Gefühl

Forscher sind sich eins: Wer sich schämt, glaubt, von der Gesellschaft vorgegebene Werte nicht zu erfüllen, fühlt sich bloßgestellt und abgelehnt. "Um das nicht aushalten zu müssen, verdrängen wir Schamgefühle oft", erklärt Marks.

Mancher igele sich dann wie in Schockstarre ein und blocke ab. Andere, so der Emotionsforscher, wälzen ihre innere Qual auf andere ab "und traktieren sie mit Vorwürfen, die eigentlich ihnen selbst gelten".

Experten sehen aber auch einen Nutzen in dieser mächtigen menschlichen Regung: Für das soziale Miteinander sei Scham eine enorme Triebfeder, betont der Sozialwissenschaftler. "Scham hilft uns, nicht hemmungslos zu handeln, andere nicht zu verletzen und uns persönlich weiterzuentwickeln. Sie hütet die Würde des Menschen."

Ältere Menschen stehen oft unter besonderem Leidensdruck

Natürlich hat Scham viele Facetten. Manchem treiben bereits kleine Patzer die Röte ins Gesicht. Ein Fettfleck prangt auf der Bluse. Ein flapsiger Spruch rutscht über die Lippen. Eine kleine Notlüge wird aufgedeckt. Doch dieses "O Gott, wie peinlich"-Gefühl flaut meist rasch ab.

Bei anderen sitzt der Stachel tiefer und quält nicht nur vor Publikum. Wer weiß von meiner Sozialhilfe? Wer lästert über mein starkes Übergewicht? Was habe ich im Vollrausch getan? Erst recht möchte der am liebsten im Boden versinken, der sich vor dem Gesetz schuldig gemacht hat – wegen Betrug, Diebstahl oder Schlimmerem.
Im Alter drohen eigene Blamagen.

Senioren in den Medien wirken immer gesund, munter und attraktiv. Schein, der sich mit dem Sein häufig nicht deckt. Krankheit und Gebrechlichkeit machen verletzlich: Der Urin
tropft wegen einer schwachen Blase in die Hose. Die Frauenärztin sieht den nackten Hängebusen. Und was soll die Fußpflegerin denken? "Manche Leute zögern wochenlang, bevor sie mir ihren Nagelpilz zeigen", erzählt Claudia Kros, Krankenschwester und Podologin aus Nieheim.

"Viele glauben leider fälschlicherweise, ich halte sie für dreckig."  In der Pflege stößt Claudia Kros ebenso an Grenzen: "Vielen ist es unangenehm, wenn ich sie im Intimbereich wasche." Andere leiden, weil sie nach einem Schlaganfall nicht sprechen oder Stuhlgang nicht halten können. Mancher entschuldigt sich dafür. "Ich verstehe, wie sich der Patient dann fühlt", tröstet Kros. "Als Krankenschwester kann ich aber damit umgehen. Es stört mich nicht."

Klärende Gespräche führen

Je älter Menschen werden und je näher der Tod rückt, "desto stärker drückt die Frage: Was habe ich in meinem Leben falsch gemacht?", weiß Johanna Schröder. Die Psychologin von der TU Braunschweig forscht über Scham und Schuld am Lebensende.

Sie hat Mitarbeiter in Heimen, Hospizen und auf Palliativ­stationen befragt. Auch einige Patienten. "Manche haben mir gesagt: ‚Ich habe mich schuldig gefühlt, deswegen habe ich mich geschämt.‘" Beim Rückblick aufs Leben vermischen sich die Gefühle, so Schröder. "Scham kann zu Schuld werden und umgekehrt."

Konkret ansprechen, was schwer auf der Seele lastet, scheuen die meisten trotzdem. "Das machen Ältere gerne mit sich alleine aus", weiß Psychologin Schröder aus Erfahrung. Oder sie wissen nicht, wie sie ein Gespräch anfangen sollen, und schweigen lieber. Ein Dilemma, das besonders Sterbende quält.

Klärende Aussprachen befrieden. Dabei gehe es weniger ums Verzeihen als darum, wieder in Kontakt zu treten, hat Schröder in Hospizen und auf Palliativstationen beobachtet: "Kann eine alte Dame etwa sagen: ‚Meine Tochter und ich sind gut miteinander‘, entlastet das ihre Seele."

Ein reines Gewissen

Die Emotionsforschung an der TU Braunschweig zeigt auch: Stellen sich Hochbetagte Scham- und Schuldgefühlen, geben Gebet und Beichte vielen Halt. Die Krankensalbung spendet letzten Trost. "Religion hilft, mit sich ins Reine zu kommen", sagt Wissenschaftlerin Schröder. "Gerade ältere Menschen sind durch religiöse Traditionen von klein auf stark geprägt worden."

Je früher Menschen sich mit ihren Schamgefühlen auseinandersetzen, desto besser. Davon ist Psychotherapeutin Maren Lammers aus Hamburg überzeugt. "Manch einer schämt sich schon sein ganzes Leben wegen allem und jedem und empfindet sich selbst als schlechten Menschen", erläutert Lammers. Dahinter stecke oft ein mangelndes Selbstwertgefühl. Auch eine Depression ist oft ein Auslöser.

Ein Blick zurück mithilfe eines Profis hilft, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen: Wann sind die Gefühle entstanden? Wurde mir schon als Kind eingeredet, dumm oder zu dick zu sein? Warum glaube ich das?

Die Therapeutin durchlebt die Schmach mit den Klienten noch einmal. "Ich spüre, wie ich sie entlaste, wenn ich anders als etwa die Eltern reagiere." Gut, wenn sich jetzt der Schalter umlegt. Gut, wenn der Gedemütigte wütend begreift: "Nicht mich, sondern andere sollte ein schlechtes Gewissen plagen."

Die Schwächen als Stärken begreifen

Schritt für Schritt dröselt die Therapeutin mit ihren Klienten auf, welche Erziehungsparolen und Leitsätze sie unwidersprochen verinnerlicht haben, obwohl sie ihnen nicht (mehr) entsprechen.

Außerdem lernen sie, die vermeintliche Schwäche auch als Stärke zu begreifen: "Menschen, die viel Schamgefühl erfahren haben, sind meist sehr einfühlsam", sagt Lammers. Sie öffnen vielleicht anderen den Raum, den Schamgefühle brauchen, um sein zu dürfen.

Scham ist menschlich. Sprechen Sie möglichst offen an, wofür Sie sich schämen:

 

  • Die Stimme der Eltern mahnt im Kopf? Hinterfragen Sie, ob die Worte noch zu Ihnen passen.
  • Angenommen: Einem guten Freund passiert der Fehler, der Ihnen bereits unterlaufen ist. Mögen Sie ihn noch?
  • Sagen Sie sich: "Aus meinem Fehler lerne ich. Beim nächsten Mal mache ich es besser."
  • Denken Sie nicht ständig darüber nach, was andere an Ihnen gut oder schlecht finden.
  • Stärken Sie Ihren Selbstwert. Sagen Sie sich mehrmals laut am Tag: "Ich bin im Ganzen gut so, wie ich bin!"