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Unterstützte Kommunikation

Blicke, Knöpfe, Tastaturen: So hilft Technik, wenn Sprechen wegen Unfall oder Krankheit nicht mehr möglich ist

von Elsbeth Bräuer, 20.09.2021
Unterstützte Kommunikation

Man sagt, viele Paare entwickeln im Lauf der Ehe ihre eigene Sprache. Bei Sven Flögel und seiner Frau Carina war es wirklich so. Jahrelang mussten sie sich über eine Geheimsprache verständigen. Denn Sven Flögel konnte nach einem Hirnstamminfarkt plötzlich nicht mehr sprechen, sondern nur noch mit den Augen blinzeln.

28 war er da, das Paar war verliebt, der Schock groß. "In dem Alter rechnet man nicht mit so etwas", sagt seine Frau. Vom Hals abwärts war Flögel gelähmt, geistig aber völlig klar. Kommunizieren ging nur mühsam, über eine Buchstabentafel. Fieberhaft suchten sie nach einer Alternative.

Auf einer Technik-Messe in Düsseldorf testete Flögel Sprachhilfen: "Ich war endlich wieder Teil dieser Welt. Ich konnte ganz genau formulieren, was ich denke, möchte, fühle!" Ein Befreiungsschlag. Auf der Messe kam vor lauter Aufregung nur Buchstabensalat zusammen.

Inzwischen ist Flögel Profi im Umgang mit dem Sprachcomputer. Mit den Augen reiht er Buchstaben und Symbole auf dem Bildschirm aneinander. Die Maschine liest vor – mit der Stimme "Klaus", keine kühle Computerstimme, sondern lebensnah, sie kommt seiner echten Stimme am nächsten.

Lebensqualität durch Technik

Jeder will kommunizieren und verstanden werden. Aber manchmal machen ein Unfall oder eine Krankheit das Sprechen unmöglich: ein Schlaganfall oder eine Kopfverletzung, ein Tumor oder Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Autismus oder Demenz. In solchen Fällen kann Technik dabei helfen, sich mitzuteilen. Das nennt sich "unterstützte Kommunikation" – und ist viel zu wenig bekannt. Wer sich jetzt bedrohlich blinkende Geräte und mechanische Computerstimmen vorstellt, liegt falsch. Es gibt praktische Bücher mit großen Symbolen, redende Schreibmaschinen und handliche Sprachausgabegeräte.

Mit speziellen Notrufknöpfen kann man Hilfe holen, mit den Augen das Licht ausschalten oder Mails schreiben. Eigentlich geht es nicht um Technik, sondern um den Menschen. Zwischen Sven Flögel und seiner Frau Carina sind wieder tiefgründigere Gespräche möglich: "Ich kann ihm erzählen, wie mein Tag war, und er kann darauf reagieren."

Kommunikation als Grundrecht

Kommunizieren zu können ist kein Privileg, sondern ein Recht. Nach § 82 SGB IX haben Betroffene Anspruch auf "Leistungen zur Förderung der Verständigung", darunter Kommunikationshilfen. Unterstützte Kommunikation ist eine Kassenleistung.

Aber welches Hilfsmittel eignet sich? Eine Internetrecherche verunsichert oft, schließlich gibt es Tausende Produkte. Experten helfen im persönlichen Gespräch weiter: Sie findet man über Beratungsstellen, Hersteller oder Sanitätshäuser. "Es gibt nicht die eine Lösung für ein Krankheitsbild, es ist wahnsinnig individuell", sagt Heilpädagogin Ina-Madlen Jacobs von der Caritas-Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation in Augsburg.

  • Unterstützte Kommunikation

    Hilfen auf Papier

    Jemand liegt nach Unfall oder Schlaganfall in der Klinik und kann nicht sprechen? Nun geht es darum, das Wichtigste mitzuteilen: Oft reichen Zettel mit kurzen Sätzen oder Symbolen aus. Etwa ein Blatt mit "Ja", ein anderes mit "Nein". Eines mit "Schmerzen im Kopf", eins mit "Schmerzen im Bauch". Mit Handbewegungen, Kopfnicken oder der Blickrichtung kann man die jeweilige Tafel auswählen.

  • Unterstützte Kommunikation

    Sprechende Schreibmaschine

    Fast selbsterklärend: Man tippt einen Satz, und das Gerät spricht diesen aus. Gerade ältere Menschen kommen mit dem Hilfsmittel gut zurecht – die Anzeige ist nicht überfrachtet und sieht nicht nach Computer aus. Man kann zwischen verschiedenen Stimmen wählen, etwa eine tiefe Männerstimme.

  • Unterstützte Kommunikation

    Mit Symbolen reden

    Einfache Talker sind Geräte mit großen Tasten mit häufig genutzten Symbolen. Zum Beispiel "Bitte Fenster öffnen", "Mir ist kalt" oder "Ich brauche Hilfe". Drückt man auf das Symbol, spricht das Gerät den Satz. Der Vorteil gegenüber der sprechenden Schreibmaschine: Es geht deutlich schneller, als Sätze zu tippen.

  • Unterstützte Kommunikation

    Mit den Augen sprechen

    Sprachcomputer lassen sich mit der Hand, Kopfbewegungen oder den Augen bedienen. Dabei wird der Computer "kalibriert", also auf die Augen eingestellt. Ein Sensor nimmt die Blickrichtung wahr. Mit den Augen steuert man Symbole (z. B. Trinken) oder einzelne Buchstaben an, verweilt kurz darauf und kann so auch komplizierte Sätze formen. Aktiviert man eine bestimmte Taste, spricht die Maschine das Geschriebene.

Fachleute kommen auf Wunsch nach Hause, wie Jacobs und ihre Vorgesetzte Christine Borucker. Sie achten auf körperliche und geistige Fähigkeiten – bei Wortfindungsstörungen eignen sich andere Hilfen als bei Lähmungen.

Wichtig ist aber auch, wie jemand lebt und welche Bedürfnisse er hat. "Ist jemand gewohnt, ein Smartphone zu benutzen, versucht man, die Hilfe daran anzubinden", sagt Borucker. Wer sich mit Handys schwertut, kommt vielleicht mit einer "sprechenden Schreibmaschine" besser zurecht. Oft geht es anfangs auch darum, die Person emotional aufzufangen. "Viele fallen in ein Loch, wenn sie die Sprache verlieren", so Jacobs.

Ausprobieren nehme oft Hemmungen, sagt auch Rehabilitationspädagogin Ste­phanie Leisner. Kleine Momente können motivieren, etwa wenn jemand ein Sprachausgabegerät ausprobiert und seine Frau in der Küche damit um einen Cappuccino bittet. Oder: "Einmal hat der Enkel, ein Zweitklässler, Sätze für den Opa ins Gerät gespeichert. Beide waren glücklich – die Mutter auch, weil das Kind gleich noch schreiben übt!"

Nicht nur der Betroffene, auch die Familie muss sich auf die neue Technik einstellen. "Geduld ist wichtig", sagt Beraterin Jacobs – auch wenn die Kommunikation mit der Buchstabiertafel Zeit braucht. "Manche steuern die Tafel sogar mit dem Fuß an, weil das am besten funktioniert. Nichts ist unmöglich, wenn es das Passende ist." Immer wieder muss man Hilfsmittel anpassen oder austauschen, gerade bei fortschreitenden Erkrankungen. Anfangs können MS-Patienten die Computermaus womöglich noch bedienen, später braucht es manchmal eine "Kopfmaus" – dabei steuert man den Zeiger mit Kopfbewegungen.

Neue Freiheiten

Für Sven Flögel heißt unterstützte Kommunikation: Lebensqualität. Mit dem Sprachcomputer kann er Freunden E-Mails schreiben, sich auf Partys unterhalten, ohne dass seine Frau danebenstehen muss, Pflegekräften Anweisungen geben. Er kann die Haustür zumachen, das Licht einschalten. Wie sehr das Gerät den Alltag erleichtert, wurde deutlich, als die Technik streikte. "Der PC war kaputt, und die Lieferzeit für den neuen betrug vier Wochen", erzählt Ca­rina Botkowska-Flögel. "Mein Mann sagte: Das ist, als hätte man mir wochenlang den Mund zugeklebt."

Auch sie selbst hat durch den Computer neue Freiheiten gewonnen. "Jetzt kann ich auch mal weggehen. Vorher fühlte ich mich immer auf der Flucht." Das System ist mit ihrem Handy vernetzt. Verspätet sie sich um eine halbe Stunde, schreibt sie ihrem Mann einfach eine SMS: "Alles okay?" Und bekommt dann die Nachricht: "Alles gut." Außerdem, sagt Carina Botkowska-Flögel und lächelt: "Jeder Mann möchte mal was erzählen, was die Frau nicht hören soll. Trotz der Pflege sind wir ein ganz normales Ehepaar und geraten uns manchmal in die Haare. Jetzt kann er sich bei Freunden über mich aufregen!"